Filmfest München Recap Nr. 3: „Only God Forgives“, „As I Lay Dying“, „Blue Is the Warmest Color”, „Le temps de l’aventure” und „Nina“

Autor: Philippe Paturel

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„Only God Forgives“
von Nicolas Winding Refn, u.a. mit Ryan Gosling

„Only God Forgives” ist der wohl am meisten verachtete Film der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes. Auch auf dem Münchner Filmfest setzte sich die Abneigung gegen Refns neuste Arbeit größtenteils fort. Ich kann die Kritik jedoch nur teilweise nachvollziehen. Jemand, der mit „Valhalla Rising“ oder „Drive“ schon nicht warm geworden ist, der wird mit dieser düsteren Unterweltparabel ebenfalls seine Schwierigkeiten haben. Refn führt seine Gewalttrilogie konsequent zu Ende und hat seinen, im positiven Sinne, bisher abstoßendsten Film gedreht, der nur so mit Symbolik überladen ist, die sich hauptsächlich in Form von physischer Gewalt zeigt. Den Gewaltausbrüchen in „Only God Forgives“ vorzuwerfen, dass sie nur dem Selbstzweck dienen würden, ist allerdings nur eine billige Ausrede, um sich nicht tiefer mit dem schonungslosen Geschehen auseinandersetzen zu müssen. Derweil macht es Refn dem Zuschauer sogar recht einfach, zumindest einfacher als in „Valhalla Rising“. Realität und Fiktion verschwimmen zwar in beiden Filmen, doch im Falle von „Only God Forgives“ evoziert Refn bereits mit dem Titel, was er dem Publikum mitteilen möchte: Jeder einzelne von uns, der zu vergeben imstande ist, ist aus Refns Sicht ein Gott. In „Only God Forgives“ hingegen versucht jeder Gott zu spielen. In Wirklichkeit gibt es in „Only God Forgives“ nur verlorene Seelen, da niemand zu vergeben imstande ist und jeder jeden abschlachtet, obwohl es so einfach scheint, dem Blutbad ein Ende zu setzen. So ist die Welt nun mal. „Only God Forgives“ ist Refns brillant in Szene gesetzte Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Gewalt und eine surreale, durchgehend verstörende Metapher auf die nach Blut lechzende Gesellschaft.

„As I Lay Dying“
von und mit James Franco

Zugegeben, ich habe William Faulkners gleichnamige Romanvorlage noch nicht gelesen, doch James Franco hat sie mit dieser Romanadaption sehr schmackhaft gemacht. Mit einem äußerst eigenwilligen Erzählstil- und Tempo, meist in Form von Split Screens, die mal mehr mal weniger Sinn machen, zieht Franco den Zuschauer mit dieser Familienodyssee von der ersten bis zur letzten Minute in einen ungewöhnlichen Sog aus Widerwärtigkeiten. Hier gibt es keine Familienidylle und ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt ein dermaßen dreckiges, perverses und abstoßendes Drama gesehen habe. Gleichzeitig gewinnt Franco dem Western zahlreiche neue Facetten ab. Daher bleibt mir nur ein weiteres Mal zu erwähnen, dass Franco für mich sowohl vor als auch hinter der Kamera einer der interessantesten Filmemacher unserer Zeit ist, auch wenn es zuweilen den Anschein hat, dass es ihm Schwierigkeiten macht, sich selbst in Szene zu setzen.

