"Full Metal Jacket" (USA 1987) Kritik – Stanley Kubrick und die Bestie Krieg

„Die tödlichste Waffe der Welt ist ein Marine mit seinem Gewehr! Es ist euer Killerinstinkt, der voll da sein muss, wenn ihr im Kampf überleben wollt! Euer Gewehr ist nur ein Instrument! Töten kann nur ein Herz aus Stahl!“

null

Der Krieg hat viele Gesichter, doch allesamt sonnen sie sich in Sinnlosigkeit und unbeschreiblicher Gewalt. Viele große Regisseure widmeten sich schon dieser Bestie, einige von ihnen mussten sie selbst durchleben. Die filmischen Ergebnisse sind dabei immer unterschiedlich. Mal durchwachsen, schwach und täuschend, mal meisterhaft und erschreckend ehrlich. Wenn sich eine Legende wie der einzigartige Stanley Kubrick, diesem Thema, dem Vietnamkrieg, annimmt, dann darf man etwas Besonderes erwarten. ‚Full Metal Jacket‘ aus dem Jahre 1987 ist in jedem Fall ein grandioser Antikriegsfilm, der leider viel zu oft schlecht gemacht wird.

Wie in jedem Kubrick-Film gibt es an der Atmosphäre rein gar nichts zu meckern. Ganz besonders im Ausbildungs-Teil bedrückt sie den Zuschauer regelrecht und lässt zu keiner Zeit locker. Dazu tragen zum einen die nüchternen Aufnahmen von Kameramann Douglas Milsome bei, der hier ohne unnötige Spielerein auskommt und immer an der richtigen Stelle ist. Aber noch viel mehr ist es der geniale Soundtrack. Abigail Meads unaufdringlicher Soundtrack auf der einen Seite und auf der anderen die fantastisch gewählten Lieder. Zum Empfang der Klassiker „Hello Vietnam“ von Johnny Wright, weiter über „Surfin‘ Bird“ und „These Boots Are Made for Walkin'“ von Nancy Sinatra und dem ganz großen Highlight während des Abspanns: „Paint It, Black“ von den Rolling Stones. Selten wurden Lieder besser in Szenen untergebracht und erzielen so ihre volle Wirkung. Kubrick hatte schon immer ein Händchen für die perfekte musikalische Untermalung, das beweist er hier auch wieder.

Der aus heutiger Sicht bekannteste Darsteller dürfte wohl Vincent D’Onofrio als Leonard Lawrence aká Private Paula sein. D’Onofrio kann man hier als Idealbesetzung bezeichnen und überzeugt als Außenseiter mit schlimmem Schicksal in jeder Szene. Das große Highlight jedoch ist R. Lee Ermey als ultraharter Gunnery Sergeant Hartman, der schon längst Filmgeschichte geschrieben hat und jedem bekannt sein dürfte. Allein die rausgerotzten Sprüche von ihm kennt hier wirklich jeder. Matthew Modine als Private Joker ist wohl der Hauptakteuer der Geschichte und kann durch sein cooles Auftreten, aber ganz besonders in den letzten 20 Minuten durch Facettenreichtum überzeugen und verkörpert seine Rolle stark. Die kleinen Nebenrollen mit Adam Baldwin als Animal Mother und Arliss Howard als Private Cowboy sind ebenfalls gut besetzt.

Stanley Kubrick teilt ‚Full Metal Jacket‘ in zwei ganz klare Teile. Angefangen mit der Marine Ausbildung im Lager Prisson Island. Mit Gunnery Sergeant Hartman bekommen die jungen Männer einen der härtesten und inzwischen bekanntesten Ausbilder der Filmgeschichte. Die Männer sind in seinen Augen nicht mehr wert als ein Häufchen Dreck auf dem Boden. Noch nicht. Hartman will diese Männer brechen, muss die Fehler aus ihnen treiben und die Maden zu gewissenlosen Killern machen. Und zwar zu den Besten der Besten. Besonders hat er es auf den trotteligen und übergewichtigen Leonard Lawrence abgesehen, von ihm nur noch Paula genannt. Durch sein fehlerhaftes Verhaltet schadet er jedoch nicht nur sich, sondern auch seinen Kameraden, die für seine Fehltritte immer wieder aufs Neue bezahlen müssen. Doch sie rächen sich an Paula und der wird darauf zu einem völlig anderen Menschen…

