"Fear and Loathing in Las Vegas" (USA 1998) Kritik – Träume sind Schall und Rauch

„Wir hatten zwei Beutel Gras, fünfundsiebzig Kügelchen Mescalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, ’nen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers, Heuler, Lacher … sowie ’nen Liter Tequila, ’ne Flasche Rum, ’ne Kiste Bier, ’nen halben Liter Ether und zwei Dutzend Poppers. Nicht, dass wir das alles für unseren Trip brauchten, aber wenn man sich erst mal vorgenommen hat, ’ne ernsthafte Drogen-Sammlung anzulegen, dann neigt man dazu, extrem zu werden.“

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Der sogenannte Gonzo-Journalismus ist in Deutschland nicht gerade jedem bekannt, deswegen dürfte die Erklärung zu Anfang durchaus von Nöten sein. Hinter diesem Gonzo-Journalismus versteckt sich eine Art subjektive Berichterstattung und Schreibform, bei dem sich der Journalist oder Verfasser ein beliebiges Thema aussucht, dieses aber nicht sachlich und unvoreingenommen darstellt und erläutert, sondern sich selber mit dem Bericht in Verbindung bringt. Dabei vermischen sich die autobiografischen Tatsachen mit dem Realismus und der puren Fiktion, gerne untermauert von groben wie politisch inkorrekten Ausdrücken, die sich von Zynismus und Sarkasmus umkreisen lassen. Der berühmteste Gonzo-Journalist war Hunter S. Thompsen, der gerade durch seinen Schlüsselroman „Fear and Loathing in Las Vegas“ quasi zu einer Kultfigur wurde und dessen Beschreibungen aus seinem Buch schon Legendenstatus haben. Unverfilmung war natürlich das erste Wort, was Thompsens Buch bedecken durfte, doch das stoppt die Filmwelt natürlich nicht, zum Glück kann man in manchen Fällen sagen. Wie auch im Falle von „Fear and Loathing in Las Vegas“, der 1998 vom Ex-Monty Phyton Mitglied Terry Gilliam kongenial auf die Leinwand gebracht wurde.

Eigentlich sollte Raoul Duke, ein Sportjournalist, nur nach Las Vegas fahren und einen Bericht über das Offroad-Rennen Mint 400 schreiben. Als Begleiter hat er an seiner Seite seinen etwas verschrobenen Kumpanen und Rechtsanwalt Dr. Gonzo, mit dem die Reise nach Las Vegas alles wird, nur kein Trip mit Arbeitshintergrund, denn der Bericht wird schnell zur Nebensache. Mit einem Kofferraum voller verschiedenster Drogen, ein Auto mit offenem Verdeck, Hawaiihemden und einem Kassettenrekorder, der für ganz besonderes Momente gemacht ist, geht es in die Stadt der Sünde. Dabei treffen die beiden Weggetretenen auf einen langhaarigen Anhalter, Debbie Reynolds, Fledermäuse und auf ein minderjähriges Mädchen namens Lucy, welches mit Vorliebe Portraits von Barbra Streisand anfertigt. Angst und Schrecken machen sich in Las Vegas breit und zieht ihre skurrilen Wellen…

