"Game of Thrones" 3. Staffel (USA 2013) Kritik – Fleisch, Stahl und Stagnation

Autor: Sebastian Groß

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„The Winter is coming… slowly.“

Die TV-Adaption von George R. R Martins literarischer Fantasyreihe gehört zu den erfolgreichsten fiktionalen Stoffen, die aktuell von einem Fernsehsender (in dem Falle der Pay-TV Sender HBO) in Auftrag gegeben und ausgestrahlt wird. Neben „Breaking Bad“, “Mad Men”, „Sons of Anarchy“, „Boardwalk Empire“, „Shameless“ oder „Banshee“ gehört „Game of Thrones“ zur Speerspitze neuer US-Serien, die mit teils komplexen Geschichten, vielschichtigen Figuren und anti-adoleszenten Inhalten nicht nur in Amerika für zufriedene Zuschauer sorgt –und für massive Downloads. Vor allem außerhalb der USA gehören diese Serien zu den am meisten legal wie illegal beschafften Unterhaltungsprodukten, was hierzulande auch daran liegen mag, dass viele Serien eher stiefmütterlich behandelt werden und auf den kleinen Digitalkanälen zu später Stunde laufen. „Game of Thrones“ hat es zumindest als Event-Programmierung auf RTL2 geschafft. Dort hatte die Serie jedoch mit Zensuren (einige Folgen wurde vor 22:00 ausgestrahlt) zu kämpfen und die Quoten war zwar ordentlich, aber immer noch etwas unbefriedigend, vor allem im direkten Vergleich mit dem Hype rund um Martins Fantasywelt und deren TV-Realisierung. Vielleicht gehört „Game of Thrones“ einfach zu den Vertretern seiner Zunft, die am besten auf DVD oder Blu-ray aufgehoben sind? Die dritte Staffel von „Game of Thrones“, die jeder Fan bereits wohl auf dem einen oder anderen Wege gesehen hat, profitiert jedenfalls alleine wegen ihrer Komplexität, von der Möglichkeit die einzelnen Episoden direkt hintereinander und ohne einwöchige Wartezeit anzuschauen.

Bei der Fülle von Figuren, Verwicklungen, Intrigen und Handlungsorten lässt es sich nicht vermeiden, dass es immer wieder Stränge innerhalb des narrativen Konstrukts gibt, die vor allem im Vergleich zu anderen serien-internen Szenerien eher wie zweckmäßiges Füllmaterial wirken. Im Falle von Theon Greyjoy, der sich nach den Vorfällen von Staffel 2 nun in der Hand eines mysteriösen Foltermeisters befindet, ist es schwer überhaupt von zweckmäßig zu sprechen. Im Grunde sind diese Abschnitte nicht mehr als eine langgezogene Nichtigkeit, deren finale Aufklärung es bei weitem nicht wettmacht, dass dem Publikum nicht mehr dargeboten wurde als das Leid Theons. Dass die Macher scheinbar nicht genau wissen, was sie mit dem einen oder anderen Charakter anstellen sollen ist ein Problem, welches bereits die zweite Staffel besaß. Hier war es die Drachenmutter Daenerys, die eine viel zu lange, gähnende Zeit in einer Zaubererstadt nach ihren entführten, schuppigen Kindern suchte. Mag sein, dass dies in George R. R. Martins Büchern geschickter gelöst und/oder erzählt wurde, innerhalb der episodenhaften Stückelungserzählform der TV-Serie ließen diese teils wichtigen, teils eher ein wenig redundanten, Handlungsstränge die Unterhaltungsmaschinerie von „Game of Thrones“ hin und wieder etwas zu oft ins Stocken geraten.

Es sind nicht die Momente, in denen schwerer, spitzer Stahl in Leiber gestoßen wird und es liegt auch nicht an den immer wieder erwähnten Sex- und Nacktszenen, dass auch die dritte Staffel von „Game of Thrones“ zu gut mechanisierter Unterhaltung macht. Die größte Stärke der Serie ist ganz einfach die Politik. Das Intrigieren, Verraten, Verheimlichen, Verstecken, Taktieren. Dies dargeboten von guten bis herausragenden Darstellern und es fällt zumindest für einige Zeit nicht mehr sonderlich ins Gewicht, dass Season 3 letztlich nichts wirklich neues bietet und sich eigentlich nur damit beschäftigt, sich selbst im Kreis zu drehen. Aber wenn Tyrion (Peter Dinklage) und sein Vater Tywin (Charles Dance) sich mit Worten traktieren, jede n angeblichen Schwachpunkt ihres Gegenüber versuchten zu forcieren und auszunutzen, dann entfacht die Serie eine schwer zurückzuweisende Sogkraft. Neben „House of Cards“ ist „Game of Thrones“ die zweite, große Politikserie der USA, mit dem Unterschied, dass das Remake der britischen BBC-Serie aus dem Jahre 1990 weitaus zugänglicher inszeniert ist, während HBOs aktuelles Eigenproduktionsflaggschiff wegen seiner unzähligen Figuren und Lokalitäten meist immer noch viel zu unübersichtlich daher kommt.

Neben den erwähnten Peter Dinklage und Charles Dance können auch die anderen Darsteller überzeugen. Zwar sind nicht alle Figuren wirklich facettenreich, dafür erfüllen sie ihre Aufgabe meist tadellos. Einzig die Figur des Robb Stark (Richard Madden) bleibt zu steril und wirkt mit seiner scheinbar unbefleckten Gutherzigkeit wie der Streber im Team, während sein Halbbruder Jon Schnee (Kit Harrington, der kürzlich in „Pompeji“ im Kino zu sehe n war) wesentlich ambivalentere Züge annimmt, auch wenn Harrington damit etwas zu überfordert scheint. Neu im Ensemble dabei und ohne Wenn und Aber eine Bereicherung ist eine Dame, die bereits vor einige Jahrzehnten in einem Serien-Highlight mitwirkte, welches heute noch viele Fans und Anhänger hat: Diana Rigg, bekannt aus dem TV-Klassiker „Mit Schirm, Charme und Melone“. Rigg darf als redegewandte, politisch eben so geschickte wie mutige Olanna Tyrell (auch „weiße Königin“ genannt), die dem Lannister-Clan mit würdevoller Nonchalance in die Schranken weist. