Filmfest München 2014 – 3. Recap mit u.a. "The Homesman", "Zwei Tage, Eine Nacht", "Adieu au Langage" & "Ping Pong Summer"

Autor: Philippe Paturel

Gestern endete das 32. Filmfest München. Ich habe in den letzten drei Tagen natürlich noch zahlreiche Filme gesehen und vom besten sowie schlechtesten war alles dabei!

TAG 5

Ich würde mich nicht als Westernexperten bezeichnen. Ich gestehe sogar nicht sonderlich großes Interesse am ältesten aller Filmgenres zu haben. Trotzdem, immer wenn ich einen Western sehe, ärgere ich mich nicht schon viel mehr gesehen zu haben. Genauso erging es mir auch wieder in der ersten Pressevorführung des Tages, Tommy Lee Jones‘ neuer Film „The Homesman“. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Glendon Swarthout führt die Qualitäten des Genres wieder einmal gekonnt vor Augen. Die überragende Hillary Swank spielt darin die alleinstehende Farmerin Mary Bee Cuddy, die sich bereit erklärt drei psychische kranke Frauen zurück in den Osten zu bringen. Dabei wird sie vom alten Taugenichts Briggs (Tommy Lee Jones) begleitet. Jones‘ klassizistischer Western steht dem Kino John Fords natürlich näher als dem Italo-Western der 70er Jahre oder den gewalttätigen Requien Sam Peckinpahs. Auch wenn das Ende des wilden Westens deutlich in „The Homesman“ anklingt. Cuddy und Briggs könnten nicht gegensätzlicher sein. Die einsame Farmerin passt nicht in ihre Zeit. Unter den Männern gilt sie als zu direkt und „bossy“. Briggs dagegen kommt aus einer Zeit als der Westen noch viel, viel wilder war. Marco Beltramis klassischer Score und Rodrigo Pietros enorme Cinemascope-Bilder führen Jones‘ Film auch in ästhetische Höhen. Vielleicht ist der Western doch das schönste Filmgenre überhaupt.

Auf die epische Breite des klassischen Hollywood, folgte der konzentrierte Blick des europäischen Kinos. „Zwei Tage, eine Nacht“ ist der neue Film der Cannes-Lieblinge Jean-Pierre und Luc Dardenne, in dem Marion Cotillard eine depressive Arbeiterin spielt, der nach einem Zusammenbruch auch noch der Job gekündigt wird. Die Ehefrau und Mutter bekommt allerdings die Chance über’s Wochenende ihre Kolleg_innen zu überzeugen am Montag gegen ihre Bonuszahlung von 1000 Euro und für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes zu stimmen. Eine bewusst perfide Konstruktion, die den alltäglichen Grausamkeiten des Arbeitsmarkts sowieso in nichts nachsteht. Der ohnehin problematische Kapitalismus wird hier genauso vorgeführt wie die faschistische Seite der Demokratie. Jede/r Kolleg_in fragt Cotillards Figur als erstes wie viele sich bereits für sie entschieden haben. Niemand möchte zur Minderheit gehören, egal ob für oder gegen die Bonuszahlung. Wird in der Demokratie nicht sowieso immer die Minderheit durch die Mehrheit unterdrückt? Welchen Sinn haben Mehrheitsentscheidungen, wenn nicht jede/r einzelne aus individuellem Willen entscheidet, sondern sich lieber in Bündeln zusammen rottet? Die private Dimension des Films macht die Theorie erst emotional greifbar und spannend wie ein Thriller ist das ganze noch dazu. Bei jeder sich öffnenden Tür, an die Cotillard klopft, um Solidarität einzufordern, tritt eine weitere persönliche Geschichte in den Film, die eine Lösung aller Probleme ins Reich des Unmöglichen verbannt. Die (persönliche) Rebellion scheint der einzige Ausweg zu sein.

