Filmfest München Recap Nr. 1: „The Immigrant“, „Drug War“, „The Last Time I Saw Macao“ und „Le Noir (Te) Vous Va Si Bien“

Autor: Philippe Paturel

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„The Immigrant“
von James Gray, u.a. mit Marion Cotillard

Mein erster Film auf dem Münchner Filmfest war meine bisher schönste Erfahrung. „The Immigrant“ erzählt in großen Bildern, deren Wucht an Klassiker wie „Der Pate“ oder „Es war einmal in Amerika“ erinnern, von zwei polnischen Schwestern, die in die USA einwandern. Doch es läuft für die beiden anders als geplant. Ewa (Marion Cotillard) und ihre Schwester werden während der Einreise getrennt und Ewa muss sich dem schmierigen Bruno (Joaquix Phoenix) anvertrauen, um ihre Schwester aus den Händen der Einwanderungsbehörde zu retten. Dabei gerät sie unaufhaltsam in die Prostitution, bis der charismatische Magier Orlando (Jeremy Renner) auf Ewas Radar erscheint und ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht. James Gray hat mich schon in seinem letzten Film „Two Lovers“ (ebenfalls mit Phoenix) mit seinem guten Gespür für Schauspielführung und die richtigen emotionalen Töne begeistert. Seine Figuren reden meist nicht viel und Blicke oder Gesten sagen oft mehr als tausend Worte. Auch in „The Immigrant“ herrscht ab dem ersten Augenblick eine trügerische Ruhe, die einen intensiven Sog entwickelt. An der Oberfläche mag einem die Geschichte über die Suche nach einem Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sicherlich bekannt vorkommen, doch Gray erzählt mit seinen Bildern so viel mehr und verweilt zum Glück nicht nur im klassischen amerikanischen Erzählkino. In erster Linie überzeugt das Drama mit seinen großartigen schauspielerischen Leistungen, wobei besonders Cotillard mit ihrer Darstellung der verzweifelten Polin begeistert und dadurch, dass sie sogar Polnisch spricht, in jedem Augenblick maximale Authentizität garantiert. Bei einer solch realistischen Inszenierung und der epischen Auslegung der Geschichte ist es am Ende nur schade, dass „The Immigrant“ gerade mal zwei Stunden Spielzeit besitzt. In Grays Darstellung des 20er Jahre New York mit seinen vielen Kontrasten wäre ich gerne noch tiefer eingetaucht, doch wenn ein Regisseur eine dermaßen brillante Endeinstellung wie in diesem Film findet, die der Erzählung noch mehr Tiefe verleiht und eine Zweitsichtung zur Pflicht macht, ist das Jammern auf hohem Niveau.

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„Drug War“
von Johnnie To

Über diesen Film möchte und werde ich nicht allzu viele Worte verlieren. Es ist mir auf jeden Fall unverständlich, wie ein Regisseur wie To, der vor ein paar Jahren noch mit Genremeisterwerken wie „Exiled“ für Begeisterungsstürme sorgte, plötzlich so eine Bruchlandung vollführt. Erst das im besten Fall solide Rachedrama „Vengeance“ und nun dieser katastrophale Cop-Thriller „Drug War“, der gerne an die guten alten Heroic-Bloodshed-Zeiten erinnern möchte, aber dabei in allen Belangen scheitert. Alles an diesem Film lässt einen unbekümmert zurück. Die Charaktere, die Geschichte, die Action, To scheint komplett das Gespür für das Essenzielle verloren zu haben und fabriziert ein bedeutungsloses, langweiliges und mies inszeniertes (die Handkamera lässt grüßen) Blutbad, welches nur noch von der unfreiwilligen Komik und einer dreckigen Moral übertroffen wird. Schlimmer als dieser penetrante Versuch, das Heroic-Bloodshed-Genre neu zu definieren, werden Filme nicht mehr. Und dass das Ganze auch noch von Johnnie To stammt, mag man anhand des Ausmaßes der Katastrophe nicht für möglich halten.

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„The Last Time I Saw Macao“
von João Pedro Rodrigues und João Rui Guerra da Mata

Es ist sicherlich nicht uninteressant, was die Regisseure Rodriguez und de Mata in „The Last Time I Saw Macao“ erzählen möchten, doch scheitern die beiden in fast all ihren Intentionen. Die Darstellung der Gegensätzlichkeiten der früheren und heutigen Stadt Macao, die sich inzwischen zum asiatischen Las Vegas entwickelt hat, packen die beiden in einen dokumentarischen Stil, der wohl als Hommage an Chris Markers „La Jetée“ durchgehen soll, und vermengen das Ganze mit einem Neo-Noir-Thriller-Plot, der aber auch nur wenig bis gar nicht begeistert. Wenn die Regisseure etwas zu erzählen haben, dann geschieht das ausschließlich mit Hilfe eines Off-Kommentators, der dem Zuschauer eine fade Geschichte beschreibt, die einem einen Eindruck von Macao vermitteln soll, aber das ebenso wenig schafft wie die dokumentarischen Bilder. Hier bleibt alles Behauptung und eine wahllose Aneinanderreihung von durchaus schön anzusehenden Bildern. Nach Subtilität oder etwas Greifbarem, das einem die Welt näher bringen würde, sucht man indes vergeblich. Das ist ekliges Experimentalkino, welches mir eineinhalb Stunden lang Nerven kostete.

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„Le Noir (Te) Vous Va Si Bien“
von Jacques Bral

Es ist ein interessanter Einblick, den uns Jacques Bral in das Leben der Tochter einer arabischen Einwandererfamilie schenkt. Mit leisen Tönen bringt uns Bral die zwiegespaltene Persönlichkeit der Tochter näher, die ihren Weg finden muss zwischen den Traditionen ihrer Familie und dem modernen Pariser Großstadtleben. Über 80 Minuten überrascht der Regisseur mit dezentem Humor und großartiger Schauspielführung und lässt uns tief in die Gefühlswelt der Tochter und ihrer Mitmenschen eintauchen. Doch dann, und das ist mir nach den großartigen vorangegangenen Minuten einfach nur unverständlich, macht Bral in den letzten fünf Minuten einen dümmlichen Fehler und tischt uns eine einfältige Botschaft auf, die als schockierende Wendung präsentiert wird. „Le Noir (Te) Vous Va Si Bien“ bleibt zwar trotzdem ein sehenswertes und wichtiges Sozialdrama, das immer den richtigen Grad zwischen ernstem und lockerem Erzählen beschreitet und nachvollziehbar die Annäherung zweier Menschen verschiedener Religionen schildert, doch die Darstellung der arabischen Kultur bleibt zu sehr Klischee und über das aus meiner Sicht missratene Ende sollte man am besten nicht mehr Worte als nötig verlieren.

nullBeim 2. Recap zum Filmfest München werde ich mich folgenden Filmen widmen: „Night Across the Street“ (von Raoul Ruiz), „Das Glück der großen Dinge“ (mit Julianne Moore), „Die schönen Tage“ (von Marion Vernoux) und „Augustine“ (von Alice Winocour)