Filmfest München 2014 – 2. Recap mit u.a. "Clouds of Sils Maria", "Palo Alto" & "The Skeleton Twins"

Autor: Conrad Mildner

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Das Filmfest ist im vollen Gange und ich bin es auch noch lange nicht müde Filme zu sehen. Viel Spaß bei meinem zweiten Recap!

TAG 3

Schaurig begann mein dritter Festivaltag, nicht unbedingt weil die Synopsis von „When Animals Dream“ einen potenten Horrorfilm versprach, sondern eher aufgrund der resultierenden Unzufriedenheit nach dem Kinobesuch. Das dänische Langfilmdebüt des Werberegisseurs Jonas Alexander Arnby bedient nur oberflächliche Genreansprüche. Zwar weckt die emanzipatorische Geschichte eines schüchternen Mädchens (Sonja Richter), deren vererbte Werwolfseite zum Vorschein kommt, durchaus Interesse. Zumal der plötzliche, ungezügelte Haarwuchs der jungen Frau wunderbar dem glatt polierten weiblichen Schönheitsideal widerspricht. Die Inszenierung sucht aber leider nur den Weg des geringsten Widerstands. Die Momente körperlicher Entfesslung und die neu entdeckte Blutlust werden kaum ins Bild gerückt, so dass man sich schon fast in einem familientauglichen Samstagabendfilm wähnt. Die sozialen Auswirkungen bricht der Film auf einen simplen Gut-Böse-Konflikt zwischen der Familie und der fiesen Dorfgemeinschaft herunter.

Dem Wahnsinn weitaus näher kam dagegen der südkoreanische „Steel Cold Winter“ von Choi Jin-Seong. Die Liebesgeschichte zweier Außenseiter, die versuchen die Grausamkeiten der Erwachsenen zu überwinden, geizt nicht mit gewaltvollen Bildern in eisgekühlten Farben. Besonders ein Bild werde ich schwer vergessen können, in dem erkrankte Mastschweine, übereinander gestapelt, um ihr Leben schreien und direkt in die Kamera schauen.

Danach folgte einer der Most-Wanted-Filme des Festivals: Olivier Assayas‘ erster englischsprachiger Film „Clouds of Sils Maria“ mit Juliette Binoche und Kristen Stewart. Das in Cannes leider leer ausgegangene Drama schildert die ambivalente Beziehung zwischen einer berühmten, älteren Schauspielerin und ihrer jungen Assistentin. Ein Double-Feature mit David Cronenbergs kommender Hollywood-Farce „Maps to the Stars“ bietet sich also förmlich an. Sowieso ist es faszinierend wie dem bereits in zahlreichen Klassikern, von „Sunset Boulevard“ bis „Mulholland Drive“, behandelte Blick hinter die Kulissen stets neue Seiten entlockt werden können. „Clouds of Sils Maria“ ist so reich kodiert, beleuchtet die Stati des europäischen sowie amerikanischen Kinos im Zeitalter des Web 2.0 und ergibt sich zugleich völlig seiner fantastischen Besetzung. Die ausgedehnten Dialoge zwischen Stewart und Binoche kitzeln wahrlich die letzten Reserven aus diesen zwei Ausnahmeschauspielerinnen. Der britische Regisseur Paul Greengrass hat mal gesagt, dass man filmische Wahrheiten erkennt, wenn man sie sieht. Olivier Assayas‘ Meisterwerk überschwemmt dich mit ihnen.

Jeder Film, der als nächstes auf dem Programm stand, konnte nur verlieren. Sylke Enders‘ bittere Komödie „Schönefeld Boulevard“ fiel dagegen überraschend gut aus. Die dicke Teenagerin Cindy (Julia Jendroßek) fühlt sich ausgestoßen. Die Abi-Prüfungen stehen an. Ihre Freundinnen machen sich über sie lustig und ihr einziger Freund (Super: Daniel Sträßer) ist der Stiefsohn der Nachbarn, der sich ebenso wenig selbst lieben kann wie sie. Auch wenn die Drehbuchseiten oft sehr laut rascheln, macht „Schönefeld Boulevard“ in erster Linie eine Menge Spaß, ohne glücklicherweise seine schmutzigen Seiten zu beschönigen. Ähnlich unterhaltsam ist auch der Sundance-Gewinner „The Skeleton Twins“ mit den Comedy-Größen Bill Hader und Kirsten Wiig in den Hauptrollen. Auch wenn die Handlung, den Sundance-Klischees entsprechend, ihre Plotpoints und Konfliktlinien allzu konventionell zeichnet, sorgt der erlesene Cast, u.a. mit Ty Burell und Luke Wilson, für feuchte Augen. Als Hader und Wiig Starships 80er-Hit „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ in voller Länge als lipsync performten, wollte ich am liebsten im Kino aufspringen und mitmachen. Besser kann man einen Festivaltag wirklich nicht beenden.

