Filmfest München 2013 Recap Nr. 4: „The Past“, „Ain’t Them Bodies Saints“, „Much Ado About Nothing” und „Whitewash“

Autor: Philippe Paturel

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„Ain’t Them Bodies Saints“
von David Lowery, u.a. mit Casey Affleck

„Ain’t Them Bodies Saints“ überzeugt in bester Malick-Manier, getragen von einer märchenhaften Poesie und malerischen Bildern, und macht David Lowery zu einem Kandidaten, der eventuell aus dem amerikanischen Kino der nächsten Jahre nicht mehr wegzudenken sein wird. „Ain’t Them Bodies Saints“ ist mit Sicherheit kein vollkommen originärer Film, so offensichtlich wie sich Lowery bei seinen vielen Vorbildern wie Terrence Malick, Robert Altman oder den Coen Brüdern bedient, doch hat Lowery mit seinem erst zweiten Langfilm gezeigt, welch ungebändigte Leidenschaft für das Kino ihn antreibt. Jede einzelne Kameraeinstellung ist eine intensive Liebeserklärung an die Outlawfilme vergangener Tage, wie zum Beispiel Malicks „Badlands – Zerschossene Träume“. Sissy Spacek und Martin Sheen wurden durch Rooney Mara und Casey Affleck ersetzt, dessen Darstellungen der Outlaws nicht minder gefühlvoll und packend sind. Lowery zeigt aber nicht nur ein besonderes Gespür bei der Wahl seiner Schauspieler. Ebenso hat er mit seinem Komponisten Daniel Hart, der für den Film einen sehr inspirierenden Score geschrieben hat, oder mit dem Co-Produzenten Toby Halbrooks bereits ein Stammteam um sich herum versammelt, von dem noch einiges erwartet werden darf.

„Much Ado About Nothing“
von Joss Whedon

Joss Whedon dachte sich also, er könne sich noch während seiner “The Avengers”-Verfilmung einfach mal an einer Adaption von Shakespeares „Much Ado About Nothing“ (zu Deutsch „Viel Lärm um nichts“) probieren. Das hat manchmal seinen Reiz, besonders aufgrund des spielfreudigen Casts, doch überhebt sich Whedon und will zu viel auf einmal aus dem Stoff machen. Die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Ästhetik nervt irgendwann nur noch und auch die Pointen wollen nicht immer zünden. Whedons Versuch, dem Shakespeare-Stück einen modernen Anstrich zu verpassen, hat durchaus seinen Reiz, doch gelingt es Whedon Shakespeares Sprache nicht so gut in das Hier und Jetzt zu transportieren wie beispielsweise Baz Luhrmann in „Romeo + Julia“. Auch sind die ersten ernsthaften Lacher erst nach einer Stunde garantiert, was „Much Ado About Nothing“ eher zu einer vergessenwerten Komödie macht, dessen kurze Drehzeit von nur zwölf Tagen ihre Spuren am Endprodukt hinterlässt. In sein nächstes Projekt sollte Joss Whedon wieder deutlich mehr Zeit investieren.

„The Past“
von Asghar Farhadi, u.a. mit Tahar Rahim

Eigentlich will Ahmad (Ali Mosaffa) nur kurze Zeit nach Paris, um die Trennung von seiner Frau Marie-Anne (Bérénice Bejo) auch endlich schriftlich hinter sich zu bringen und einen Schlussstrich durch seine Vergangenheit zu ziehen. Dort holt ihn allerdings die Vergangenheit unerwartet ein; Familienstress, Marie-Annes neuer Freund Samir (Tahar Rahim) und der rätselhafte Selbstmord von Samirs Ex-Frau; aus Ahmads Parisaufenthalt wird schnell eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als Asghar Farhadi mit seinem iranischen Sozialdrama „Nader und Simin – Eine Trennung“ die Filmwelt auf sich aufmerksam machte und prompt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film verliehen bekam. Nun meldet er sich mit „Le passé“ eindrucksvoll zurück und überzeugt ebenfalls mit diesem präzise beobachteten Familiendrama. Mit einem beeindruckenden Cast an seiner Seite, u.a. „The Artist“-Star Bérénice Bejo und Tahar Rahim, der erstmals in „Ein Prophet“ auf sein schauspielerisches Talent aufmerksam machte, ist „Le passé“ in erster Linie Schauspielkino auf höchstem Niveau, welches im Laufe des Jahres noch einige weitere Preise absahnen dürfte, da Bérénice Bejo ja bereits in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Am besten gefallen hat mir jedoch in „Le passé“ Ali Mosaffa, der mich mit seiner Darstellung von Marie-Annes Ex, der zwischen den Fronten der familiären Auseinandersetzungen festsitzt, unglaublich in seinen Bann gezogen hat. „Le passé“ ist aber nicht nur grandioses Schauspielkino, sondern vor allem ein Beleg dafür, warum Farhadis „Nader und Simin“ keine Einzelerscheinung war. Erneut ist Farhadis Regie bewundernswert und ein weiteres Mal vermag er seine Figuren reichlich unaufgeregt in Szene zu setzen und die Kamera stets als stillen Beobachter einzusetzen, ohne sich irgendwelche Urteile zu erlauben oder dem Zuschauer eine vorgefertigte Meinung aufzudrücken. Doch trotz aller Neutralität, die Farhadi über den ganzen Film beibehält, kommt das Geschehen einem Thriller gleich, der packend von der ersten bis zur letzten Minute und emotional einfach nur überwältigend ist. Zwar ist „Le passé“ dabei thematisch nicht ganz so komplex wie sein Vorgänger-Drama „Nader und Simin“, doch gerade diese Simplizität, sich auf das Nötige zu fokussieren, verleiht „Le passé“ eine außergewöhnliche Intensität, die einen noch lange über das Familienchaos sinnen lässt.

Asghar Farhadi ist ein strahlender Hoffnungsträger des Weltkinos, von dem man sich noch einiges erhoffen darf, denn wer sich auf dermaßen eindrucksvolle Weise mit familiären Problemen auseinandersetzt und bis zur finalen Kameraeinstellung mit einer derartigen Eleganz und Unvoreingenommenheit erzählt, ist ganz einfach nicht mehr vom Regiehimmel wegzudenken.

„Whitewash“
von Emanuel Hoss-Desmarais

Nichts Neues erzählt Hoss-Desmarais, wenn er seinen Protagonisten Bruce (Thomas Haden Church) in die winterliche Wildnis schickt, wo er abseits aller Zivilisation mit eisigen Temperaturen und seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Zu allem Überfluss wird diese Geschichte auch noch reichlich unüberlegt vermittelt, so dass die Motivationen der Figuren kaum nachvollziehbar sind. Thomas Haden Church macht als Gestrandeter zwar eine ziemlich gute Figur und lockert seine Odyssee mit einigen witzigen Momenten auf, doch am Ende kann auch er nichts daran ändern, dass „Whitewash“ nur in den wenigsten Szenen packt und daher nicht über ein mittelmäßiges Aussteigerdrama hinauskommt. Hier gibt es einfach zu viele Ungereimtheiten in der Dramaturgie.

Alle vorherigen Recaps gibt es hier nochmal im Überblick:
1. „The Immigrant“, „Drug War“, „The Last Time I Saw Macao“ & „Le Noir (Te) Vous Va Si Bien”
2. „Das Glück der großen Dinge“, „Night Across the Street“, „Die schönen Tage“ & „Augustine“
3. „Only God Forgives“, „As I Lay Dying“, „Blue Is the Warmest Color”, „Le temps de l’aventure” & „Nina”