Kritik: Frances Ha (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„The only people who can afford to be artist in New York are rich.”

Jeder hat einen Traum davon, wie sein Leben perfekt wäre. Manche Vorstellung ist realisierbarer als andere und ob man diesem Traum überhaupt nachgeht, steht letztendlich noch mal auf einem ganz anderen Blatt Papier. Der Weg ist das Ziel. Sobald es erreicht ist, verliert es seine Bedeutung. Das ist beim Geschichten erzählen nicht anders. Die von Mumblecore-Ikone Greta Gerwig gespielte Frances in Noah Baumbachs neuem Film „Frances Ha“ hat einen recht bescheidenen Traum. Sie möchte Tänzerin in einer New Yorker Company werden. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber Männern, macht sie durch das WG-Leben mit ihrer allerbesten Freundin wett. Als diese aber kurzerhand auszieht, um mit ihrem Freund eine neue Wohnung zu beziehen, steht Frances nicht nur plötzlich vor finanziellen, sondern grundlegend existenziellen Problemen.

Gerwig schrieb das Drehbuch mit Baumbach zusammen und so ist es nicht verwunderlich, dass ihr die Rolle der Frances wie maßgeschneidert steht. Nur der Traum von der großen Tanzkarriere will nicht gut passen bei dieser Frau mit eher grobschlächtigem Bewegungsspektrum und der Ausstrahlung eines weiblichen Woody Allen. Bis hierhin klingt alles nach dem typischen Twentysomething-Traum, den bereits Lena Dunham in der preisgekrönten HBO-Serie „Girls“ träumt und dabei ebenso grandios hadert und strauchelt wie Gerwigs Figur. Doch da kommt Noah Baumbach ins Spiel, der „Frances Ha“ die Arthouse-Glasur des Schwarz-Weiß-Films überzieht, wie es zuletzt auch Jan Ole Gerster bei „Oh Boy“ gemacht hat. Die inhaltlichen Parallelen sind kaum zu übersehen. Hipster-konform kombinieren beide Filme Zeitgeist-Probleme mit einem nostalgischen Blick, indem sie sich reichhaltig beim Second-Hand-Laden der Filmgeschichte bedienen. „Frances Ha“ quillt über mit Referenzen an das amerikanische Independent-Kino um John Cassavetes und duscht darüber hinaus in der spielerischen Frühphase der Nouvelle Vague, speziell Jean-Luc Godards erste Filme wie „Außer Atem“ oder „Alle Jungen heißen Patrick“.

Dieser träumerische und logischerweise auch trügerische Blick, dem Frances wohl auch erlag als sie sich entschied Tänzerin zu werden, bleibt in „Frances Ha“ zum Glück kein unhinterfragtes Gimmick. In der Mitte des Films unternimmt Frances einen Wochenendtrip nach Paris, nur das ihre Vorstellung gänzlich mit dem kollidiert, was sie dort erlebt. Ihr gelingt es nämlich einfach nicht dem enormen Jetlag zu entgehen, weshalb sie die Tage verschläft, die Öffnungszeiten der Museen verpasst und nicht mal ihre dort lebende Freundin aus alten Zeiten geht ans Telefon. Der Kurztrip, der eigentlich die Flucht vor den Problemen zu Hause sein sollte, wird zum symbolischen Erlebnis für Frances‘ Leben, dass sich förmlich ständig im Jetlag zu befinden scheint. Baumbach entgeht der Versuchung diese Erkenntnis zum großspurigen Generationsporträt zu erheben. Man kann aber sicher sein, dass sich viele junge Menschen, die vornehmlich in Großstädten wohnen, in Frances wiederfinden werden.

Der Kulturpessimismus, die Nostalgie, schlicht das Leben in der Vergangenheit wird überraschend von einem Film getadelt, der sich hinter laszivem schwarz-weiß und Old-School-Texttafeln versteckt. Wahrscheinlich ist das die cleverste Lösung, um das nötige Publikum ins Kino zu locken. Bei all den großen Problemen in Frances‘ Welt bleibt Baumbachs Film eine Komödie und über nichts kann man besser lachen als eine saftige existenzielle Krise, besonders wenn man mit ihr selbst vertraut ist. Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht und Frances muss am Ende ihre Träume zwar nicht aufgeben, aber den Umständen entsprechend adaptieren, was in der letzten Szene durch die Erklärung des seltsam verkürzten Filmtitels sogar noch ein weiteres, schönes Sinnbild erhält und „Frances Ha“ ist voll von solchen Bildern, ganz wie in alten Zeiten. So wie es sich gehört.