"Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung" (USA 2015) Kritik – Vollgas mit einem Kloß im Hals

Autor: Pascal Reis

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„I don’t have friends, I got family.“

Man muss es sich einfach nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Das einst so reizlose „The Fast and the Furious“-Franchise rast in diesem Jahr mit quietschenden Reifen tatsächlich schon in die siebte (!) Runde. Wer hatte nach dem desaströsen „The Fast and the Furious – Tokyo Drift“ schon eine Ahnung von dem qualitativen Quantensprung haben können, der sich in „Fast & Furious – Neues Modell. Originalteile“ schon leise anbahnte, in „Fast & Furious 5“ dann aber wie entfesselt aus allen Nähten platzte. Inzwischen hat sich die Reihe zu einem wahren Happening entwickelt, welches nicht nur Autofanatiker anlockt, sondern auch den Action-Fans der alten Schule das Bäuchlein pinselt. Wenngleich der immer noch durchaus gelungene „Fast & Furious 6“ zwar nicht an den furiosen Vorgänger anknüpfen konnte, hat es nun mit „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ die Episode in die Lichtspielhäuser geschafft, auf der die meisten Augen gerichtet sein werden – Und das selbstverständlich aus einem äußerst tragischen Umstand heraus.

Der schockierende Unfalltod des gerade einmal 40-jährigen Paul Walkers am 30. November 2013 legt sich wie ein melancholischer Schleier fortwährend deutlich spürbar über das Haupt der Produktion. Es wäre eine auf Verlogenheit basierende Lüge, würde man Paul Walker nun aufgrund seines plötzlichen Dahinscheidens als außergewöhnliche Schauspielgröße über den grünen Klee hieven, eine akzeptable Genre-Type aber steckte zweifelsohne in dem blonden und blauäugigen Sonnyboy aus Kalifornien. Wie also wäre es möglich, Paul Walkers letzten Auftritt pietätvoll umzusetzen, ohne seine Figur, den ehemaligen FBI-Agent Brian O’Connor, grobschlächtig aus dem Film zu schreiben, wie es zuerst versucht, zum Glück aber nicht umgesetzt wurde. Mit Hilfe passender Body Doubles (seine Brüder Cody und Caleb Walker standen postwendend parat) und den erstaunlichen Fähigkeiten der Hochleistungsrechner, dürfen wir uns nun nicht nur an Paul Walkers 130-minütigen Vermächtnis sattsehen, sondern auch jede Menge Spaß dabei haben, bis – womöglich – auch mal eine salzige Perle aus dem Knopfloch gewischt werden darf.

Um es vorweg gleich klarzustellen: Das Drehbuch von Chris Morgan ist genauso krude, wie wir es vom Franchise seit jeher gewohnt war. Unwahrscheinlichkeiten und sonderbare Schnellschussherleitungen pflastern den Weg von einem sensationellen Set Piece zum nächsten. Es macht aber auch gar keinen Sinn, sich an den klaffenden Logiklöchern von „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ aufzureiben, bekommen wir doch wieder einmal eine grelle Action-Sause serviert, die sich rein durch ihre Fotografien zu artikulieren versteht. Nachdem in „Fast & Furious 6“ halb London in Schutt und Asche gelegt wurde, um den niederträchtigen Owen Shaw (Luke Evans) das verruchte Handwerk zu legen, ist es nun sein Bruder Deckard (Jason Statham), dem es nach Rache dürstet. Und so etabliert sich „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“, der mäßige Untertitel verrät es bereits, erst einmal als nach alttestamentarischen Prinzipien ausgerichteter Revenge-Flic, in dem Jason Statham unsere liebgewonnene Gruppe um Dominic Toretto (Vin Diesel) und Co. nacheinander zerschlagen möchte.

Natürlich hat er sich da mit den Falschen angelegt, auch wenn er Muskel- und Charismaberg Dwayne Johnson zu Anfang direkt mal auf die Krankenstation befördern darf. Mit James Wan hat das „The Fast and the Furious“-Universum nun auch einen Regisseur gefunden, der es versteht, wie man zünftig Krach macht. Wo die grobmotorische Handhabung Wans in seinen dürftigen Horror-Hommagen „Insidious“ oder „The Conjuring – Die Heimsuchung“ noch negativ aufstieß, kommt nun quasi mit seiner Person und „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ das zusammen, was auch zusammen gehört. Dass dem australischen Filmemacher auch gleich die Ehre zuteil werden sollte, ausgerechnet diesen vom Schicksal emotional besonders aufgeladenen und irgendwie morbide erscheinenden Teil unter seine Fittiche zu nehmen, hat wahrscheinlich einige Anspannungen auszustehen in Anspruch genommen. Wan aber macht seine Sache ordentlich bis ziemlich gut und beherrscht es partiell vortrefflich, den kinetischen (Über-)Druck, der in den aufgeplusterten Fotografien kontinuierlich wabert, wie ein Schuljunge im Spielzimmer freizulegen.

Freilich ist es unlängst Usus geworden, dass die physikalischen Gesetzmäßigkeiten innerhalb der „The Fast and the Furious“-Vehikel außer Kraft treten, „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ aber ist nun endgültig an einem Punkt gekommen, an dem die Übertreibung nicht mehr nur einfach praktiziert wird, sondern wie eine penetrante Neonreklame über allen halsbrecherischen Set Pieces justiert wurde: Infernalische Pyrotechnik, todessehnsüchtige Sprünge mit dem Automobil von einem Wolkenkratzer zum nächstgelegenen und wenn sich einer der Boliden dann mal wieder überschlägt, dann gleich unzählige Male, selbst in den luftigsten Höhen, um dann noch einen Abhang hinunter zu dreschen und gnadenlos in ein anderes Gefährt hineinzuschleudern. „Fast & Furious 7 – Zeit für Vergeltung“ generiert wirklich entzückenden Proll-Überschwang, sobald es kracht, leuchten die Augen, und dass sich die markigen Charaktere ohnehin langsam ins Herz gespielt haben, macht die letzte Sequenz erst so richtig gewichtig. Niemand hätte wohl gedacht, dass es irgendwann mal wirklich in den Bereich des Möglichen rutschen würde, eine „The Fast and the Furious“-Episode zu sehen, die tatsächlich berühren darf.

Ein würdiger Abschied, eine angemessene Trauerrede.