Filmkritiken zu "Who Am I – Kein System ist sicher", "Focus" und "Blue Ruin"

„Who Am I – Kein System ist sicher“ (DE 2014)

von Baran bo Odar, u.a. mit Tom Schilling, Elyas M’Barek und Wotan Wilke Möhring

Nachdem Maximilian Erlenwein das deutsche Genre-Kino zuletzt schon mit „Stereo“ im großen Stil in den Sand gesetzt hat, darf nun auch Baran bo Odar mit „Who Am I – Kein System ist sicher“ dort anknüpfen und nachweislich bestätigen, dass es unsere Nachbarn aus Österreich mit dem ganzen Genre-Kram einfach besser drauf haben. Grundsätzlich ging an „Who Am I – Kein System ist sicher“ ein durchaus interessanter Diskurs um die Untiefen der Virtualität, die psychische Disposition und die entscheidende Vernetzung beider Segmente zu einem einheitlichen, von Metaphern umwitterten Komplex verloren. Tom Schilling ist da eigentlich auch der richtige Mann, um der Rolle des von allem und jedem verlassenen Außenseiters mehr Facetten abzuringen, als den (selbst-)bemitleidenden Dackel, der im Laufe der Geschichte zunehmend Selbstvertrauen tankt. Das Drehbuch aber ist nicht an Grauzonen interessiert, sondern drescht permanent Phrasen bis hinein in die Besinnungslosigkeit („Du traust niemandem, nicht einmal dir selbst!“), jede Figur ist genau das, was sie auf den ersten Blick auch vorgibt zu sein, charakterliche Veränderungen dienen einzig als dumpfe Plot Points, nicht aber als gelebte Entwicklungsstufe. Oder anders gesagt: Für „Who Am I – Kein System ist sicher“ ist das Leben eine versteckte Partition, die unbedingt geknackt werden möchte. Und sie wird geknackt.

„Focus“ (USA 2015)

von John Requa und Glenn Ficarra, u.a. mit Will Smith, Margot Robbie und Rodrigo Santoro

Nicht ganz so gelungen wie der quicklebendige „Crazy, Stupid, Love.“, aber derart geballter Schwachsinn, dass man Glenn Ficarras und Jon Requas neustem Streich „Focus“ durchaus einige Sympathie zukommen lassen kann. Trickbetrügerei definiert als reiner Hokospokus und die Kunst des Fokussierens, der Nukleus für das Gelingen eines jeden illusorischen Tricks, liegt darin begraben, die Aufmerksamkeit vollends auf sich zu lenken – Na guck mal einer an! Das vollstreckt „Focus“ dann auch schon mit der prominenten Besetzung seiner Hauptrollen und zeigt mit Will Smith und Margot Robbie zwei Schauspieler, direkt aus dem Ei gepellt, in die maßgeschneiderte Klamotte gezwängt und wie die Hochglanzaufnahmen sämtlicher paradiesischer Reiseziele immer blendend aussehend, selbst mit verschmiertem Kajal unter den Augen und eingeschlagener Fresse. Wer allerdings in der Lage ist, „Focus“ auch noch nach der ersten halben Stunde für voll zu nehmen, dem gebührt einiges an Respekt, zünden Ficarra und Requa hier doch eine derart überkonstruierte Twistorama-Bombe, dass man „Focus“ schon nach dem ersten großen Turn nur noch als kompletten Nonsense einordnen kann. Aber der ist ja immerhin spritzig, kurzweilig und total bescheuert. Geht klar.

„Blue Ruin“ (USA/FR 2013)

von Jeremy Saulnier, u.a. mit Macon Blair, Devin Ratray und Amy Hargreaves

Vorweg: Wer großzügig geschnittene Blutwurst auf der Stulle erwartet, der tut dem Film gehörig Unrecht. „Blue Ruin“ macht keine Anstalten darum, seine Arme bis zum Ellenbogen im Fundus primitiver Revenge-Flics zu pressen, stattdessen geht es um einen Mann, dessen angestrebte Metamorphose gründlich in die Hose steht – Eben weil Gewalt zwar einen Anfang kennt, niemals aber ein Ende akzeptiert. Seit dem Tod seiner Eltern ist Dwight (Macon Blair) ein auf der Straße vor sich hin vegetierender Zombie, das Leben verläuft ohne ihn, bis ihm die Information zu Ohren kommt, dass der vermeintliche Mörder seiner Eltern wieder auf freiem Fuße ist. Jeremy Saulnier setzt im folgenden Verlauf auf stechenden Naturalismus, kehrt Genre-Bausteine ins Entgegengesetzte und veranschaulicht, wie es wäre, wenn ein Jedermann ohne außerordentliche Skills und abgebrühte Coolness versucht, seinen Rache-Plan zu schmieden und anschließend in die Tat umzusetzen: Zittern, schwächeln, das Übergeben am Straßenrand, Paranoia. In „Blue Ruin“ löst die eruptive Gewalt eine stetige Kettenreaktion aus, Dominostein dockt an Dominostein, und lässt zwei Familien in einen Abgrund hinabsteigen, auf dessen Grund kein kathartischer Befreiungsschlag wartet, sondern der zaghafte Gedanke, sich selbst komplett aufzulösen, um einer anderen Person womöglich doch eine Perspektive zu ermöglichen: Aber keine Zukunft ohne Gewalt im Herzen. Zombies bleiben.