Filmkritiken zu "Cold in July", "Schoßgebete" und "Wrong Turn 6: Last Resort"

Autor: Pascal Reis

„Cold in July“ (FR/US 2013)

von Jim Mickle, u.a. mit Michael C. Hall, Sam Shephard und Don Johnson

Ein Mann muss tun, was seine kulturelle Prägung von ihm verlangt: Michael C. Hall gibt den fürsorglichen Familienvater, streng, auf Regeln bedacht, aber liebevoll, sensibel und per se darin versucht, Konflikte verbal denn mit den Fäusten zu lösen. Als ihm der Finger am Abzug zittert und er einen Jungen über den Haufen schießt, der ihm in die Bude gestiegen ist, kommt er in den Geschmack von Macht und stolpert nur einen Twist später zusammen mit den Testosteronbestien Don Johnson und Sam Shepard in einen abgründigen Komplott um einen Snuff-Porno-Ring, der sodann den Blick tief ins vergiftete Americana-Herz eröffnet. „Cold in July“ ist die amerikanische Abhandlung über das nationale Bild von Männlichkeit, kein anderes Land leitet seine Maskulinität so stark über Gewalt her, wie es die Vereinigten Staaten tun. Dass der Film nicht immer ganz rund läuft, hier und da einige Hänger hat, tonal zuweilen etwas zu harsch schleudert, macht am Ende gar nicht, bohrt sich „Cold in July“ doch so herrlich in dieses urige Retro-Feeling der 1980er-Jahre, dass es eine Wonne ist. Zugekleistert mit bester John-Carpenter-Synthie-Mukke, ohne den Versuch zu wagen, jene Periode ins Heute zu transferieren, sondern das Jahrzehnt für sich stehend fühlbar zu machen, in seiner Ästhetik, in seinem Stil. So wird „Cold in July“ lebendig und kann sich als düsterer Noir-Buddy-Ulk (?), voller popkultureller Referenzen, auf die Schulter klopfen lassen. Irgendwie daneben, aber irgendwie auch total gut.

„Schoßgebete“ (DE 2014)

von Sönke Wortmann, u.a. mit Lavina Wilson, Jürgen Vogel und Juliane Köhler

Charlotte Roche hat in ihrem Roman „Schoßgebete“ den tragischen Tod ihrer Geschwister aufbereitet, die 2001 auf dem Weg zu ihrer Hochzeit bei einem Autounfall ums Leben kamen. Primär rütteln bei den literarischen Ergüssen Charlotte Roches aber die anatomischen Entdeckungsreisen ihrer Protagonistinnen auf, die in der internationalen Rezeption ob der Freizügigkeit, der Nonchalance, immer wieder ein ein gar befremdliches Bohei evozieren. „Schoßgebete“ aber war in seiner Essenz eine autobiografische Nabelschau, eine selbsttherapeutische Versuchsanordnung, das Trauma zu bewältigen, die Wunden zu schließen – und das Ventil fand sich dafür in der ungezügelten Sexualität. Die Verfilmung von Sönke Wortmann – inzwischen einer der langweiligsten Regisseure, die die deutsche Filmkultur aufzubieten hat – reduziert das entwaffnend ehrliche Protokoll der Ängste, der existentiellen Krise, auf ein peinlich aufgesetztes Manifest des Biedersinns: Sex hat hier nichts Befreiendes, sondern sieht sich in steriler Werbeclip-Ästhetik einem gar akademischen, einem schulmeisterlichen Gestus ausgesetzt: Dem Drang, der Beste zu sein, wilden Sex wirklich, wirklich, wirklich zu praktizieren, anstatt ihn einfach zu leben, zu fühlen. „Schoßgebete“ beweist letztlich, dass er nur eine Sache vortrefflich beherrscht: Tiefschürfende Emotionalität in einen Wunst der Nichtigkeit zu konvertieren und diesen dann auch noch ausbuchstabieren zu wollen: Wo nix is‘ kann auch nix sprießen. Aber immerhin kann man es noch tot labern.

„Wrong Turn 6: Last Resort“ (USA 2014)

von Valeri Miley, u.a. mit Anthony Ilott, Sadie Katz und Chris Jarvis

Genau dort, wo vor zwei Jahren schon „Texas Chainsaw 3D“ mit seiner durch und durch abstrusen „The Saw is Family“-Interpretation rigoros scheitern durfte, setzt nun auch Valeri Miley mit „Wrong Turn 6: Last Resort“ an: Blut ist dicker als Wasser und langjährige Freundschaften bedeuten genau dann nichts mehr, wenn man Chance hat, Teil einer notorisch meuchelnden Sippschaft zu werden. Diese Ehre wird hier Anthony Ilott zuteil, der nach einem Aufenthalt in der Nervenheilanstalt erfährt, prachtvolles Erbgut in den Wäldern von West Virginia überlassen bekommen zu haben – degenerierte und auf ihr inzestuöses Gebaren im höchsten Maße stolzes Kannibalenpack inklusive. Irgendwo mag es nachvollziehbar sein, dass man, mit der nun schon sechsten Episode des Franchise, versucht hat, zu neuen Ufern aufzubrechen, einen neuen „Bösewicht“ für die Zukunft zu etablieren, um aus den repetitiven Mustern der Vorgänger ein Stück weit auszubrechen. Wie dieses Vorhaben allerdings umgesetzt wurde, lässt vor allem aus den falschen Gründen erschaudern: Der formale Dilettantismus sieht sich hier keiner kaschierenden Pufferung durch orgiastischen Splatter ausgesetzt (auch wenn es das ein oder andere Gekröse zu sehen gibt), sondern unterbelichtetem Gefasel en masse, bis der stinkende Dampf von Ödnis den Kopf eines jeden Zuschauers auch wirklich vollends vernebelt hat. Beschissen UND langweilig, keine gute Kombination.