Nach einem schrecklichen Zwischenfall am Ende der Ausbildung, finden wir uns in Vietnam wieder. Joker, den wir auch schon durch die Grundausbildung begleitet haben, wird unsere Hauptfigur. Vorher durch seine Sprüche immer wieder aufgefallen, will er sich im Krieg nicht verändern und seine Vorsätze aufrechterhalten. Joker hat sich gewaltig Geschnitten und den Vietnamkrieg auf die leichte Schulter genommen. Schneller als er es merken kann, ist er schon ein Teil dieses Krieges.

Mit dem Einteilen dieses Film Stanley Kubrick genau das Richtige getan. Wir bekommen Joker in beiden Punkten ausführlich zu sehen. Er übersteht die Grundausbildung, hat sich von Hartman erniedrigen, schlagen und bleidigen lassen. Jeden Tag aufs Neue. Doch Hartman, so scheint es, hat Joker nicht kleinbekommen. Er hat seine moralischen Punkte, die er vertritt, er hat seine Ansichten über den Krieg und er versucht diese Haltung zu bewahren. Unmöglich. Er selbst ist längst ein Opfer des Krieges geworden, ohne es zu anfangs zu merken, aber der Krieg macht keine Ausnahmen und zerbricht alle Teilnehmer. Ob Soldat oder Zivilist. Im Krieg interessiert das niemanden und das bekommt er in voller Wucht zu spüren. Joker ist in Vietnam angekommen, in einem Abgrund, und will die Zeit, genau wie die Ausbildung, einfach hinter sich bringen. Er hält sich für unantastbar und denkt, der Krieg kann ihm sowieso nichts anhaben. Doch der Krieg kriegt jeden, egal ob er getötet hat oder nicht, denn hier ist Anwesenheit schon ein kleines Todesurteil und wenn es nur für den Charakter gilt…

Der letzte Kampf, in der die kleine Truppe um Joker von einem Scharfschützen Stück für Stück auseinandergenommen wird, bekommen wir es mit einigen der intensivsten Szenen der Kriegsfilmgeschichte zutun. Dabei liegt der Hauptpunkt ganz deutlich auf dem direkten Aufeinandertreffen zwischen Joker und dem Scharfschützen. Auge um Auge. Was ist richtig und was ist falsch. Was ist Gnade und wo fängt Mord an? In Jokers erstarrtem Blick spielgelt sich alles was er ist, was er war und was er nie wieder sein wird.

Schade finde ich es nur, so wichtig die Momente während des Krieges auch sind, dass die Ausbildung mit ihren 45 Minuten viel zu kurz erscheint. Rasend schnell zieht sie an einem vorbei und erschlägt den Zuschauer förmlich mit einer genialen Szene nach der anderen. Diese Klasse kann der zweite Abschnitt nicht ganz halten. Nichtsdestotrotz ist ‚Full Metal Jacket‘ in jedem Fall ein unheimlicher wichtiger und bärenstarker Vertreter des Kriegsfilmgenres. Allein wegen des realistischen Bildes der Ausbildung, des Krieges und der Soldaten selbst. Die Soldaten, die anfangs alles als Vergnügen ansehen, sich unsterblich fühlen, werden auf den Boden der Tatsachen gedrückt und müssen der bittersten aller Wahrheiten ins Auge sehen. Eine Wahrheit die sich nicht nur festbeißt, sondern zerfrisst. Moral und Menschlichkeit. Grauen und Perversion. Peace und Born To Kill.

Fazit: Mit ‚Full Metal Jacket‘ inszenierte Stanley Kubrick einen fantastischen Antikriegsfilm, der auf jegliche Glorifizierung und Heldentaten verzichtet. Schonungslos, ehrlich und bitter, wie ein solcher Film nun mal auszusehen hat. Zusätzlich machen der mehr als fantastische Soundtrack, die tollen Darsteller und Kubricks exzellente Inszenierung ‚Full Metal Jacket‘ zu einem der eindringlichsten Antikriegsfilme überhaupt.

Bewertung: 9/10 Sternen