"Einer flog über das Kuckucksnest" (USA 1975) Kritik – Zum Wahnsinn verdammt

„Die haben mir pro Tag 10.000 Watt verpasst und jetzt bin ich richtig aufgeheizt! Die nächste Frau, die ich vernasche, wird aufleuchten wie ein Spielautomat und lauter Silberdollar ausspucken!“

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Die Filmwelt ist nicht selten ungerecht. Zum einen wenn es um Auszeichnungen für Filme und das Team geht. Zum anderen wenn der gebührende Bekanntheitsgrad nie wirklich erreicht werden kann, obwohl man sein Können mehr als nur einmal unter Beweis gestellt hat. Einer dieser Fälle ist Milos Forman. Mit seinem meisterhaften Psychiatrie-Drama ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ von 1975 inszeniert er einen herausragenden Film und eines der größten Filme der Filmgeschichte.

Das Leben in der Psychiatrie wurde in grauen und kalten Farben dargestellt. Haskell Wexler zeigt uns eine Welt in der die Wärme fehlt. Alles wirkt steril, fremd und herzlos. Die Bilder bleiben haften und prägen sich noch lange ins Gedächtnis. Der wirklich fantastische Score von Jack Nitzsche trifft die Bilder mit seinem melancholischen Klängen perfekt und bleibt genauso wie die Bilder im Kopf. Eine Atmosphäre die den Zuschauer wie Hauptfigur McMurphy in seiner Lage umklammert und fest in den Händen hält.

Mit Jack Nicholson als Randell McMurphy hat der Film einen der besten Schauspieler überhaupt als Hauptdarsteller. In seiner Oscar prämierten Darstellung läuft Nicholson, fast wie gewohnt, zur Höchstform auf und kann durch seine unglaubliche Vielschichtigkeit begeistern. Louise Fletcher als angsteinflößende Schwester Ratched bringt ebenfalls eine starke Leistung. Durch die Kälte, die ihr Charakter durchgehend ausstrahlt fröstelt es den Zuschauer und jagt einen eiskalten Schauer über den Rücken. Auch sie konnte den Oscar für ihre Darstellung gewinnen. Die Nebenrollen sind ebenfalls stark besetzt und als Patienten sind Schauspieler wie Danny DeVito, Brad Dourif, Christopher Llyod und Will Sampson zu sehen.

Neben den Preisen für die Hauptdarsteller und für das adaptierte Drehbuch, basierend auf dem Bestseller von Ken Keseys, konnte auch Forman den Oscar für seine Regie gewinnen. Wie erwähnt, blieb der große Stand in der Filmwelt dennoch aus. Das ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ seinen unantastbaren Klassiker-Status unbestritten verdient hat ist dennoch klar. Nur die Frage nach dem Regisseur, eben Forman, erweist sich nicht selten als schwierige. Dabei ist ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ eine Eintrittskarte sondergleichen um in den Kreis der Großen zu gehören.

Mit ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ geht Forman nicht schwerwiegend auf das Verhalten und die Psyche der Patienten aus der Nervenheilanstalt ein. Er zeigt uns einen Menschen, völlig gesund, und wie dieser durch das schreckliche System zum Verrücktwerden gezwungen wird.

McMurphy ist mit Sicherheit nicht Schwiegermutters Liebling, bei weitem nicht. Er prügelt sich gerne, achtet nicht auf seine Wortwahl, wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen und hatte Geschlechtsverkehr mit einer 15-jährigen. Letzteres hingegen nicht mit Absicht. Er schwört, dass das junge Mädchen ihm das falsche Alter gesagt hat und deutlich älter ausgesehen habe. Er wird in die Psychiatrie eingewiesen um beobachtet zu werden ob er für die Gesellschaft noch umgänglich ist. Für McMurphy ist das kein Problem, er will seine Zeit „absitzen“ und raus in die Freiheit. Doch der Aufenthalt gestaltet sich für ihn schwerer als gedacht. McMurphy ist Auffällig und bringt frischen Wind in den Laden und für die anderen Patienten wird er langsam so etwas wie ein kleiner Revolutionär, der nicht alles mit sich machen lässt. McMurphy merkt jedoch das er hier, trotz seiner Beliebtheit, nicht viel zu sagen hat. Seine Meinung hat keinen Wert und seine Entfaltungsmöglichkeiten sind mehr als eingegrenzt. Das fängt bei der Medikamtengabe an, bei der ihm etwas gegeben wird, ohne ihn zu informieren was es ist. Das geht weiter über eine größere Diskussion in der McMurphy gerne ein Baseballspiel sehen will, es ihm aber verweigert wird. Alles führt zurück auf die herrische und vollkommen emotionslose Schwester Ratched, die sich als größtes Übel der Anstalt erweist. Sobald jemand aufmuckt oder sich etwas daneben benimmt muss er fühlen. Doch McMurphy lässt sich nicht unterkriegen und kämpft dagegen an, auch wenn es ein Kampf wird, den er nicht gewinnen kann.

‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ ist eine Darstellung der Umstände und des Charakters. Wir erleben mit McMurphy einen Menschen, der die Freiheit sucht. Ohne sie kann er nicht leben. Wer kann das schon. Doch ihm wird nicht nur einmal die Chance gegeben zu fliehen. Er nutzt sie nicht. Längst ist er in das System eingebunden. Die Frage an dieser Stelle ist nur wie? Ist es doch das Mitleid, das er mit den Patienten hat, die zu seinen Freunden werden, oder ist es die Angst, vor noch größeren Strafen und auf ein ewiges Gefangensein? Was McMurphy zu anfangs noch viel Spaß bereitet und ihn bei Laune hält wird nach und nach zur Eintönigkeit. Er merkt, dass eine Entlassung für lange Zeit nicht mehr in Frage kommt. Die letzte Freiheit die sich in seinem Kopf noch aufrecht hielt, wird ihm auch hier Stück für Stück entzogen. Doch es ist nicht nur die tragische Geschichte über diesen Menschen der durch den Staat sein Leben verbaut bekommt. Es ist auch eine Geschichte über Freundschaft und über Mut. Eine gefühlvolle Freundschaft, zu anfangs immer nur angedeutet zwischen McMurphy und dem Häuptling. Doch durch winzige Dinge wachsen sie zusammen um sich am Ende gegenseitig die Hände zu reichen. Dabei aber auf völlig unterschiedlichen Wegen. Es ist aber auch eine aufwühlende Geschichte, die die Macht in diesen Anstalten verdeutlicht. Mit welchen Mitteln gegen Menschen vorgegangen werden kann, wenn sie sich in manchen Situationen nicht richtig benehmen. Ein schockierender Blick in eine Welt, in der Menschen, die eigentlich Hilfe brauchen, nur noch mehr geschadet wird und so der Wahrheit nie ins Gesicht geschaut werden kann. Das macht ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ zu einem emotionalen Drama, aber auch zu einem ungemein aussagekräftigen Film, der in seiner Art immer wieder aufs Neue packt, dabei aber in manchen Szenen nie auf den Humor verzichten kann.

Fazit: ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘ ist der erschreckende Blick in ein System, das von Macht und Gefühlskälte dominiert wird. Ein Film, der heute wie damals begeistert und immer wieder aufs Neue berührt. Ein wichtiges Filmerlebnis mit hervorragenden Darstellern, toller Musik und fantastischer Inszenierung. Ein Klassiker, den man nicht nur einmal im Leben gesehen haben sollte und sicher nie vergessen wird.

Bewertung: 9/10 Sternen