Filmfest Hamburg 2014 – Recap mit u.a. Incompresa, Fräulein Julie & Mommy

© The Film Stage

© The Film Stage

Mit etwas Verspätung habe ich es nun auch auf das Filmfest Hamburg geschafft. Knapp drei Tage sind bereits vergangen und ich habe schon zahlreiche Filme gesehen, die das ganze Spektrum von schlecht bis recht bedienen. Nach einer anstrengenden und viel zu schlafarmen Reise nach Hamburg blieb nur die Kraft für einen Film am Abend. Asia Argentos autobiografisch inspirierter „Incompresa“ erzählt die Geschichte der jungen Aria, die im Rom der 80er Jahre zwischen die Fronten des Ehekriegs ihrer Eltern gerät. Zuflucht findet das neunjährige Mädchen im Schreiben und der Nähe zu ihrer schwarzen Katze Dac, mit der sie oft fluchtartig durch das nächtliche Rom streift und sich mit anderen Außenseiter_innen anfreundet. Am Ende von Francois Truffauts bahnbrechendem Debüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ blickt der junge Jean-Pierre Léaud in die Kamera. Das Bild gefriert und zoomt auf sein Gesicht bis es die Leinwand füllt. Es ist ein anklagender Blick. Auch Aria, ergreifend gespielt von Guilia Salerno, blickt zum Schluss ins Publikum. Doch es ist ein klagender Blick. Er steht am Ende einer langen Reise der Erschöpfung, des Aufbegehrens gegen die Eltern, des Kampfes um ihre Liebe, die Liebe der Freund_innen und der Mitschüler_innen. Eine vergebliche Reise, die im Voice Over mit der leisen Hoffnung quittiert wird, ob wir, das Publikum, besser mit diesem Mädchen umgesprungen wären. Wem offenkundige Schuldzuschreibungen im Kino zuwider sind, wird mit Argentos Brandbrief kaum glücklich werden. Die Regisseurin spart nicht mit überdeutlichen Bildern, in denen die missverstandene, „unnormale“ Heldin der Ignoranz und Gewalt ihrer selbstsüchtigen Umwelt ausgesetzt ist. Doch dadurch, dass Argento sichtlich ihre eigene Biographie als Quelle nutzte -ihr Vorname auf dem Pass lautet ebenfalls Aria- bleibt „Incompresa“ letztendlich eher ein verletzlicher als verletzender Film.

Weiblich vor sowie hinter der Kamera ging es auch am nächsten Tag weiter. Die schwedische Schauspiellegende und Bergman-Muse Liv Ullmann hat August Strindbergs berühmtes Theaterstück „Fräulein Julie“ verfilmt. Jessica Chastain, Colin Farrell und Samantha Morton spielen sich mit breitem irischen Akzent die Seele aus dem Leib. Filmisch bewegt sich dagegen wenig. Irgendwo zwischen Barry-Lyndon-Anleihen in der Musik bis zur Fernsehästhetik, ungenauer Schärfen und schluderiger Schnitte gerät „Fräulein Julie“ zum Paradebeispiel abgefilmten Theaters. Schade für die Besetzung und August Strindbergs famose Vorlage.

Die thematische Linie von Heldinnen, die versuchen aus ihren bestehenden Verhältnissen zu fliehen, setzt sich fort. Die seit Jahren auf Festivals hochgehaltene Fahne des jungen griechischen Kinos, würde ich mir bis jetzt noch nicht in den Vorgarten stellen. Daran wird auch Syllas Tzoumerkas‘ „A Blast“ nichts ändern können und ich frage mich, ob man neue griechische Filme auch außerhalb der EU-Krisenbewältigung lesen kann. Wenn ja, dann gibt sich dieser Film keine Mühe dabei. Anhand einer Familiengeschichte erzählt „A Blast“ überdeutlich vom Zustand Griechenlands. Finanzielle Nöte, verheimlichte Schulden, rechtspopulistische Aufwinde, Armut, Reichtum und Korruption. Alles muss rein. Dazwischen wird gebrüllt, verbale und physische Gewaltakte reihen sich aneinander, ausladende Sexszenen inklusive. Die Heldin der Geschichte lässt Freunde und Familie zurück. Der Film springt hochkonstruiert durch die Chronologie der Ereignisse vor ihrer Flucht. Dem völligen (nationalen) Wahnsinn kann „A Blast“ sich leider nicht hingeben.

