"Auf der Flucht" (USA 1993) Kritik – Tommy Lee Jones jagt Harrison Ford

„Ich verlange von jedem, dass er jede Tankstelle, jedes Haus, jedes Lagerhaus, jeden Bauernhof, jeden Hühnerstall, jeden Schuppen und jede Hundehütte in dieser Gegend gründlich durchsucht. Alle 15 Meilen werden Kontrollpunkte eingerichtet. Der Name des Flüchtigen ist Dr. Richard Kimble. Schnappt ihn euch!“

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Die 1990er Jahre waren natürlich nicht nur aus musikalischer Sicht ziemlich interessant, wegweisend und nicht selten auch etwas schräg, sondern auch in der Filmwelt tat sich mal wieder so einiges. Meilensteine wurden geboren, die heute nicht umsonst als moderne Klassiker gelten, insbesondere im Action- und Thriller-Genre wurden doch gewaltige Schritte nach vorne gemacht. Man denke nur an Werke wie „Terminator 2“, „Sieben“, „Mission: Impossible“, „Speed“, „Heat“, „Face/Off“, „Leon – Der Profi“, „True Lies“ und „Alarmstufe: Rot“. Und mit „Alarmstufe: Rot“ sind wir schon in der richtigen Richtung, nicht nur aus der Sicht des Genres, denn auf dem Regiestuhl zum Steven Segal-Knaller nahm ein gewisser Andrew Davis Platz, der in den 90er Jahren nochmal eine bedeutende Rolle spielen wird, nämlich direkt im darauffolgenden Jahr. Andrew Davis konnte in den 80er Jahren zuvor mit soliden Filmen wie „Nico“ und „Die Killer-Brigade“ zwar nicht unbedingt auf sich Aufmerksam machen, doch seine Zeit sollte noch kommen und zwar im Jahre 1993, in dem sein Action-Thriller „Auf der Flucht“, basierend auf der gleichnamigen 60er Jahre Serie, in die Kinos kam.

Dr. Richard Kimble ist ein angesehener und erfahrener Chirurg aus Chicago. Als seine Frau nachts von einem Unbekannten umgebracht wird, fällt der Verdacht sofort auf den unschuldigen Richard Kimble. Er wird darauf zum Tode verurteilt und sieht seinem unverdienten Ende entgegen. Auf dem Weg ins Gefängnis und seine Todeszelle, kann Kimble Gebrauch vom Schicksal und dem Glück machen, denn nach einem Unfall hat er die Möglichkeit zu flüchten, die er natürlich auch wahrnimmt. Der gnadenlose US-Marshall Gerard heftet sich an die Fersen von Kimble, der immer wieder verzweifelt versucht, den wahren Mörder seiner Frau zu finden und so die Schuld auf den Täter zu lenken. Dabei kommt Kimble einer schrecklichen Verschwörung auf die Spur…

Ganze sieben Oscar Nominierungen gab es für „Auf der Flucht“ und zwar in folgenden Kategorien: Bester Film, Beste Filmmusik, Bester Nebendarsteller, Beste Kamera, Bester Schnitt, Bester Ton, Bester Tonschnitt. Eines kann man vorweg nehmen: Den Oscar für den Besten Film hätte „Auf der Flucht“ sicher nicht verdient gehabt, es ist sowieso schon verwunderlich, dass ein Action-Thriller, die es sonst doch immer unglaublich schwer haben bei den Oscars, derart viele Nominierungen zugesprochen bekam. Doch die weiteren Nominierungen kamen natürlich nicht von ungefähr und hätten bei einem möglichen Gewinn sicher niemanden schockiert. Angefangen bei Michael Chapmans wunderbarer Kameraführung, die gerade bei den Verfolgungsjagden und dem Zugunfall großartige Einstellungen serviert und die Spannung dieser Momente genauestens einzufangen weiß. Dann darf auch Thomas Newton Howards Score nicht unerwähnt bleiben, der sowohl die Emotionalität der Lage umschließt, als auch die Hetzjagd antreibt.