Danach ging’s zurück in die 80er. Michael Tullys Nostalorgie „Ping Pong Summer“ destilliert das Jahrzehnt des ungepflegten Geschmacks in einer Mischung aus John-Hughes-Replik und „Karate Kid“-Remake. Doch statt Kampfsport muss sich der junge Rad der ultimativen Tischtennis-Herausforderung stellen. Als Mr. Miagi des Ping Pongs betritt Susan Sarandon die Bühne. Der Hollywood-Star ist selbst begeisterter Tischtennis-Fan und unterhält weltweit sogar mehrere Tischtennis-Clubs(!). Die ostentative 80er-Ästhetik des Films schwankt oft zwischen hohler Mimikry und brechendem Kommentar. Eine Montage aus zahlreichen Gastronomie- und Ladenschildern zu Beginn des Films, nimmt bereits den grassierenden Werbewahn der Gegenwart vorweg. Die Fetischisierung von Fast-Food und überzuckerter Limonanden-Cocktails verweist dagegen schon auf die kommende Diabetes-Plage. Erzählerisch hält Tully an seiner generischen Coming-of-Age-Story fest. Das große Tischtennis-Finale macht dabei noch am meisten Spaß. Ansonsten sind alle Figuren gewollte Abziehbilder des damaligen Kinos. Wer sich darauf einlassen kann, wird mit „Ping Pong Summer“ allerdings seine wahre Freude haben.

TAG 6

Theatralisch begann der vorletzte Tag des Festivals. Der Schauspieler Christian Camargo hat sich mit seinem Debüt „Days and Nights“ an einer freien Adaption von Anton Tschechows „Die Möwe“ versucht. Das Ergebnis ist ein äußerst unterhaltsamer Figuren-Reigen, vor allem dank der begabten Besetzung mit Allison Janney, William Hurt, Katie Holmes und Ben Whishaw an der Spitze. Statt der zaristisch-russischen Provinz, dient das Neu England der 80er als Hintergrund. Die ausgestellte Langeweile und Tristesse der Oberschicht sind geblieben. Die großen Abweichungen zu Tschechows Komödie(!) im letzten Drittel bremsen „Days and Nights“ leider spürbar aus. Was als scharfzüngiges Drama beginnt, endet sentimental und leicht prätentiös. Ein vielversprechendes Regie-Debüt ist Camargo dennoch gelungen. Ärgerlich prätentiös war auch der nächste und unverhofft letzte Film des Tages, „Stella Cadente“ von Luis Miñarro. Die Schuld daran würde ich zumindest zur Hälfte dem Filmfest zuschreiben. Die Synopsis im Festivalkatalog versprach eine „Party“ und keine Totenmesse. Auch wenn der monotone und langsame Abgesang auf die spanische Monarchie seine spritzigen Momente hat, z.B. fickt der Assistent des Königs in einer Szene eine Wassermelone und verfüttert sie danach an seinen royalen Vorgesetzten, auf die gleichbleibend statische Inszenierung des Films war ich dennoch nicht vorbereitet. Viele Zuschauer_innen verließen fluchtartig den Saal. Ich war danach so übermüdet, dass ich sogar den nächsten Film ausfallen ließ und nach Hause fuhr.

TAG 7

Ein solches Desaster konnte ich mir an meinem letzten Festivaltag nicht nochmal erlauben. Gewohnt früh ging es los mit der deutschen Theater-Komödie „Ein Geschenk der Götter“ von Oliver Haffner, in der die Schauspielerin Anna (Katharina Marie Schubert) ihr Engagement am Stadttheater verliert und vom Job-Center die Aufgabe bekommt mit einer Gruppe „Arbeitssuchender“ Sophokles‘ „Antigone“ zu proben. Ungleiche Außenseiter müssen sich zusammenraufen: Diese beliebte Exposition funktioniert auch hier wunderbar. Die Figuren sind vielfältig und interessant. Die immanente Formelhaftigkeit des Drehbuchs macht sich erst im letzten Drittel unangenehm bemerkbar. Auf die naive Liebesgeschichte zwischen Anna und Dimitri (Adam Bousdoukos) hätte ich auch verzichten können. Das es aber immer noch schlimmer geht, bewies danach die französische Krimikomödie „Je Fais Le Mort“, in der ein erfolgloser(!) Schauspieler(!) (François Damiens) für die Polizei Mordfälle nachstellt und sich dabei in die Ermittlerin (Géraldine Nakache) verguckt. Leider ist Jean-Paul Salomés Film so konventionell wie ein schlechter Fernsehfilm am Sonntagnachmittag. Den Krimifall hat man nach einer halben Stunde durchschaut. Der Humor ist altbacken und ästhetisch interessant ist hier auch kein einziges Bild.

