Filmkritiken zu „A Long Way Down“, „Man of Tai Chi” und „Auge um Auge”

„A Long Way Down” (GB 2014)

von Pascal Chaumeil, u.a. mit Pierce Brosnan, Imogen Poots und Aaron Paul

Es ist Silvester und der durch eine Affäre mit einer Minderjährigen in Ungnade gefallene TV-Moderator Martin Sharp (Pierce Brosnan) hat vor sich um zubringen. Nur leider hat er sich dafür das beliebteste Hochhaus ausgesucht und wird von drei weiteren Todeswilligen gestört. Da wären Maureen (Toni Collette), die hauptsächlich mit der Pflege ihres schwerbehinderten Sohnes beschäftigt ist, die aufgedrehte Jess (Imogen Poots), die das Verschwinden ihrer Schwester nicht verkraftet und schließlich J.J. (Aaron Paul), der an Krebs leidet. Das Setup steht dementsprechend für einen niederschmetternden Feelbad-Film, doch die Vorlage zu „A Long Way Down“ stammt von keinem geringeren als Bestseller-Autor Nick Hornby, der ja mit „High Fidelity“ und „About a Boy“ sowieso schon zur Kinomarke geworden ist. Der Regisseur kann dabei nur den kürzeren ziehen und die wenigsten werden wohl auch wegen Komödienspezialist Pascal Chaumeil ins Kino stürmen. „A Long Way Down“ ist sichtlich ein Autorenfilm, nicht im üblichen Sinne, viel eher im Kontext der TV-Industrie, wo bekanntlich die Drehbuchautor_innen die heiligen Kühe sind und so begnügte sich Chaumeil wohl in erster Linie mit der Rolle des Erfüllungsgehilfen, was man dem fertigen Film auch leider ansieht. Die Kombination urtypisch tragischer Stoffe mit den Mitteln der Komödie, was auch gerne als „Tragikomödie“ oder „Dramödie“ bezeichnet wird, hat ein kardinales Problem: Ihre Publikumsorientierung, die mit existenziellen, sprich „ernsten“ Themen lockt, denen dann aber nicht wirklich filmisch auf den Grund gehen will. Viel lieber wird das Publikum auf weichem Fluff gebettet. Es soll sich ja nochmal ins Kino trauen. Diese sogenannten Feelgood-Filme gibt es wie Sand am mehr und sie scheffeln fast ebenso viel Geld, wenn man z.B. nur an den Megaerfolg von „Ziemlich Beste Freunde“ zurück denkt. Auch „A Long Way Down“ gibt mehr dem Fluff nach als er sollte. Der Gedanke, dass Maureen sich wegen ihrem Sohn mit Behinderung umbringen will, wird z.B. ganz schnell aus der Welt geschafft. Handwerklich kann „A Long Way Down“ dagegen nur Fleißbienchen einheimsen. Das Casting sitzt punktgenau, besonders Imogen Poots macht auf sich aufmerksam, aber filmisch bleibt der Film leider auf Grundschulniveau. Man kann auch von ästhetischer Unterforderung sprechen, denn wenn der x-te Indiepopsong im Hintergrund trällert, die Kamera an den sprechenden Gesichtern hängt und zur nächsten Londoner Sehenswürdigkeit schwenkt, dann ist klar, wir befinden uns in einem Nick-Hornby-Film.

„Man of Tai Chi” (CN/HK/US 2013)

von und mit Keanu Reeves

Nach der Sichtung von „Man of Tai Chi“ bleibt eigentlich nur eines zu sagen: Wenn Keanu Reeves in diesen Debütfilm so viel Herzblut in die Story gesteckt hätte wie er sich offensichtlich für den titelgebenden Kampfsport Taijiquan begeistert, dann hätte „Man of Tai Chi“ das Zeug zum zukünftigen Martial Arts-Klassiker gehabt. Allerdings bleiben einzig und allein die fantastischen Kampfszenen, welche ebenso grandios choreographiert wie in Szene gesetzt sind, nachhaltig in Erinnerung, wohingegen das altbackene Storygerüst aus uninspiriertem Krimiplot und Peter Weirs „Truman Show“ ganz und gar nicht zu begeistern weiß. So bleibt dem Zuschauer letzten Endes nichts anderes übrig, als die Zeit zwischen den Kampfszenen wie in jedem x-beliebigen anderen vergessenswerten Popcornfilm gelangweilt auszusitzen. Für Kampfsportfans mag das zwar sicherlich eine Sichtung wert sein, doch alle anderen sollten unbedingt einen Bogen um „Man of Tai Chi“ machen, der, abgesehen von den spektakulären Kämpfen und der ein oder anderen asiatischen Weisheit, nichts Nennenswertes zu bieten hat. Davon abgesehen nimmt sich die Story viel zu ernst – mehr Spaß und Emotionen hätten dem ganzen Geschehen also mit Sicherheit auch nicht geschadet. Fazit: Ein mit großen Ambitionen inszeniertes, aber letzten Endes entbehrliches Martial Arts Drama.

„Auge um Auge” (GB/US 2013)

von Scott Cooper, u.a. Christian Bale und Casey Affleck

Der unnütze Prolog, in dem Woody Harrelson als psychopathischer Harlan DeGroat solange auf einen Besucher eines Autokinos einprügelt, bis dieser regungslos auf dem Boden kauert, wirkt wie eine tumbe Zusicherung: „Dranbleiben, irgendwann geht es genau so weiter!“. Bis sich dieses Versprechen bewahrheiten sollte und „Auge und Auge“ zum banalen Vergeltungseinerlei ohne jedes reflexive Profil verkommt, weiß der Film allerdings durchaus zu gefallen. Die Kleinstadt Braddock ist der symbolische Inbegriff für den zum Scheitern verdammten amerikanischen Traum; ein industrielles Ödland, in dem die Kriminalität kontinuierlich pulsiert und das die ortsansässigen Individuen langsam verschlingt: „Auge um Auge“ blickt als ungemein elegischer Abgesang tief in die Seele des vor sich hin vegetierenden Amerikas. Christian Bale ist als rechtschaffener Russell, der später zum Racheengel mutiert, gewohnt stark und wird nur noch vom brillant aufspielenden Casey Affleck als sein Bruderherz und Kriegsveteran Rodney übertroffen. Hätte sich „Auge um Auge“ über die volle Distanz ganz seiner Milieu- und Charakterstudie verschrieben, wären die (gerechtfertigte) Lobhudelei für Scott Coopers zweiten Spielfilm sicher gewesen. Die Authentizität aber wird schlussendlich gegen jenes platte Motiv der Selbstjustiz eingetauscht, mit dem sich schon ein einst Charles Bronson seine Brötchen verdiente – nur waren sich diese Werke von Anfang an darüber im Klaren, welches Publikum sie nun wirklich anlocken wollten.