"Fluchtpunkt San Francisco" (USA 1971) Kritik – Im Rausch der Freiheit

„Die letzte wundervolle freie Seele auf diesem armseligen Planeten.“

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Protest gegen die amerikanische Gesellschaft und den Staat selbst gibt es zu genüge. Auch in filmischer Hinsicht wird hier kein Blatt vor den Mund genommen und es kommt oft dazu, dass nicht nur kritisiert wird sondern tatkräftig attackiert. Richard C. Sarafian inszeniert mit ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ von 1971 einen einmaligen Schrei nach Freiheit, der heute nicht umsonst absoluten Kultstatus in der Filmgeschichte genießen darf.

Ex-Rennfahrer Kowalski hält sich mit der Überführung von Autos geradeso über Wasser. Doch seine alte Leidenschaft hat ihn nie ganz losgelassen und eines Tages will er es nochmal wissen und schlägt in eine halsbrecherische Wette ein: Innerhalb von 15 Stunden muss er einen frisierten Dodge Challenger von Denver nach San Francisco fahren. Vollgepumpt mit Amphetaminen setzt Kowalski den Fuß aufs Gaspedal und beginnt den wahnsinnigen Wettlauf gegen die Zeit – und gegen alle Regeln. Während die Polizei ihn durch Straßensperren stoppen will, stilisiert ihn der blinde Radio D.J, Super Soul live zum letzten amerikanischen Helden.

Wenn der Dogde Challenger unaufhaltsam über den Bildschirm donnert, dann entstehen dabei einige der rasantesten Einstellungen überhaupt. Ganz zu schweigen von den fantastischen Landschaftsaufnahmen der schier unendlichen Weiten Amerikas. Kameramann John A. Alonzo schafft es diese Freiheit einzufangen und in gleichermaßen hitzigen wie träumerischen Bildern zu verpacken. Eine Bilderflut der Extraklasse. Dazu der zeitgenössische Soundtrack der mit Liedern wie ‚Mississippi Queen‘ von Mountain und ‚Over me‘ von Segarini & Bishop toll ausgewählt worden ist und die wilde Raserei perfekt unterstreicht. Das gibt ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ eine der stärksten Atmosphären überhaupt.

Mit Barry Newman als Kowalski kriegen wir es mit einem der coolsten Charaktere der Filmgeschichte zu tun. Zielstrebig, unaufhaltsam und wortkarg brettert er über die endlosen Straßen und kann sich alle Sympathien der Zuschauer sichern. Kowalski ist natürlich Dreh und Angelpunkt der Geschichte und gegen ihn kommt keiner an. Der nächste nennenswerte Darsteller wäre da Cleavon Little der als blinder Radio D.J. den einsamen Raser zum amerikanischen Helden krönt ohne ihn auch nur einmal zu sehen. Beide unterscheiden sich völlig, während Little richtig aufdrehen kann, bleibt Newman immer ruhig und tut was er eben tun muss – fahren.

Der Schrei nach Freiheit. Der Wunsch nach Unabhängigkeit. Alle Sorgen vergessen und der größten aller Sehnsüchte folgen. Wir alle sehnen uns danach. Einfach nur das tun was wir wirklich wollen. Jeden Atemzug genießen und die Welt um uns herum nicht mehr zum eigenen Problem machen. Auf alle Regeln, Gesetze und Vorschriften pfeifen. Sein eigener Chef sein. Niemand der uns ausbremst und uns sagt was wir zu tun haben. Niemand der uns in Schubladen stopft und uns noch Richtig und Falsch vorgibt. Einfach nur frei sein. Richard C. Sarafian wünscht sich eine derartige Freiheit und das merkt man dem Film in jeder Sekunde an. Doch er stellt die Freiheit nicht als Raum da oder gar als Person. Die uneingeschränkte Freiheit bündelt sich im unaufhaltsamen Dogde Challenger.

