"Eyes Wide Shut" (GB/US 1999) Kritik – Ein sexuelle Odyssee durch die Traumwelt

„Und ein Traum, ist niemals nur ein Traum.“

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Am 7. März des Jahres 1999 verließ uns einer der besten und prägendsten Regisseure der Filmgeschichte: Stanley Kubrick. Mit Filmen wie ‚Uhrwerk Orange‘, ‚2001‘ und ‚Full Metal Jacket‘ schrieb er immer wieder Filmgeschichte. Sein letzter Film, ‚Eyes Wide Shut‘, der kurz vor seinem Tod fertiggestellt wurde, kann sich ohne weiteres in die Reihe seiner großen Meisterwerke stellen.

Der Film lebt von seiner unbändigen und kraftvollen Atmosphäre. Die kalten Bilder, mit dem ständigen erotisch-bedrohlichen Unterton, zählen zu den fesselndsten der Filmgeschichte. Dazu das minimalistische Klavierstück, das trotz seiner Einfachheit, das Maximum an Wirkung entfachen kann und jeden in einen Rausch zieht, aus dem es kein Entkommen gibt. Aber auch der tolle Soundtrack selbst, meisterhaft komponiert von Jocelyn Pook, sorgt in genau den richtigen Momenten für Gänsehaut.

In der Hauptrolle glänzt ein mehr als hervorragend aufspielender Tom Cruise als Dr. Willam Herford. Mit seiner ausgefeilten Charakterdarstellung gibt er den schockierten Ehemann, auf der Suche nach Abenteuern, wirklich toll. Nicole Kidman als Ehefrau Alice bekommt nicht die gleiche Screentime wie ihr damaliger Ehemann Cruise, kann sich in ihren Szenen aber ebenfalls wunderbar entfalten und vor allem im Zusammenspiel mit Cruise glänzen. Wer könnte schon ein Ehepaar besser und hemmungsloser spielen, als ein echtes Ehepaar? In den überzeugenden Nebenrollen sehen wir den leider schon verstorbenen Sydney Pollack als undurchsichtigen Victor Ziegler und Sky du Mont als Sandor Szavost.

Der New Yorker Arzt Willam wird zu Hause, nach einem gemeinsamen Partybesuch mit Gattin Alice, mit ihren sexuellen Phantasien konfrontiert. Er verlässt das Haus und zieht durch die Nacht, immer auf der Suche nach einem neuen Abenteuer. Bis er sich plötzlich auf einer Zeremonie wiederfindet und schlagartig in höchster Lebensgefahr schwebt.

In ‚Eyes Wide Shut‘ eröffnet uns Stanley Kubrick eine Odyssee durch die Nacht, so wie die Reise durch die Gefühlswelt und Innenleben von Ben und Alice. Ben ist schockiert von den deutlichen Phantasien seiner Frau, die es in ihrem Kopf mit einem Offizier, den sie im gemeinsamen Urlaub mit William und ihrer Tochter gesehen hat, hemmungslos treibt. Ein Wort, so sagt sie, hätte vom Soldaten genügt und sie hätte alles für ihn stehen und liegen gelassen. Das alles, was aus Zuneigung, Vertrauen und Wärme besteht, wäre für eine wilde Nacht mit einem fremden in die Brüche gegangen.

Der Schock sitzt tief bei William und Klarheit kann nicht eingefangen werden. Also zieht er los. Zieht los, um sich nicht nur in den Gedanken an ihr zu rächen, sondern auch in der Realität, auch wenn er nun in diesem Fall eine Ehe, die zu Anfang noch einen heilen Eindruck gemacht hat, zerstört. Von Prostituierten bis zu einem schwulen Hotelangestellten. William hat Chancen und Möglichkeiten, die er so gut wie im jedem Fall im Voraus bezahlt. Doch es gelingt nicht. So nah die verbotene Versuchung auch steht, so fern ist das Eintauschen in dieses Abenteuer.

Durch einen alten Studienkollegen, der nun als Musiker durch die Welt zieht, erhält er eine Adresse mit Passwort für ein abgelegenes Anwesen auf dem Land. Maskiert, wie gewünscht, trifft er dort ein und trifft auf weitere maskierte Menschen. In der Mitte des Saales findet eine Art Ritual statt, begleitet von befremdlich, fast Okkult wirkenden Sätzen. Frauen entkleiden sich und suchen sich einen Partner zum Sex. William befindet sich mitten in einer Orgie, in der er trotzt Maske ein purer Fremdkörper ist. Er verfolgt die Entmenschlichung des Natürlichen und wird dabei enttarnt.

Die Ritual-Szene gehört zu einer der Spannendsten, Beunruhigendsten und Unvorhersehbarsten überhaupt. Als Zuschauer wird man fast unerträglich auf die Folter gespannt und erstarrt beinahe vor dem Film.

‚Eyes Wide Shut‘ ist ein träumerischer Wachzustand, voller Wünsche, Gedanken und Realität. All das, was auch auf uns übertragbar und abfärbbar ist. Den Sex, den wir hier erleben, ist ohne Wärme und Liebe. Und William ist der Antikörper auf der Suche nach Neuem, obwohl er sich eigentlich nach der Zuneigung seiner Frau sehnt und in ihrem Schoß die klare, aber verlorene Annahme finden will. Doch ihre Träume sind zu greifbar und William spielt keine Rolle, während Alice in ihnen Sex mit unzähligen Männern hat. Alptraum voller Hingabe, oder verführerische Phantasie voller Abneigung? Das ist klare Interpretationssache.

Kubrick führt uns die Problematik der Sexualität vor. Nicht als Gesellschaftskritik, sondern als Verwirklichung der vertrauten Fremde. Der Film verschließt die Augen und sieht gleichzeitig klarer denn je. Genau wie wir als Zuschauer, die zwar immer die Augen offen haben, aber zu jeder Sekunde diesen Zustand aus Realität und Traum, Wahrheit und Lüge voll und ganz auskosten. Ob wir dabei schlussendlich die Augen vor uns selbst verschließen, oder gar durch die Augen eines Fremden blicken wollen, das kann nur jeder für sich selbst beantworten. Dieses Gefühl der Wahrheit ist einfach unvergesslich und unverfälschbar, genau wie ‚Eyes Wide Shut‘.

Der Abschied von Stanley Kubrick ist mehr als würdig, denn ‚Eyes Wide Shut‘ ist ein perfekt proportioniertes Meisterwerk, mit grandiosen Bildern, fantastischen Schauspielern, brillanter Atmosphäre und einem umklammernden Soundtrack. Eine Bereicherung für jede Filmsammlung. Eine Erweiterung für jeden Horizont, aber nur für die, die mit geschlossenen Augen sehen können.

Bewertung: 10/10 Sternen