"Feuchtgebiete" (D 2013) Kritik – Sperma, Sex und suppende Analfissuren

Autor: Stefan Geisler

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„Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden. Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten als solch ekelhafte Perversitäten. Wir brauchen Gott!“

2008 brachte Charlotte Roches literarische Erstveröffentlichung „Feuchtgebiete“ die mediale Welt gehörig in Aufruhr: Sittenwächter sahen (wieder einmal) die jugendliche Moral gefährdet und versuchten den Roman mit aller Macht auf den Index zu befördern und auch sonst wollte jeder mitreden, wenn es um den „Skandal-Roman“ des Jahrzehnts ging. Natürlich ließen all die Querelen die Absatzzahlen letztendlich nur noch weiter in die Höhe schießen und so wanderten allein im Veröffentlichungsjahr über 1,3 Millionen Exemplare des schlüpfrigen Romans über die Ladentheke. Bei solchen Verkaufszahlen war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis dem Roman sein filmisches Äquivalent nachgeschoben wird. Doch irgendwie war es schwer vorstellbar, dass ein Buch voller sexueller Ausschweifungen und detailreicher Ekeleskapaden werkgetreu auf die große Leinwand gebracht werden kann. Zu verklemmt präsentierte sich die deutsche Kinolandschaft in den letzten Jahren, um einem Film wie „Feuchtgebiete“ zwischen all den Keinohrhasen und Schlussmachern einen Platz zu gewähren. Glücklicherweise hat man dem jungen, aufstrebenden Regisseur David Wnendt („Kriegerin“) aller Unkenrufe zum Trotz bei der Inszenierung von „Feuchtgebiete“ alle Freiheiten gewährt. Das Ergebnis ist eine herrlich unverbraucht-freizügige Tragikomödie geworden, die sogar seine literarische Vorlage locker in den Schatten stellt.

Obwohl Helen (Carla Juri) gerade einmal das zarte Alter von 18 Jahren erreicht hat, ist sie in Sachen Sex schon ein alter Hase. Es gibt wohl nichts, was Helen nicht schon einmal ausprobiert hätte und sie geht auch ungewohnt offen damit um. Auch von Körperhygiene hält sie nicht viel, leidenschaftlich gern säubert sie zum Beispiel öffentliche Toilettenbrillen mit ihrem Intimbereich. Und auch von der Intimrasur hält sie eigentlich nicht viel, als sie es aus Gefallen für einen Freund doch mal wieder versucht, wie üblich viel zu schnell und grob, zieht sich Helen eine schwere Analfissur zu und muss sogar ins Krankenhaus befördert werden. Hier lernt sie den jungen Pfleger Robin (Christoph Letkowski) kennen, der sowohl fasziniert, als auch abgeschreckt vom Verhalten der eigenwilligen Patientin ist. Doch Helen will ihren Krankenhausaufenthalt nicht ungenutzt lassen: Sie plant ihre in Scheidung lebenden Eltern an ihrem Krankenbett wieder zu vereinen…

Was ist jung, frech und riecht nach Fisch? Richtig, Helen Memel, die Hauptfigur der Romanverfilmung „Feuchtgebiete“. Helen hält nicht viel von Hygiene, nach ihrer Meinung muss es aus der Hose einer Frau immer leicht nach „Muschi“ riechen, denn Männer mögen das, es macht sie scharf. Regisseur David Wnendt kennt bei der Inszenierung seiner Protagonistin Helen (tabulos: Carla Juri) keine Grenzen. Während aus dem Off originalgetreu Zitate aus Roches Debüt-Roman vorgetragen werden, findet der Filmemacher offenherzige Bilder, um diese passend in Szene zu setzen. Dabei schafft es Wnendt trotz offensichtlich provokanter Bilder jedoch nie, in das eigentlich Vulgäre abzurutschen, zu kunst- und humorvoll zelebriert er in „Feuchtgebiete“ den Tabubruch. Wenn vier Pizzabäcker in Super-Slow-Motion zu klassischer Musik auf eine Pizza ejakulieren, weiß man nicht, ob man lauthals lachen, dem Geschehen gespannt folgen, oder doch lieber verstört an die Decke schauen soll.

Anders als „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche, versteht sich Regisseur David Wnendt sehr geschickt darin, neben der bloßen Provokation auch die Geschichte der Protagonistin Helen Memel zügig voranzutreiben. Wenn Helens wilde Eskapaden immer wieder durch wirre und teilweise bedrohlich wirkende Traumsequenzen unterbrochen wird, ahnt man schon, dass unter Helens cooler Fassade noch irgendetwas im Argen liegt und die grenzenlose Offenherzigkeit vielleicht doch nur dem reinen Selbstschutz dient.

Mit Pfleger Robin (Christoph Letkowski) wurde dem Publikum eine bodenständige Identifikationsfigur zur Seite gestellt, die zumeist passgenau die Reaktionen des Publikums auf das Gesehene widerspiegelt. Robin ist gefangen zwischen Unverständnis und Faszination für seine extrovertierte Patientin Helen, die ihn mit ihrer freizügigen Art nicht nur diverse Male in äußerst prekäre Situationen bringt, sondern gleichzeitig auch eine Anziehung auf den jungen Mann ausübt, der man(n) sich nur schwer entziehen kann. Gleichzeitig hinterfragt er jedoch auch immer wieder Helens Handlungen und versucht den Menschen „Helen“ hinter dem schamlosen Verhalten auszumachen. Damit dient der sympathische Krankenpfleger dem Kinogänger immer wieder als rettende Sandbank, als letzter Fixpunkt, der Normalität verspricht.

Fazit: David Wnendt zeigt mit „Feuchtgebiete“ den moralischen Sittenwächtern der deutschen Kinolandschaft nicht nur den filmischen Mittelfinger, er lässt auch gleich noch die Hose runter. „Feuchtgebiete“ besticht durch hervorragende Schauspieler, trocken-schwarzen Humor und eine ungezwungene Freizügigkeit, wie man sie nur selten im deutschen Kino zu sehen bekommt.