"Alles eine Frage der Zeit" (GB 2013) Kritik – Der Zauber des Moments

Autor: Jan Görner

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„Tim, my dear son, this is gonna sound strange…”

Spätestens seit der für viele formativen Jugenderfahrung „Zurück in die Zukunft“ kann man vom Zeitreisefilm als Genre sprechen. “I don’t want to talk about time travel because if we start talking about it then we’re going to be here all day talking about it, making diagrams with straws.” wusste schon Bruce Willis in Rian Johnsons letztjährigem Achtungserfolg “Looper”. Und in der Tat: Wann haben Zeitreisen schon mal ernsthaft Sinn ergeben? Regisseur Richard Curtis interessiert sich in seiner romantischen Tragikomödie „Alles eine Frage der Zeit“ (OT: „About Time“) konsequenterweise auch nicht für technische Feinheiten und logische Widersprüche. Für ihn geht es um die Charaktere. Und damit um viel, viel mehr.

Mit gerade 21 Jahren hat Tim (Domhnall Gleeson) schon einiges zu bereuen. Da trifft es sich sehr gut, dass sein Vater (Bill Nighy) ihm am Morgen seines Geburtstags eröffnet, dass der zurückhaltende Rotschopf wie alle Männer der Familie eine besondere Fähigkeit besitzt. Es bedarf nur eines dunklen Raumes und ein wenig Konzentration und Tim kann in der Zeit zurückreisen. Zwar kann er nur die eigene Lebensgeschichte zurückdrehen, doch reicht das, um das eigene dürftige Liebesleben aufzuwerten. Als jedoch die reizende Charlotte (Margot Robbie), eine Freundin von Tims überdrehter Schwester Kit-Kat (Lydia Wilson) einen Sommer auf dem Landsitz der Familie verbringt, muss der junge Mann bald erkennen, dass auch Zeitreisen die Liebe nicht erzwingen können. Reichlich desillusioniert zieht Tim nach London, um als Rechtsanwalt zu arbeiten. Dort tritt Mary (Rachel McAdams) in sein Leben…

Auch wenn er sich mit der Piratenradio-Irrfahrt „Radio Rock Revolution“ ein Zwischentief erlaubte, ist der Brite Richard Curtis weiterhin der „go-to-guy“, wenn es um die erfolgreiche Melange aus Zwischenmenschlichem und verschrobenem Humor von der Insel geht. Sei es als Drehbuchautor (u.a. „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) oder Regisseur („Tatsächlich…Liebe“), der Mittfünfziger muss in dieser Hinsicht niemandem mehr etwas beweisen. So sieht sich sein neuestes Werk in Personalunion „Alles eine Frage der Zeit“ dann auch als überaus souveräne Interpretation des „Er trifft sie“-Films. Weitgehend ohne den üblichen Fallstricken, den kitschigen Missverständnissen und falscher Melodramatik anheim zu fallen, bürstet Curtis das Genre angenehm gegen den Strich. Und sei es auch nur, dass er eine harmonische Beziehung zwischen zwei Erwachsenen zeigt. Dass auch darin genügend komisches Potenzial schlummert, beweisen zahlreiche treffsichere Pointen, die „Alles eine Frage der Zeit“ auch zu einer der erfrischendsten Komödien des Jahres macht.

Im ersten Akt jongliert Curtis dabei fintenreich mit dem kontrafaktischen Aspekt der Geschichtsmanipulation, „was wäre, wenn…“ und erinnert dabei an Peter Howitts romantisches Paralelluniversen-Experiment „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“ von 1998. Natürlich kommt auch „..Und täglich grüßt das Murmeltier“ in den Sinn. Dem Zeitreiseaspekt und dessen Konsequenzen widmet sich der Regisseur aber nur insoweit die Erzählung davon profitiert. Woher die übernatürliche Begabung kommt, ist dabei ebenso wenig Thema wie eine dezidierte Auseinandersetzung mit den unvermeidlichen Paradoxa der Materie. Zwar werden Gaunereien zur persönlichen Bereicherung von einem fabelhaften Bill Nighy („Best Exotic Marigold Hotel“) als Tims Vater und Mentor kurzerhand weggefegt, dennoch geht Tim recht Leichtfertig mit den Eingriffen in fremde Leben um. Vielmehr als das jedoch lotet das Drehbuch ohnehin die emotionale Tragweite der Vergangenheitsbearbeitung aus. So kann Tims Vater nicht in die Zeit vor der Geburt seiner Kinder zurückkehren, aufgrund der sehr realen Gefahr, damit ihre Geburt zu verhindern. Denn wer kann schon sagen, dass genau dieses Spermium wieder die Eizelle befruchtet und dieses Kind hervorbringt.

Regisseur Curtis kann sich dabei auf einen grundsympathischen Cast verlassen, dem mit Bill Nighy als heimlicher Star ein Doyen des britischen Films vorsteht. Aber auch der hierzulande am ehesten als Weasley-Bruder in den „Harry Potter“-Filmen bekannte Domhnall Gleeson kann als liebenswerter Leisetreter überzeugen und erinnert dabei nicht nur äußerlich an einen jungen Martin Freeman. Brian De Palmas Eurothriller-Gurke „Passion“ hatte zur Mitte des Jahres auch an der Fehlbesetzung von Rachel McAdams als Femme Fatale zu kämpfen. Nun ist die Kanadierin wieder in angestammten Gefilden angekommen. Die Mittdreißigerin interpretiert ihre Mary mit so viel hinreißendem Charme, dass es eine Freude ist. Glücklicherweise driftet der Charakter dabei nicht ins Klischee des „Manic Pixie Dream Girl“ ab, also einer exzentrischen Kunstfigur, die nur dazu dient jungen nachdenklichen Männern die Freude des Lebens zu zeigen.

Fazit: Logiklöcher hin oder her: „Alles eine Frage der Zeit“ funktioniert wie ein guter Zaubertrick. Er ist so charmant und flott vorgetragen, dass der Zuschauer nicht dazu kommt, sich an Ungereimtheiten zu stoßen. Und schließlich will man sich ja auch nur allzu gerne der Illusion hingeben und einen Moment lang an Magie und wahre Liebe glauben. Wozu gehen wir schließlich sonst ins Kino.