"Ferris macht blau" (USA 1986) Kritik – Die Schule schwänzen und das Leben genießen

„Das Leben bewegt sich sehr, sehr schnell. Wenn du nicht gelegentlich anhältst und dich umschaust, könntest du es verpassen.“

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Die Kinder der 1980er Jahre, teilen allesamt die gleichen Erinnerungen an dieses äußerst charakteristische Jahrzehnt. Es war die Zeit der Neuen Deutschen Welle: Nenas 99 Luftballons flogen berauschend um die Welt, Falco durfte Amadeus zum Punk stilisieren und Peter Schilling hob mit Major Tom konsequent in die Schwerelosigkeit ab, während Queen, Michael Jackson und Duran Duran gemeinsam ihre musikalische Hochzeit erlebten und sich vor Ruhm nicht mehr retten konnten. Die 80er waren allerdings auch das Jahrzehnt der modischen Extreme: Schulterpolster und Netzhemden waren ein Muss, Röhrenjeans durften enger denn je getragen werden und Neonfarben wurden zum unumgänglichen Standard bei Mann und Frau. Alles musste lichterloh strahlen, ob es die Kleindung war, oder die, aus heutiger Sicht, ziemlich amüsanten Haarschnitte. Währenddessen sorgte der Stern mit den gefälschten Hitler Tagebüchern für einen handfesten Skandal und die Atomkatastrophe von Tschernobyl ließ den Menschen auf ganzer Welt den Atem anhalten.

Diese Jahre waren allerdings auch für einen ganz bestimmten Regisseur die wichtigste Zeit in der persönlichen Karrierelaufbahn: John Hughes. Die Jugend fühlte sich von Hughes verstanden, verfiel seinen Werken in zunehmender Regelmäßigkeit und bereits mit seinem zweiten Film, „The Breakfast Club“, setzt sich Hughes 1985 ein modernes Denkmal, dass sich nicht nur formal mit der Pubertät beschäftigte, sondern auch die Herzen und den Schmerz der Halbstarken offenbarte. Nur ein Jahr später machte sich Hughes dann für die Teenager endgültig unstersterblich, denn mit seinem bis heute erfolgreichsten Film, „Ferris macht blau“, bewies der Filmemacher aus Michigan erneut, dass er es wie kaum ein anderer verstand, den Heranwachsenden ein authentisches Seelenleben zu verleihen.

Ferris ist ein ganz normaler Highschool-Schüler, der wie alle anderen seiner Mitschüler keine Lust auf die Schule hat. Also entscheidet sich der pubertäre Rebell, mal wieder einen Tag zu schwänzen. Insgesamt bereits zum neunten Mal in diesem Jahr. Seine Eltern führt er gewitzt an der Nase herum und täuscht eine Erkältung der schlimmsten Sorte vor. Nur seine Schwester Jeanie hat den Braten schon vor langer Zeit gerochen und ist dementsprechend nicht gerade gut auf ihren beliebten Bruder zu sprechen. Doch Ferris möchte seinen freien Tag sicher nicht in seinem Zimmer verbringen, sondern entscheidet sich, mit seinem besten Freund Cameron und seiner Freundin Sloane nach Chicago zu fahren und den Tag dort zu genießen. Mit dem Ferrari von Camerons Vater machen sie sich auf den Weg und der Ausflug wird zu einer Mischung aus ungebundenem Spaß und verfolgenden Problemen, die gerade in Person von Rektor Ed Rooney auftreten, der schon seit geraumer Zeit ein Auge auf Ferris geworfen hat…

Während sich in „The Breakfast Club“ fünf unterschiedliche Schüler an einem Vormittag in der Schule zum Nachsitzen zusammenfinden, geht es in „Ferris macht blau“ genau in die entgegensetze Richtung. Ferris und seine Freunde machen sich aus dem Staub und lassen die Schule für einen Tag mal Schule sein. Und wer sich schon mit Regisseur John Hughes auseinandergesetzt hat, der wird wissen, dass er eigentlich so besonnen auftretende Filmemacher auch einen aufbrausenden Perfektionisten in sich trägt, der Szenen gerne zigmal wiederholen lässt, selbst wenn es sich nur um winzige Kleinigkeiten handelt, die dem Betrachter kaum auffallen würden. Dementsprechend schwierig ist es für Hughes immer gewesen, eine passende Besetzung für seine Jugendlichen-Charaktere zu finden, denn passend heißt in diesem Fall nicht nur äußerlich glaubwürdig, sondern die Darsteller brauchten Herz und Seele, mit denen man sich als Zuschauer schnell identifizieren kann.

