“Flight” (USA 2012) Kritik – Denzel Washington brilliert als alkoholsüchtiger Flugpilot

Autor: Philippe Paturel

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“Nobody could’ve landed that plane like I did.”

Wenn es heißt, in mehreren tausend Höhenmetern von einem Ort zum anderen zu reisen, dann bekommt es der ein oder andere schon mal mit der Panik zu tun. Zumindest das mulmige Gefühl während der Landung kennt wohl jeder, der schon mal geflogen ist. Das liegt nicht unbedingt an der Höhenangst, sondern vielmehr daran, dass man das Vertrauen in die Technik und in Piloten setzen muss. Herr über das eigene Schicksal ist man in diesen luftigen Höhen nicht mehr. Was, wenn die Technik einen Aussetzer hat oder der Pilot nicht in optimaler Verfassung ist? Dieses Schreckensszenario lässt „Forrest Gump“-Regisseur Robert Zemeckis in seinem neuen Film „Flight“ in einem folgenschweren Desaster münden, welches das Vertrauen in Flugzeug-Reisen bei einigen künftig in Frage stellen dürfte.

Der Pilot Williams ‚Whip’ Whitaker erwacht eines Tages in einem Hotelzimmer neben einer Frau. Obwohl er angetrunken und sich nicht dessen bewusst ist, was er letzte Nacht getan hat, begibt er sich zu seinem Arbeitsplatz. Die Folgen sind verheerend…

Zemeckis wäre nicht Zemeckis, würde er seine Geschichten nicht in unnötig viel Drama ertränken. Ohne Zweifel gehören die fast halbstündige Einleitung und die Anhörungsszene am Ende zu den cineastischen Highlights dieses Jahres. Wie fühlt es sich an, einer Katastrophe ausgeliefert zu sein? Diese Frage nutzt Zemeckis zu seinem Vorteil und lässt den Zuschauer einen Flugzeugabsturz von unglaublicher Intensität erleben, der in einer spitzenmäßig inszenierten Notlandung gipfelt. Dass die Notlandung wohl niemals funktioniert hätte, wäre Whip nicht angetrunken gewesen, ist umso erschreckender. Aus dem Flugzeugabsturz ergibt sich ein überaus interessantes, moralisches Dilemma. Die Frage, welche man sich nämlich stellt: Wären die Menschen auch noch am Leben, wenn Whip keinen Alkohol getrunken hätte? Kann Whip also dafür belangt werden, dass er während des Fluges Alkohol intus hatte? Zudem lässt es sich auch nicht hundertprozentig nachweisen, dass er wirklich unter Alkoholeinfluss stand. Es ist eine schwierige Lage, in der sich nun alle Parteien befinden. Ob Presse, Ermittler oder Vertreter der Fluggesellschaft, sie alle versuchen, sich möglichst gut und profitabel aus dieser Lage zu winden.

Warum also, und das verstehe ich leider überhaupt nicht, baut Zemeckis, obwohl die Geschichte so viel Stoff hergibt, nervigen Familienpathos und eine Liebesgeschichte ein, die den erzählerischen Fluss ungemein behindern. Als wäre das noch nicht genug ist Whips neue Freundin Nicole auch noch drogensüchtig. Was man „Flight“ dennoch anrechnen muss ist, dass er sich nicht auf zu viel Ernsthaftigkeit versteift. In der finalen Gerichtsszene setzt Zemeckis sogar noch eins drauf und so lässt er Whip dort unter Drogeneinfluss, was ihn beruhigen soll, antanzen. In der Nacht zuvor hatte er es nämlich, trotz aller Bemühungen seines Anwalts (Don Cheadle) ihn vom Alkohol fern zu halten, mal wieder geschafft, sich die ganze Nacht zu betrinken.

„Flight“ funktioniert also immer dann hervorragend, wenn aktuelle Probleme angesprochen werden. Illegalitäten, die es zu verstecken gilt. Beweise, die beseitigt werden müssen. Mehr als angedeutet werden diese Themen aber nur selten. Stattdessen fällt die Geschichte unnötigen Nebenhandlungen in Form von einer Liebesgeschichte und Familienpathos zum Opfer. Und auch wenn Denzel Washington den alkoholsüchtigen Piloten zwar mit größter Glaubwürdigkeit spielt, schauspielerische Leistungen alleine entschädigen leider nicht für einen Film, der die Hälfte seines Potenzials auf der Strecke liegen lässt und letztendlich nur eine weitere Geschichte erzählt, in der jemand gegen seine Alkoholsucht kämpft.