Filmfest München Recap Nr. 2: „Das Glück der großen Dinge“, „Night Across the Street“, „Die schönen Tage“ und „Augustine“

Autor: Philippe Paturel

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„Das Glück der großen Dinge“
von Scott McGehee, u.a. mit Julianne Moore

Das gute alte Thema: Der Eherechtsstreit. In diesem Fall geht es darum, wer die kleine Maisie bekommt. Der unerträgliche Karrierevater Beale (Steve Coogan) oder die noch nervigere Mutter Susanna (Julianne Moore), die an nichts anderes denkt, als an ihre Gesangslaufbahn. Eines muss man den Regisseuren Scott McGehee und David Siegel lassen: Mit dem Casting der beiden Eltern haben sie einen Coup gelandet, denn sowohl Moore als auch Coogan überzeugen in den Rollen der Eltern, denen man für ihre Verantwortungslosigkeit für ihr Kind immer wieder gerne eine Links und eine Rechts mitgeben würde. Der Rest des Dramas ist Familienpathos, das durchschnittlicher nicht sein könnte. Die amerikanischen Kritiken zeigen, dass eine dermaßen altbackene Story in den USA noch immer gut ankommt. Der Rest der Welt hingegen wird sich wohl nicht mehr als mäßig davon unterhalten lassen. Hier ist alles gutgläubig, vorhersehbar, aber überraschenderweise trotzdem nicht langweilig. Dem Cast rund um Moore, Coogan und Skarsgard schaut man dann nämlich doch recht gerne beim Schauspielen zu.

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„Night Across the Street“
von Raoul Ruiz

Ein chilenischer Film, der Kunst- und Politkino vereint? Hätte ich grundsätzlich nichts dagegen, doch verwehrt Regisseur Ruiz Zuschauern, die von der chilenischen Politik keine Ahnung haben, durch seine äußerst sperrige Inszenierung und die seltsam agierenden Figuren komplett den Zugang zum Geschehen. Das ist schade, denn der Subtext, der irgendwo darin steckt, mag sicherlich nicht uninteressant sein. Doch jedes Mal, als ich versuchte, tiefer in den Film, der schon mehr Theater ist, einzutauchen, kam die nächste abstruse Szene. Das wirkt wie Godard auf Drogen, und daher sollte man sich auch nicht darüber wundern, dass in dieser Altherrenfantasie, die in erster Linie über die Grenzen des Todes philosophiert, plötzlich Beethoven vor der Kamera herumläuft. Das ist bis zur Unerträglichkeit prätentiös.

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„Die schönen Tage“
von Marion Vernoux

Caroline (Fanny Ardant) befindet sich in der schwierigsten Phase ihres Lebens. Gerade erst ist sie 60 geworden, vor fünf Monaten starb ihre beste Freundin und die Beziehung mit ihrem Ehemann läuft auch alles andere als rosig. Daher entschließt sie sich, sich unter Gleichaltrige zu begeben und Seniorenkurse zu besuchen, um ein bisschen Abwechslung in ihr Leben zu bringen. Dort freundet sie sich jedoch mit keinem Gleichaltrigen, sondern mit dem 40-jährigen Julien (Laurent Lafitte) an, der ihr nach und nach die Freude am Leben zurückgibt. In der ersten Hälfte funktioniert diese Beziehungskomödie wunderbar, vor allem aufgrund der Chemie zwischen Ardant und Lafitte. Doch wo der Film anfangs mit Lockerheit und Charme überzeugt, wird er gegen Ende immer ernster und immer ärmer an Ideen. Das Resultat ist eine durchschnittliche Romantikkomödie mit einem ungewöhnlichen Liebespaar, wie man es nicht alle Tage im Kino zu sehen bekommt. Schade ist es da nur um das Potential, welches auf der Hälfte der Strecke liegen gelassen wird.

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„Augustine“
von Alice Winocour

Auch der vierte Film im zweiten Recap konnte mich leider nur wenig begeistern. 2011 setzte sich David Cronenberg auf äußerst belanglose Weise mit Freuds Psychoanalyse auseinander. Nun folgt die französische Regisseurin Alice Winocour und macht es mit dem Thema Neurologie nicht viel besser. So oberflächlich wie sich Cronenberg in „Eine dunkle Begierde“ mit der Dreiecksbeziehung zwischen Jung, Freud und Spielrein beschäftige, genauso arm an Tiefgründigkeit ist das Verhältnis zwischen Professor Charcot und seiner Patientin Augustine. Aufgrund der Einfallslosigkeit muss dann hier sogar in einigen Szenen ein Affe für Ablenkung sorgen. Trotz der zwei guten Hauptdarsteller und der gelungenen Inszenierung hat letzten Endes auch dieser Film nichts zu bieten, was man nicht schon mal irgendwo gehört, gelesen oder gesehen hat.

nullBeim 3. Recap zum Filmfest München werde ich mich folgenden Filmen widmen: „Only God Forgives“ (von Nicolas Winding Refn), „As I Lay Dying“ (von James Franco), „The Past“ (von Asghar Farhadi), “Le temps de l’aventure” (mit Gabriel Byrne) und „Nina“ (von Elisa Fuksas)

HIER geht es zum ersten Recap.