Matthew Broderick wurde schließlich die Ehre zuteil, den Hauptcharakter des Ferris Bueller zu verkörpern, die Broderick schlussendlich die Türen zu Filmwelt öffneten. Broderick hat genau das, was Hughes in seinen Figuren immer gesucht hat: Charme, Esprit und jede Menge unverfälschte Natürlichkeit, die seinen Charakter nicht nur liebenswert macht, sondern auch durchgehend menschlich. Gleiches gilt für Alan Ruck, der den etwas verstörten Cameron spielt und Mia Sara, als bildhübsche Freundin Sloane. Ein weiteres Highlight im Cast ist Jeffrey Jones, der als rachsüchtiger Rektor Ed Rooney einige große Lacher ernten kann, gerade im Zusammenspiel mit Edie McClurg, die die etwas trottelige Schulsekretärin darstellt.

Auch „Ferris macht blau“ ist einer der Filme, die das Prädikat „zeitlos“ mehr als nur verdient haben. Nabelt man sich mal von der damaligen Mode und dem Aussehen der Teenager ab, so hat sich doch bis heute kaum etwas verändert. Man versucht es immer wieder, seine Eltern bestmöglich auszutricksen, um einen freien Tag genießen zu können, während sich die anderen Mitschüler gelangweilt schnaufend durch den Schulalltag quälen. Und in diesem Fall schafft es Hughes einmal mehr, dem Zuschauer jeden Alters direkt in die Augen zusehen und ihn entweder an die jetzige Lebenslage zu erinnern, oder ihn in längst vergangenen Tagen schwelgen zu lassen. Hughes nimmt sich durchgehend die nötige Zeit, um seine Charaktere und die Eigenschaften dieser in Ruhe vorzustellen und zu verdeutlichen. Wir hätten Ferris, der sein Leben genießen möchte, bevor es in Windeseile an ihm vorbeizieht und seine besten Jahre unhaltbar verstrichen sind. Ferris will seine Jugend ausreizen, in den Tag leben und die momentane Unsterblichkeit in Ehren halten. Ihm gegenüber steht Cameron. Sein bester Freund, der Zeit seines Lebens von seinem dominanten Vater unterdrückt wird und immer wieder unmissverständlich eingebläut bekommt, dass ihm mehr am flotte Ferrari in der Garage liegt, als an Cameron selbst. Beide machen sich auf den Weg nach Chicago, während Ferris sich von Fesseln der Normalität lösen möchte und Cameron seine festgefahrenen Ängste überwinden muss, obwohl er genau weiß, dass sich jede Menge Probleme einhandeln wird.

„Ferris macht blau“ ist letzten Endes ein Denkmal für den Jugendlichen in uns allen und für alle die, die nicht nur diese Zeit vergessen haben, sondern auch was es bedeutet, noch Ziele im Leben zu besitzen, wenn man die großen und prägenden Tage noch vor sich hat und einfach den Moment genießen kann. Dabei versteht es Hughes, trotz der Übertreibungen, mit seinem Humor immer im witzigen Bereich zu bleiben und die Albernheiten nie zu einem Plattitüdenwettrennen ausarten zu lassen. Während sich die eigene Fessellosigkeit als größtmöglicher Reiz offenbart, kommen auch die verdrängten Probleme ans Tageslicht und sind an dem Punkt angekommen, an dem man sich ihnen nicht nur stellen muss, sondern sie auch bewältigen. „Ferris macht blau“ bedeutet Leichtigkeit, Lebensfreude und Freiheit. Ein nostalgischer Ausflug in die 80er Jahre, der heute genauso unterhält wie im Erscheinungsjahr.