Getragen wird der Film von seinem fantastischen Hauptdarsteller Johnny Depp, der sich als Hunter S. Thompsen Alter Ego Raoul Duke in die höchsten Höhen bewegen kann. Depp spielt nicht nur, er wird zu dieser Figur, nicht umsonst verbrachte er viel Zeit mit Thompsen persönlich und freundete sich mit ihm an. Eine vollkommen überdrehte wie geniale Performance, die zu den besten in Depps wunderbarer Karriere zählt. An seiner Seite weiß auch Benicio del Toro als extrem eigenartiger Dr. Gonzo zu gefallen, der vor allem natürlich im Zusammenspiel mit Depp hervorragend funktioniert und seinen seltsamen Charakter immer exzellent wiedergibt. Aber zum Feeling trägt auch der toll gewählte Soundtrack seinen Teil bei, denn mit Liedern wie White Rabbit von Jefferson Airplane, Jumpin‘ Jack Flash von den Rolling Stones und She’s A Lady & It’s Not Unusual von Tom Jones können die Zeit genau einfangen und dem Zuschauer wiederspiegeln. Für eine ausgefallene Optik war Terry Gilliam ja schon immer gut, doch in „Fear and Loathing in Las Vegas“ konnte er das auf die Spitze treiben. Die Farben flackern, die Luft steht schwül in der Luft, die Bilder verschwimmen und hämmern dann wieder auf den Zuschauer ein, das dieser dann das Gefühl hat, er würde sich selber auf einem Trip befinden. Da muss das Lob natürlich auch an die Kameraführung von Nicola Pecorini, der den Zuschauer wie auf einer Achterbahnfahrt durchschüttelt und immer die richtigen Gefühle und Zustände auf ihn überträgt.

„Da is ne riesige Maschine am Himmel, eine Art elektrische Schlange, die direkt auf uns zukommt.“ – „Schieß das Ding einfach ab.“- „Noch nicht. Ich will ihre Gewohnheiten studieren.“

„Fear and Loathing in Las Vegas“ in würdige und passende Worte zu fassen, erweist sich, wie auch die Vorlage von Hunter S. Thompsen, als äußerst schwieriges Unterfangen. Terry Gilliam zieht uns in einen psychedelischen Rausch, der sich durch den Realitätsverlust und den schweren Halluzinationen seinen Weg ebnet und den Zuschauer, wie auch die extrem eigenwilligen Hauptakteure, durch einen Trip sondergleichen jagt. Wir dringen ein in die schwarze Seele des amerikanischen Traums. Ein Traum, der schon lange nicht mehr existent ist, seiner einstigen Bedeutung humpelnd folgt und in seiner desillusionierenden Schwere ganze Generationen zerbrochen hat. Nur zwei Männer wollen nicht aufgeben, wollen ihre Ideale nicht loslassen und reisen in die berüchtigte Stadt der Sünden und Verlockungen. Der letzte Ort, an dem Träume noch wirklich wahrwerden können. Der Platz, an dem ein Penner von jetzt auf gleich zu einem reichen Mann werden kann und ebenso der Ort, der einen sorgenfreien Menschen in unberechenbarer Geschwindigkeit zum Opfer machen kann. Eine selbstzerstörerische Reise durch die betäubte Seele und die tiefe Enttäuschung eines ganzen Landes beginnt, die sicher ihre unheimlich komischen wie absurden Szenen besitzt und allein durch das Verhalten der Hauptdarsteller zu großen Lachern animieren kann, dabei aber immer den kritischen Hintergrund bewahrt und sich selbst nie aus den Augen verliert. „Fear and Loathing in Las Vegas“ befindet sich irgendwo zwischen einer verwirrten wie fiktiven Kopfgeburt, einer subjektiven Illusion und dem realen Gedankengut, welches den Zuschauer in seiner unkonventionellen Tatsachenbeschreibung sofort wie ein paralysierender Lungezug tief in sich hineinsaugt und dabei trotzdem nie in die Verharmlosung des Drogenkonsums abdriftet.

Fazit: „Fear and Loathing in Las Vegas“ lässt sich ohne Probleme als eines der weiteren Meisterwerke der ganz besonderen Art in Terry Gilliams Schaffen bezeichnen. Ein Film wie ein unausweichlicher Rausch, der uns eine Welt eröffnet, die wir so noch nicht betrachten durften. Urkomisch, hypnotisch, absurd, skurril und mit den ernsten Grundtönen wird „Fear and Loathing in Las Vegas“ zwar zu einer klaren Geschmackssache, aber mit Sicherheit zu einem Film, der den Titel Kult mehr als nur verdient hat. Die hervorragende musikalische Untermalung, das visuelle Chaos und vor allem der perfekte Johnny Depp machen den Film zu einem klaren Must-See.

Bewertung: 9/10 Sternen