Wie sich in Davis‘ Filmen zuvor schon abzeichnete, hat er einen Schauspieler ganz besonders gern: Tommy Lee Jones. In „Die Killer-Brigade“ war er dabei, in „Alarmstufe: Rot“ zeigte er eine tolle Performance und auch in „Auf der Flucht“ darf er die Rolle des US-Marshall Samuel Gerard ausfüllen und konnte dafür auch den Oscar für die Beste Nebenrolle gewinnen, der gleichzeitig auch der einzige Oscar ist, den der Film in seinem Habenkonto verbuchen konnte. Tommy Lee Jones ist immer dann am besten, wenn er den harten Sprücheklopfer mit weichem Kern geben kann und als Gerard ist er damit in seinem Element, auch wenn der Oscar vielleicht etwas zu viel gewesen ist, großartig ist seine Darstellung dennoch. In der Hauptrolle sehen wir Harrison Ford als Dr. Richard Kimble, der nicht minder stark ist und die Facetten seines flüchtenden Charakters fantastisch auszuspielen weiß. In den Nebenrollen sind Schauspieler Joe Pantoliano, Julianne Moore und Jeroen Krabbé zu sehen, die den Cast fein abrunden.

„Auf der Flucht“ hat eigentlich all das, was ein guter Action-Thriller benötigt. Regisseur Andrew Davis tritt sofort aufs Gas und legt ein Tempo an den Tag, welches den Zuschauer sofort packt und mitten in das Geschehen reißt. Ein spannendes Katz- und Mausspiel wird entfacht, das immer dann seinen Höhepunkt erreicht, wenn sich Kimble und Gerard in die Augen sehen, oder sich quasi knapp verfehlen. Ob es da die Verfolgung durch die Talspeere, im Krankenhaus oder inmitten einer Parade ist, inszenatorisch ist Davis immer voll auf der Höhe. Sind die Hetzjagden jedoch überstanden, dann schleichen sich immer wieder kleinere Längen ein, die den Film zwar nicht langweilig machen, aber das eigentlich flotte Tempo des Filmes immer wieder etwas ausbremsen, was dann natürlich auch zur Folge hat, das die Laufzeit von knapp 130 Minuten immer wieder deutlich wird. Wenn man von diesen kleineren Schwächen absieht, dann erweist sich die Jagd auf den Unschuldigen durchaus als intelligent und durchdacht und kann vor allem dadurch punkten, dass Davis darauf verzichtet, seine Charaktere in eine altmodische Schwarz-Weiß-Zeichnung zu pressen und einen der Charaktere unbedingt zum Gute oder eben zum Bösen zu machen. Wir können unsere Sympathie klar auf die Figuren verteilen, haben Mitleid mit dem flüchtenden Kimble und schließen uns Gerard auf der Suche nach Kimble an, immer mit der Hoffnung, dass er die Wahrheit rechtzeitig rausbekommt. So ist „Auf der Flucht“ mit Sicherheit ein guter und spannender Film, dem es zwar hin und wieder an Fahrt fehlt, doch zu einer erneuten Sichtung geradezu einlädt, nicht zuletzt wegen der starken Charakterzeichnung.

Fazit: Das große Meisterwerk, für das „Auf der Flucht“ immer wieder gehalten wird, ist der Action-Thriller zwar nicht, aber in jedem Fall hat Andrew Davis einen packenden und durchdachten Film inszeniert, den man immer wieder gucken kann und die Bezeichnung „moderner Klassiker“ inzwischen auch verdient hat. Die tollen Darsteller, der mehr als passende Score, die exzellente Kameraarbeit und Davis starke Inszenierung machen „Auf der Flucht“ nach wie vor zu einem Genre-Highlight, auch wenn er mit einigen kleineren Längen zu kämpfen hat und langsam aber sicher eine dünne Staubschicht annimmt, deutlich über dem Durchschnitt bleibt der Film mit Sicherheit.

Bewertung: 8/10 Sternen