Mit Kowalski bekommen wir es mit einem Charakter zu tun, der gegen alle Gesetze verstößt, aber trotzdem schnell als klare Sympathiefigur aufgenommen wird. Kowalski hat keinen Vornamen und keine Familie. Er ist einfach ein gescheiterter seiner verratenen Generation. Im Vietnamkrieg musste er sich einem Krieg stellen, den man nicht gewinnen kann. Verloren kam er zurück und versuchte sein Glück bei der Polizei. Hier aber gab es keinen Platz für Kowalski, obwohl er das richtige getan hat. Als Rennwagenfahrer hatte er seinen Idealberuf gefunden, doch auch diesen verlor er weil er gegen das Gesetz verstoßen hat. So kam er zu den Überführungsfahrten, bei denen er Autos von A nach B fährt. Als er jedoch ein Auto bis nach San Francisco fahren soll, kommt der alte Rennfahrer wieder in ihm durch. Kowalski geht mit seinem Drogenhändler eine Wette ein und will in 15 Stunden von Denver nach S.F. fahren. Quasi unmöglich ohne den Fuß mal vom Gaspedal zu nehmen. Das weiß Kowalski und tritt gewaltig drauf. Doch das ist nicht der einzige Grund wieso Kowalski quer durch die USA rast. Er flüchtet vor sich selbst und vor seiner Vergangenheit. Die Vergangenheit die in den Sand gesetzt wurde und durch falsche Versprechen und unerfüllte Träume zertrümmert wurde. Auf seiner Fahrt trifft er so manchen Kautz auf der Straße, der ihm immer wieder an vergangene Tage erinnert und ihm auf seiner Reise weiterhilft. Er braucht keinen Schlaf, kein Essen und kein Trinken. Mit Speed hält er sich wach, das Adrenalin feuert ihm durch den Körper und ab und an vielleicht die nötige Zigarette. Mehr nicht. Auch die Polizei kann ihn nicht stoppen und wird immer wieder überrumpelt. Doch eben jene Freiheit hat immer ihren Preis und den wird auch Kowalski zahlen müssen…

‚Fluchtpunkt San Francisco‘ erzählt an erster Stelle eine völlig simple Geschichte. Ein Mann fährt von A nach B um seine Wette zu gewinnen und das Auto zu überliefern. Klingt leicht? Ist es auch. Das ist allerdings auch nur der Grundpfeiler der Geschichte. Vielmehr geht es Sarafian darum, zu zeigen was er von der damaligen Regierung und der Einstellung der Menschen gehalten hat. Nämlich gar nichts. So sieht man in Kowalski auch einen absoluten Rebellen und (Anti-)Helden der sich dem System in den Weg stellt und so im raschen Tempo eine Fanmasse aufbaut, die ihm auf seiner Fahrt anfeuern. Eine Person mit der wir uns identifizieren können, die wie wir endlich ungebunden sein will, egal wie viele „Verbrechen“ er auch begeht. Kowalski ist einfach jemand, der seinem alten Ich entkommen will. Mit allem abschließen. Ein Mann, der den amerikanischen Traum auf seine Weise interpretiert, leben will und den Rest mit dem Staub der Straßen bedeckt. Kowalskis Geschichte wird zwar aus der Gegenwart erzählt, durch einige kurze Rückblenden erfährt man jedoch was er für eine Zeit durchlebt hat. Der Film kann natürlich auch schnell mit falschen Augen aufgenommen. Kowalski nimmt Drogen, rast wie ein Irrer und beachtet keine einzige Regel. Dabei verherrlicht Sarafian den Charakter und seine Taten zu keinem Zeitpunkt. Er stellt ihn einfach als Gefangenen seiner Zeit da, der sich nur durch diese Sachen endlich freikämpfen kann. Das erreicht dann nicht selten eine fast poetische Ebene und prasselt nur so auf den Zuschauer ein.

Fazit: ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ ist hochspannend, poetisch und ungemein gesellschaftskritisch. Mit rauschartigen Bildern, einem fantastischen Soundtrack, Sarafians punktgenauer Inszenierung und dem extrem coolen Barry Newman in der Hauptrolle kann den Film niemand bremsen und man erlebt als Zuschauer knapp 100 Minuten Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau mit dem nötigen Tiefgang. ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ ist einer der Filme, die man immer wieder schauen kann, ohne dass er dabei auch nur ansatzweise etwas von seiner Klasse verliert.

„Nur wenn du Gewalt mit Gewalt bekämpfst wirst du überleben.“

Bewertung: 9/10 Sternen