Umso konzentrierter und wieder einmal thematisch ähnlich ging es am nächsten Tag weiter. „Get – Der Prozess der Viviane Ansalem“ schildert den wahren Fall einer Frau in Israel, die sich von ihrem Mann scheiden lassen möchte. Das Problem: Der Scheidung wird nur stattgegeben, wenn der Mann zustimmt. Fünf Jahre dauert der Prozess, den die Regie, Hauptdarstellerin Ronit und Shlomi Elkabetz, und das Drehbuch einzig innerhalb der Gerichtsmauern verhandeln. Es gibt keinen einzigen Blick nach außen, nur weiße, kahle Wände und Schulbänke. In seiner Reduktion, vor allem auch in seiner protokollarischen Strenge und durch die vielen Nahaufnahmen erinnert das Gerichtsdrama an Carl Theodor Dreyers „Die Passion der Jungfrau von Orleans“. Der Film gewann zurecht zahlreiche Preise auf dem Filmfestival in Jerusalem und kommt auch glücklicherweise im Januar zu uns ins Kino.

Die Kamera in „Miss Violence“ dagegen zeigt alles, dreht und wendet sich. Zwangsprostitution, Gewalt und Selbstmord innerhalb einer zumindest nach außen hin „normal“ erscheinenden griechischen Familie bestimmen den Inhalt. Der in Venedig preisgekrönte Film kann wieder einmal als Statusbeschreibung des Krisenlands gelesen werden. Nervig ist allerdings seine ausgestellte Brutalität frei von jeglicher Empathie, ein menschenverachtender Zeitverschwender von Film. Umso besser ist dagegen der iranische, ebenfalls in Venedig preisgekrönte „Tales“ von Rakhshan Banietemad. In mehreren losen, langen sowie kurzen Episoden, die durch simple Figurenbegegnungen verbunden sind, entfaltet sich ein ungemein breites Panorama des iranischen Alltags. Vor allem die feinen und präzisen Dialoge sorgen für anhaltende Spannung und auch die Rollen sind auf Punkt besetzt. Der sichtlich äußerst günstig gedrehte Film kann zum Glück auch außerhalb seiner Landesgrenzen bewundert werden. Es sind menschliche, universale Geschichten, Tales eben.

Tierischer ging es dagegen im chilenischen Dokumentarfilm „Beaverland“ zu. In der Tradition Werner Herzogs erzählt der Film von einem Biologenpaar, das im Wohnwagen durch Feuerland zieht und Biber tötet, die sich durch die Fremdeinfuhr vor Jahrzehnten zur Plage entwickelt haben. Tausende Hektar Wald wurden vernichtet und der Film lässt sich zum einen als Gleichnis zwischen Mensch und Tier sowie als Stellungskrieg zwischen Zivilisation und Natur lesen. Die Biber vermehren sich unaufhaltsam und die „Krone der Schöpfung“ kommt nur schwerlich dagegen an. Zwischendurch gibt es Ukulele-Musik und Pinguine. Was will man mehr?

Das bisherige Highlight des Festivals lieferte bisher der weltweit als Wunderkind verschriene Xavier Dolan mit seinem großen Cannes-Gewinner „Mommy“, der bereits und nur drei Monate nach Dolans letztem Film „Sag nicht, wer du bist“ („Tom at the Farm“) im November in die deutschen Kinos kommt. Ein Glücksfall, denn das semi-dystopische Mutter-Sohn-Drama ist eine Kinowundertüte sondergleichen. Im an das frühe Kino gemahnenden quadratischen Bildformat von 1:1 und knalligen Farben sowie sanfter Schärfen entfaltet sich ein intimes Epos zwischen drei Figuren. Dolans sehr am Musical orientierter Regie-Stil zwischen Tanzeinlagen und Songmontagen hat bereits schon vorher viele verschreckt und auch ich hatte damit z.B. bei „Laurence Anyways“ meine kleinen Schwierigkeiten, aber hier macht es absolut Sinn. Gerade die kraftvollen Schauspieler_innen liefern sich einen quasi Wettstreit mit der Form wer die meiste Energie hat. „Mommy“ ist in seiner Gefühlsbetontheit ebenso eine Art Feelgoodmovie, aber er ist nie verlogen oder macht es dem Publikum zu leicht. Es ist, und ja ich weiß das klingt abgedroschen, eine wahrhaftige Feier des Lebens.