"Die fantastische Welt von Oz" (USA 2013) Kritik – We’re off to see the Wizard, the Wonderful Wizard of Oz

Autor: Stefan Geisler

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„Am I dreaming?“

Eine ähnliche Popularität wie in europäischen Gefilden die Märchen der Gebrüder Grimm, erlangte um 1900 in Amerika Frank Baums „Der Zauberer von Oz“. In diesem modernen Märchen verschlägt es das Farmermädchen Dorothy in das fantastische Land Oz. Dort findet sie zwar neue Freunde wie die Vogelscheuche, den Blechmann und den feigen Löwen, muss sich aber auch mit bösen Hexen und fliegenden Affen herumschlagen. Weltruhm erlangte Baums modernes Märchen durch Victor Flemings gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 1939, in welcher Judy Garland als Dorothy durch eine quietschbunte Welt hüpft, springt und singt. Auch wenn das Musical heutzutage etwas altbacken und albern wirken mag und durch die schrägen Bewohner, die repetitiven Lieder und die schrille Farbgebung etwas von einem Fiebertraum besitzt, ist die Bedeutung von „Der Zauberer von Oz“ für die Filmwelt und die Popkultur nicht zu unterschätzen. Niemand Geringeres als der „Tanz der Teufel“-Regisseur Sam Raimi, seines Zeichens bekennender Oz-Jünger, soll nun das fantastische Land auf der großen Leinwand im neuen Glanz erstrahlen lassen. Ein ehrgeiziges Unterfangen, zumal in „Die fantastische Welt von Oz“ nun nicht die Geschichte der kleinen Dorothy, sondern die des cleveren, aber verschlagenen Zauberers von Oz erzählt werden soll.

Mit einem Wanderzirkus reist der Rummel-Scharlatan Oscar „Oz“ Diggs (James Franco) durch die USA und führt gemeinsam mit seinem Assistenten Frank (Zach Braff) gegen eine geringe finanzielle Entlohnung seine magischen Spielereien vor. Doch nicht nur in der Kunst der Magie, sondern auch in der Kunst der Verführung versteht sich der durchtriebene Magicus, eine Fähigkeit, die ihm auch immer wieder Probleme beschert. Nach einem erneuten erotischen Fehltritt sucht Oz sein Heil in der Flucht, versteckt sich in einem Heißluftballon und kappt die Seile. Eine schlechte Idee, denn als unerwartet ein Tornado aufkommt, gibt es für ihn keine Möglichkeit diesem zu entkommen…

Regisseur Sam Raimi hat sich schon immer in der Welt des Fantastischen wohlgefühlt. Superhelden, Monster und Dämonen bevölkerten die bisherigen Arbeiten des ambitionierten Regisseurs. Dass der gebürtige Amerikaner auch in der Lage ist, ein großes Budget zu händeln, konnte er bereits mit seiner „Spider-Man“–Trilogie unter Beweis stellen. Dementsprechend nahe lag es, dem Fantasten das millionenschwere Oz-Prequel „Die fantastische Welt von Oz“ an die Hand zu geben. Doch bereits nach den ersten Trailern wurden kritische Stimmen laut, die Raimis modernen Märchenfilm bereits als Tim Burtons „Alice im Wunderland 2.0“ abstempeln wollten. Doch zumindest was den visuellen Einfallsreichtum angeht, ist Raimi Burton einen ganzen Schritt voraus. Das beginnt schon mit der Eröffnungssequenz, in welcher der Zuschauer mit dem Budenmagier Oz durch die Lande ziehen und Zeuge seiner „außergewöhnlichen“ Zaubershow werden darf. Ganz wie im Original wird auch hier die Anfangspassage im klassischen schwarz-weiß gehalten, was einerseits natürlich eine Hommage an den Oz-Klassiker von 1939 ist, andererseits aber auch die perfekte Farbgebung für die Tristesse darstellt, in welcher sich Hauptcharakter Oz befindet, denn weder in seinem Job noch in seinem kurzlebigen erotischen Abenteuern findet der Rummelmagicus die Befriedigung, die er sich wünscht.

Erst wenn man nach einer Viertelstunde im zauberhaften Oz angekommen ist, gehen einem sprichwörtlich die Augen auf, denn binnen weniger Sekunden verwandelt sich „Die fantastische Welt von Oz“ vom Retro-Film zum modernen Kino-Erlebnis: Raimi schaltet in diesem Moment seinem Film nicht nur von schwarz-weiß auf Farbe, sondern vergrößert auch noch die Leinwand vom Normalformat zu Cinemascope und lässt statt Mono-Sound jetzt Stereo-Klänge auf den Zuschauer einprasseln. Das Kino als Zufluchtsstätte vor der Monotonie des Alltags: Wer in diesem Moment noch nicht weiß, warum gerade das Kino ein wahrhaft magischer Ort sein kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Diese Botschaft unterstreicht Raimi auch im großen Finale noch einmal, wenn er eindrucksvoll die Macht der bewegten Bilder als Illusion des Wirklichen dem Zuschauer vor Augen führt.

So kreativ sich Raimi auch im Umgang mit den technischen Möglichkeiten gibt, so ideenlos und gradlinig ist dagegen das Drehbuch von Mitchell Kapner („Keine halben Sachen“) und David Lindsay-Abaire („Die Hüter des Lichts“). Kann dieses Manko am Anfang noch durch den hohen Schauwert des Fantasy-Spektakels wettgemacht werden, fällt dieser Negativ-Aspekt mit zunehmender Spielzeit mehr und mehr ins Gewicht. Wenn hier mittels weniger, plumper Dialoge hochtragende emotionale Momente kreiert werden sollen und Charaktere eine komplette 180-Grad-Wendung erleben, dann wirkt das Ganze äußerst gehetzt und regelrecht lieblos.

Zwar war auch im „Der Zauberer von Oz“ von 1939 die Simplizität des Drehbuchs eines der großen Mankos des Films, jedoch standen hier auch immer die musikalischen Einlagen im Vordergrund. Eine Entschuldigung, die man für Raimis Prequel nicht geltend machen kann, denn bis auf eine Munchkin-Gesangseinlage gibt es für Musicalfans wenig Grund zur Freude. Dennoch sollten gerade Fans des Originals dem Film eine Chance geben, denn ein Wiedersehen mit alten Bekannten gibt es auf jeden Fall, sei es nun die Leibgarde der bösen Hexe oder die fliegenden Affen, die jetzt Raimi-typisch einen deutlich düsteren Anstrich erhalten haben.

Fazit: Sam Raimis Oz-Prequel „Die fantastische Welt von Oz“ ist eine albern-kunterbunte Achterbahnfahrt für die Sinne und wird dem Geist seiner Vorlage weitestgehend gerecht. Deutliche längen in der Mitte und ein uninspiriertes Drehbuch schmälern jedoch das Filmvergnügen, da können selbst das fulminante Finale und der fantastisch besetzte Cast nicht vollends drüber hinwegtäuschen.

P.S: Ein Kinobesuch in 3D lohnt sich in „Die fantastische Welt von Oz“, denn hier „sprengen“ die 3D-Effekte im wahrsten Sinne den Rahmen 😉