"Fifty Shades of Grey" (USA 2014) Kritik – Der Patriarch und seine Reitgerte

Autor: Pascal Reis

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„I don’t make love, I fuck…hard.“

Bedrückende Zeiten bahnen sich für den geneigten Filmliebhaber an, muss er doch mitansehen, welche Werke sich momentan über den rigorosen Zuspruch an den Kinokassen erfreuen dürfen: Da hätten wir Clint Eastwoods rechtspopulistischen Ballermann „American Sniper“, der in den Vereinigten Staaten den Box-Office-Tacho wie bei einem neuen Superheldenfilm Purzelbäume schlagen lässt und „Fifty Shades of Grey“, um den es hier heute gehen soll, der erste Teil der langersehnten E.L. James-Adaption, die alle Rekorde in Sachen Kartenvorverkauf ohne Anstrengungen gebrochen hat und längst ein internationales Einspielergebnis von über 500 Millionen Dollar verzeichnen darf. Wie repräsentativ aber sind diese Werte? Muss man sich Sorgen um die Kognition der menschliche Spezies machen? Oder dürfen wir ganz locker durch die Hose atmen und es einfach bei einer doch schon recht enervierenden Form der Kunstfeindlichkeit belassen: Es sind eben „nur“ Filme und die sollen sich letzten Endes ja schließlich nur der Unterhaltung dienlich zeigen.

Solche Aussagen wie diese sollten aber besser schnell der Vergessenheit anheimfallen, sollte man die erfreuliche Absicht hegen, sich ernsthaft mit dem Medium Film auseinanderzusetzen und dieses auch als horizonterweiternde Reflexionsmöglichkeit der eigenen Existenz zu verwenden. Dafür wäre es allerdings vonnöten, dass der jeweilige Film soweit von Regisseur und Autor konstruiert wurde, dass diese elementare reflektorische Ebene – verständlicherweise – irgendwo, im Sub- oder Primärtext, vorhanden ist. „Fifty Shades of Grey“ aber entbehrt sich dieser Logik, Sam Taylor-Johnson und Kelly Marcel haben hingegen einen Blockbuster ins Leben gerufen, der sich jedem inhaltlichen Kommentar überdrüssig vergegenwärtigt – Und weil er seinem prinzipiell interessanten Sujet nichts zu sagen hat, weil er die Oberflächenreize lobpreist, ist es ihm letztlich auch reichlich egal, ob der Zuschauer irgendwelche sinnstiftenden Erfahrungen aus dem Dargebotenen schöpfen darf. Überraschung: Er wird es nicht dürfen, jedenfalls Gesetz dem Fall, er ist der absoluten Weltfremdheit noch nicht in den lockenden Schoß gefallen.

Was wurden vorab nicht für wahnwitzige Vermutungen gesponnen; ein ‚„Deep Throat“ der Multiplexe‘ hätte sich auf den von Skandalen umwitterten Weg gemacht, um den unwissenden, den bildungsbedürftigen Kinozuschauer über das moderne Ausmaß abgründiger Schlafzimmerpraktiken eindringlich in Kenntnis zu setzen: Der Erotikhammer des 21. Jahrhunderts und profitabler Segen für jede Baumarktkette: Ob der Vorrat an Kabelbindern und Panzertape überhaupt bis zum Frühlingsanfang ausreichen wird?! Irrsinn, anders kann man es nicht beschreiben. „Fifty Shades of Grey“ verbindet in seinem sexuellen Habitus nur zwei Sachen: Den kreuzbrav und altbackenen Geschmack. Das, was den heranwachsenden Mädchen und unausgeglichenen Hausmüttern hier überreicht wird, lockt wahrhaftig niemanden mehr hinter dem Ofen her, nicht einmal die älteren Semester dürfen sich schockiert gerieren, das bisschen Hinternversohlen und Auspeitschen, der deflorierende Blümchensex in Werbeclip-Ästhetik und der Eiswürfel im Bauchnabel – Ach Gottchen, und deswegen gleich die große Atemnot im Gebälk. Seine offenkundige Harmlosigkeit aber ist nicht das Problem von „Fifty Shades of Grey“.

Ärgerlich ist seine Weltfremdheit. Wir werden mal wieder in eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme gezogen, die einzig in Kontrasten denkt. Christian Grey (Jamie Dornan) ist ein 27-jähriger Multimilliardär, ein Wirtschaftstycoon, mit Hubschrauber, Sportflieger und eine Garage voll mit automobilem Phallus-Ersatz. Ana (Dakota Johnson) hingegen ist Literaturstudentin, irgendwie naiv, zugeknöpft, im Duckmäusertum gefangen und von gepflegtem Anal- und Vaginalfisting so gar nicht angetan. Dass diese soziale Gegensätzlichkeit schon einmal die müdeste Gegenüberstellung eines zukünftigen Liebespaares bereithält, wissen wir bereits seit „Pretty Woman“. Wie „Fifty Shades Grey“ allerdings den BDSM-Aspekt in seiner Geschichte etabliert und auf welche psychologische Simplifizierung er zurückgreifen muss, erweckt die stechenden Kopfschmerzen zum Leben. Natürlich basieren die Dominance-and-Submission-Spielereien auf einem Kindheitstrauma und dass uns dabei Sia, Beyonce und Ellie Goulding um die Ohren gehauen werden, macht die Sache nicht gerade besser. Grey fordert derweil die vollkommene Kontrolle ein, eine patriarchale Vormundfunktion, um jeden Funken Autonomie in Anas Gebaren im Keim zu ersticken.

„Fifty Shades of Grey“ ist nicht mehr als ein konfektionierter Schmachtfetzen unter hollywood’schem Banner, mit dem Unterschied, dass er wirklich glaubt, das Thema Sadomasochismus zu behandeln, es in Wahrheit auf den kleinsten Nenner innerhalb des leidenschaftlichen Eros degradiert. Und da gehört wirklich einiges dazu, um einem solch durch und durch sterilen und in seinem beziehungstechnischem Hin und Her indes ungemein anstrengenden Schaumschläger auf den Leim zu gehen, gibt man sich hier doch von der felsenfesten Annahme, dass ein gehöriges Maß an Furcht nun mal in die Welt des BDSM dazugehört, anstatt von einer einvernehmlichen, lustdurchströmten Wechselwirkung zu sprechen. Aber warum aufregen? Hopfen und Malz sind ohnehin schon verloren, noch zweimal dürfen wir den verkniffenen Blick vom krankhaften und überhaupt nicht romantischen (Zwinker) Kontrollfreak Mr. Grey ertragen, den repetitiven Unterlippenbiss von Ana, bis vielleicht auch der Rest verstanden hat: Nicht die Angst im Kopf ist zunehmend die Hürde, sondern das Vakuum, welches sich ‚Drehbuch‘ nennt.