TAG 4

Einen poetischen Rausch versprach ich mir vom ersten Film des Tages: Naomi Kawases „Still The Water“, doch leider ist der eigentliche Film eher eine dicke Soße aus zuckender Handkamera und fragwürdigen Charakteren, die den Mund nicht auf kriegen. Die Monotonie des Films wird allerdings von einer unfassbar berührenden Todesszene unterbrochen, die zumindest klar macht wie es der Film überhaupt in den Wettbewerb von Cannes geschafft hat. Mein zweiter deutscher Film folgte rasch: Ingo Haebs Romanverfilmung „Das Zimmermädchen Lynn“ über eine Hotelangestellte, die sich unter den Betten ihrer Gäste versteckt und durch eine sado-masochistische Liason mit einer Sexarbeiterin langsam aus ihren tristen Alltagsprozeduren ausbricht. Solange die Schauspieler_innen nicht sprechen, gefiel mir Haebs voyeuristische Studie sehr gut. Die Dialoge klingen leider schrecklich hölzern und aufgesetzt. Dennoch entwickelt „Das Zimmermädchen Lynn“ einen schwer zu leugnenden Sog. Besonders wie der Film die körperliche Liebe der zwei Frauen ins Bild rückt ist höchst sinnlich, ohne auch nur ansatzweise dem berüchtigten „male gaze“ zu erliegen.

Gia Coppola, die Nichte von Star-Regisseurin Sofia, sorgte danach mit ihrem Debüt „Palo Alto“ für den gepflegten Indie-Pop im Festivalprogramm. Die Adaption des gleichnamigen Kurzgeschichtenbands von Hollywood-Beau James Franco folgt den alltäglichen Exzessen verwöhnter California-Kids und erinnert deutlich an die Filme der berühmten Tante (z.B. „The Bling Ring“ und „The Virgin Suicides“). Vielleicht kann ich auch einfach nicht mehr feiernde Jugendliche in Zeitlupe ertragen. Etwas neues hat Coppolas Film nicht zu zeigen. Trotzdem fesselt die Besetzung rund um die nicht zu unterschätzende Emma Roberts. Sogar der immer faszinierender werdende Val Kilmer hat als Kiffer-Dad einen kleinen, wenn auch viel zu kurzen Auftritt. Wenn sich „Palo Alto“ doch nur mehr dem Dreck hingeben würde. Die polierte Oberfläche blendet einfach zu sehr.

Das Regiedebüt der chinesischen Produzentin Vivian Qu „Trap Street“ bildete den Abschluss meines vierten Tags. Der nüchtern gestaltete Neo-Noir schildert ein ungemein subtiles Bild staatlicher Überwachung, was natürlich nicht nur für China gilt. Dennoch beeindruckt gerade die zwanglose Thematisierung des dortigen Polizeistaats. Der Kartographen-Lehrling Li Qiuming (Lu Yulai) begegnet an einer nicht im Stadtplan verzeichneten Straße Guan Lifen (He Wenchao), die dort in einem ominösen Labor arbeitet. Beide treffen sich immer wieder, doch plötzlich wird Li gefangen genommen. Er soll geheime Staatspläne gestohlen haben. Qu ist ein formal strenger und komplexer Film gelungen. Gerade die Frage, was man nicht sieht, wird zunehmend zur brennenden Obsession des eigenen Blicks. Die Entscheidungshoheit darüber behält die Kamera unnachgiebig für sich.

Weitere Recaps zum Filmfest München:
-> 1. Recap mit u.a. „Leviathan“, „Land der Wunder“ & „Predestination“
-> 3. Recap mit u.a. „The Homesman“, „Zwei Tage, eine Nacht“ & „Adieu au Langage“