„Blue Is the Warmest Color“
von Abdellatif Kechiche, u.a. mit Léa Seydoux

„La Vie d’Adèle”, so der Originaltitel, hat mich gestern Abend mal wieder daran erinnert, wie einmalig, leidenschaftlich und exemplarisch ein Kinobesuch sein kann. Fast drei Stunden folgte ich der jungen Adèle und durchlebte zusammen mit ihr die zahlreichen Facetten des Erwachsenwerdens. Absolut verdient wurde Regisseur Abdellatif Kechiche für diesen Film die Goldene Palme in Cannes verliehen, denn er macht das Unmögliche möglich: Dieses Liebesdrama fühlte sich selbst für mich als passionierten Kinogänger absolut originär und unverbraucht an. Bei Kechiche scheint alles das Natürlichste der Welt zu sein. Wie er beispielsweise Alltagssituationen, z.B. die Liebe auf den ersten Blick, das erste Mal, den Schulalltag oder den Streit eines Paares schildert, ohne dabei in typische Genremuster zu verfallen, ist schlichtweg atemberaubend. Der heimliche Star des Films ist jedoch Adèle Exarchopoulos, die Adèle mit einer Intensität verkörpert, wie ich sie schon lange nicht mehr auf der Leinwand erlebt habe. Für mich definitiv eine der großartigsten schauspielerischen Leistungen der letzten Jahre. Gleichzeitig geben sich hier Gesellschaftskritik und Statement für die gleichgeschlechtliche Liebe die Hand, ohne dass es je aufgesetzt wirken würde. Auch scheut sich Abdellatif Kechiche nicht, heikle Szenen, um die die meisten Regisseure einen großen Bogen machen würden, im Detail zu schildern. Die ausgedehnte Sexszene zwischen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos ist nur eine von vielen Momenten, für die sich Kechiche genau soviel Zeit wie nötig genommen hat. Nach drei Stunden verlässt man schließlich beeindruckt das Kino, ohne sich auch nur eine Sekunde gelangweilt zu haben, emotional überwältigt und froh darüber, Zeuge dieser cineastischen Offenbarung gewesen zu sein. Die Zeit mit Adèle ist sicherlich nicht immer schön und manchmal geradezu erschütternd ehrlich, doch „La Vie d’Adèle“ ist stets auch lebensbejahend und lässt genügend Spielraum für eigene Gedanken, so dass der Film noch Wochen später beschäftigen dürfte. So sehen eben Meisterwerke aus, die ihresgleichen suchen.

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„Le temps de l’aventure“
von Jerôme Bonnell, u.a. mit Gabriel Byrne

Auf ihrer Zugfahrt von Calais nach Paris lernt Alix (Emmanuelle Devos) flüchtig diesen fremden Mann (Gabriel Byrne) kennen, der sie nach dem Weg zu einer Kirche fragt. Dieser Fremde fasziniert sie ab dem ersten Augenblick und daher entschließt sie sich spontan, ihm heimlich zu der Kirche zu folgen. Dort mischt sich Alix rücksichtslos unter den Gästekreis einer Beerdigung und gibt sich als eine Freundin der Verstorbenen aus, da sie sich in den Kopf gesetzt hat, diesen fremden Mann näher kennenlernen zu wollen. Devos, die mich bereits in Jacques Audiards „Tödliche Bekenntnisse“ als Schwerhörige begeistern konnte, spielt die Stalkerin Alix großartig. Ihre Motive sind offensichtlich, aber gleichzeitig bleibt sie eine mysteriöse Persönlichkeit, da sich Alix selber nie wirklich im Klaren über ihre Motivation ist. Kein Wunder, denn in Alix Leben geht es momentan drunter und drüber: Ihr Freund scheint das Interesse an ihr verloren zu haben, ihre Mutter und ihre Schwester gehen ihr auf die Nerven und ihre Schauspielkarriere verläuft auch nicht nach Plan. Doch obwohl Alix nicht wirklich glücklich ist, weiß sie nicht, was ihr Leben erträglicher machen könnte. Die Jagd nach diesem Fremden stellt also ihre Verlangen nach einem Lebenswandel dar. Hierfür findet Jerôme Bonnell fast immer die richtigen Bilder und schwelgt zwischen nachdenklichen und amüsanten Szenen. Trotzdem wirkt das Drehbuch zuweilen recht unentschlossen. Zu viel möchte Bonnell erzählen, so dass der Film gegen Ende eine immer zähere Angelegenheit wird, und das trotz des überragenden Leinwandpaares, das selbst mäßig spannenden Dialogen einen gewissen Charme verleiht. „Le temps de l’aventure“ stimmt nachdenklich, ist zuweilen höchstamüsant, aber leider nicht immer auf den Punkt inszeniert.

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„Nina“
von Elisa Fuksas

„Nina“ ist vieles: Mal die düstere Variante von Amélie, mal Kunstkino à la Fellini. Nur eines ist dieses Drama sicher nicht: Ein eigenständiges Werk. Hier wirkt vieles viel zu aufgesetzt, ideenlos und uninspiriert. Ganz so, als ob sich Regisseurin Fuksas lediglich von ihre Vorbildern leiten ließ, aber nicht den Mut dazu hatte, etwas Eigenständiges auf Zelluloid zu bannen. „Formell und elegant“ beschrieb Fuksas ihren Film während der Deutschlandpremiere auf dem Münchner Filmfest. Damit hat sie ihre Liebeserklärung an das sommerliche Rom perfekt zusammengefasst. Im negativen Sinne versteht sich.

nullBeim 4. Recap zum Filmfest München werde ich mich folgenden Filmen widmen: „The Past“ (von Asghar Farhadi), „Ain’t Them Bodies Saints” (mit Casey Affleck), „Much Ado About Nothing” (von Joss Whedon) und „Whitewash“ (von Emanuel Hoss-Desmarais)

HIER geht es zum zweiten Recap.