Mehr visuellen Mut zeigt dagegen Jake Paltrow mit „Young Ones“. Der Sci-Fi-Western ist mit Michael Shannon, Nicolas Hoult und Elle Fanning prominent besetzt und erzählt die Geschichte des jungen Jerome Holm (Kodi Smit-McPhee), der mit seinem Vater (Shannon) und seiner Schwester (Fanning) in der vertrockneten Ödnis Amerikas lebt. In der Zukunft ist Trinkwasser knapp und Nahrungsanbau quasi unmöglich. Die wenigen Menschen schrecken daher auch nicht vor Gewalt zurück, um zu überleben. Den Ressourcenmangel nutzt der Film allerdings bloß als Ausgangslage für seine recht konservative Westerngeschichte. In der Zukunft, so scheint es, ziehen sich die Frauen wieder an den Herd zurück, während Männer die Existenz sichern. Sowieso scheint es im zukünftigen Amerika auch keine People of Color mehr zu geben. Paltrow hatte wohl mehr Lust einen klassischen Western zu erzählen als seine Dystopie zu erforschen. Die Ertragbarmachung des wilden Landes ist zumindest ein klassisches Handlungsmotiv des Westerns. Die sengende Hitze wird durch die kontrastarmen Bilder gekonnt transportiert. Die leicht selbstzweckhaften, langen Kamerafahrten durch mehrere Bildebenen passen sich dagegen nicht so recht in die Ästhetik des Films ein.

Der letzte Film meines letzten Festivaltags stellte alle formalen Versuche der vergangenen Woche sowieso in den Schatten. Etwas anderes habe ich von „Adieu au Langage“, dem neuen Film von Regielegende Jean-Luc Godard auch nicht erwartet. Sein erster abendfüllender (70 min) 3D-Film kann wahrlich nur innerhalb von drei Dimensionen gesehen werden. Eine 2D-Fassung ist quasi undenkbar. Den Titel sollte man dabei durchaus ernst nehmen. Der Berg an Sprache, dialogisch, typographisch, filmisch, entzieht sich der typisch hermetischen Sinnbildung. Sowieso fällt das Denken unter der (audio-)visuellen Belastung schwer. Godards 3D-Effekte versuchen nicht durch Räumlichkeit die Immersion zu intensivieren. Viel eher erweitert der Regisseur seine Bilder bis tief in die Köpfe des Publikums. Die Verlagerung des gesamten Vordergrunds in den Kinosaal bei gleichzeitiger Reduktion der Paralaxe, führt zu einer übersteigerten Tiefe der Bilder. Enge Flure werden so groß wie Kirchenschiffe. Angeschnittene Objekte im Vordergrund fühlen sich so an als würden sie ins Gehirn hineinragen, während nur ein kleiner Teil des Bildes schmerzfrei erfassbar ist. Andere 3D-Effekte entziehen sich möglicher Beschreibungen. Wenn Godard das linke und rechte Auge vertauscht, dreht sich das Gehirnkarussell bedrohlich schnell. Und wie ein Chamäleon die Welt sieht, ist nun auch endlich erfahrbar. Die Tonebene ist zerhackt, lose, „kaputt“. Die Soundanlage im Kino könnte genauso gut defekt sein. Ansonsten gibt es in „Adieu au Langage“ öfter einen Hund zu sehen, ein junges Paar, dass sich über Sprache „unterhält“, einen brutalen Deutschen, ein bisschen Adolf Hitler und Fragmente aus Filmklassikern. Zumindest inhaltlich bleibt Godard sich also treu. Auch mit 83 Jahren zeigt der revolutionäre Regisseur was im Kino möglich ist, nun auch in der dritten Dimension. „Adieu au Langage“ war der Gehirnentsafter des Festivals! Mal schauen, was das nächste Jahr zu bieten hat.

Weitere Recaps zum Filmfest München:
-> 1. Recap mit u.a. „Leviathan“, „Land der Wunder“ & „Predestination“
-> 2. Recap mit u.a. „Clouds of Sils Maria“, „Palo Alto“ & „The Skeleton Twins“