"From Hell" (USA 2001) Kritik – Johnny Depp auf der Suche nach Jack the Ripper

„Wir befinden uns hier an der extremsten Grenze des menschlichen Verstandes. Einem strahlend hellen Abgrund, wo der Mensch sich selbst begegnet.“

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Legenden um den berühmt berüchtigten Serienmörder Jack the Ripper gibt es unzählige. Während des 19. Jahrhundert hat ein bis heute unbekannter Mann mehrere Prostituierte in London bestialisch umgebracht. Der Name Jack the Ripper kam durch einen anonymen Brief zustande, der an die Central News Agency geschrieben wurde, der Verfasser des Briefes betitelte sich selbst als Mörder und das legendäre legte Pseudonym er sich dabei selber auf. Bis heute zählen die Ripper-Morde, genau wie der Jimmy Hoffa-Fall und die Vorfälle in Hinter Kaifeck zu den interessantesten und meistdiskutiertesten Kriminalfällen überhaupt. Verdächtige gab es unzählige, Identitäten aber keine einzige, genau wie Forscher, Kriminologen und Historiker sich in ihren Theorien bis heute verrannten und wahrscheinlich nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen werden. Natürlich dürfen die Verfilmungen dieser ungelösten Geschichte nicht fehlen. Die bekannteste ist der Zweizeiler mit Michael Caine in der Hauptrolle aus dem Jahre 1998, aber auch die Brüder Allen und Albert Hughes, die mit „Menace II Society“ die Genre-Freunde beglückten, nahmen sich 2001 mit „From Hell“ dem Ripper-Fall an.

„From Hell“ basiert auf der in Comic-Kreisen vergötterten gleichnamigen Graphic Novel, die sich als einer der vielschichtigsten und detailliertesten Comics der 90er Jahre erwies. Wir schreiben das Jahr 1888. Im Londoner Whitechapel Stadtteil kam es zu furchtbaren Morden an Prostituierten, die allesamt von dem Serienmörder Jack the Ripper durchgeführt worden sein sollen. Der Drogen- und Alkoholsüchtige Polizeiinspektor Frederick Abberline soll den Mörder finden und die Morde selbst endlich aufklären, damit die Stadt wieder in Ruhe schlafen kann. Durch seine Opiumsucht kann Abberline jedoch zu Visionen gelangen, die ihn zu einigen Schritten in die richtige Richtung der Aufklärung der Morde verleiten, auch wenn er sich selbst dadurch zerstört. Der Mörder kann nicht aus dem Dirnenviertel stammen, denn dafür kennt er sich zu gut mit der Anatomie des menschlichen Körpers aus, da die Frauenleichen immer säuberlich von ihren Organen getrennt wurden. Zusammen mit der Hure Mary Kelly, die alle Opfer natürlich kannte, dringt Abberline immer tiefer in den Fall ein…

„From Hell“ kann vor allem durch seine extrem düstere Atmosphäre begeistern, die sich durch die ästhetische Farbenmischung aus roten und schwarzen Grundtönen fantastisch entfaltet und ein Feeling entstehen lässt, welches in dieser Form höchstens aus den Burton-Filmen wie „Sleepy Hollow“ und „Sweeney Todd“ bekannt sein dürfte. Die kraftvollen Fotografien von Peter Deming lassen den Film in jeder Szene wie ein finsteres Gemälde aussehen und die klare Optik zu einem der visuellen Highlight der Filmgeschichte werden. Genau wie der Score von Trevor Jones, der sich der düsteren Atmosphäre mit seinen ruhigen Klängen anpasst. In der Hauptrolle sehen wir Johnny Depp als Inspektor Frederick Abberline. Depp kann so ziemlich jede Rolle spielen, denn er besitzt nicht nur das Können, sondern auch das Charisma, welches in seiner anziehenden Wirkung eigentlich immer funktioniert. Seine Rolle selbst ist zwar, gerade auf der emotionalen Basis, sehr eingebunden, doch Depp macht das Beste aus seinem Charakter. Ian Holm als Sir William Gull steht Depp in nichts nach und Holm kann gerade durch seine angsteinflößende Mimik zur Höchstform auflaufen. Heather Graham passt zu keiner Sekunde in die Rolle der Prostituierten Mary Kelly, denn ihr Auftreten ist so glatt und rein, das sie nie in die Prostituiertenszene passt.

Einen derart vielfältigen Comic wie „From Hell“ auf die Leinwand zu bringen, lässt sich in einem normalen Film gar nicht bewerkstelligen, dafür sind die Charaktere zu tiefgängig, die Handlungsstränge zu ausgearbeitet und die Mordfälle in ihrer historischen wie fiktiven Komplexität einfach zu verstrickt. Das merkt man dem Film natürlich an und die Führung von Albert und Allen Hughes verkommt zu einer Art Abwanderung der Mordfälle und Tatorte. Unser „Protagonist“ ist natürlich kein Protagonist, denn Inspektor Abberline säuft literweise Absinth und benebelt sich durchgehend mit Opium, während seine Ehe in die Brüche ging und sein Leben nur noch von seinen Süchten bestimmt wird. Dabei entsteht das Problem, das der emotionale Zugang zu Abberline, aber auch zu den anderen Charakteren, vollkommen unmöglich ist, eben weil man sie immer bei den gleichen Handlungen erlebt und nie einen Hauch von Tiefgang erfahren darf, da die Inszenierung sich von einem Mord zum anderen schwingt, die mit Blut zwar sicher nicht geizen, aber im Laufe der Geschichte immer uninteressanter werden. Die Logik hinter dem Täter selbst ist sicher keine dumme, doch aufgrund der begrenzten Laufzeit erzielt diese natürlich nicht die Wirkung der Vorlage. So wird „From Hell“ zwar zu einem unheimlich düsteren Krimi, der in Sachen Atmosphäre in der ersten Liga spielt, aber viel zu Charakter- und Emotionslos daherkommt, um wirklich etwas zu bewirken und mitzureißen.

Fazit: Die Phrase „außen hui, innen pfui“ in Bezug auf „From Hell“ anzuwenden, wäre etwas zu extrem, wenn auch irgendwie passend. Atmosphärisch ist „From Hell“ wirklich meisterhaft, dank der ästhetischen und finsteren Einstellungen, die ihre volle Wirkung erzielen können. Die Story um Jack the Ripper selbst ist ebenfalls interessant, wird in „From Hell“ allerdings viel zu schnell abgegrast und ohne wirklich Höhepunkte dargestellt. Dazu kommt, dass die Charaktere selber keine neuen ansprechenden Facetten vorweisen und natürlich einzig von den Schauspielerleistungen leben, die sich von Johnny Depp und Ian Holm wirklich sehen lassen können. „From Hell“ ist einer der unspektakulären Krimis, denn er tut niemanden weh, wird der Vorlage nicht im Ansatz gerecht, aber einen Blick darf man ruhig riskieren und eine gewisse Grundspannung ist immer vorhanden.

Bewertung: 5/10 Sternen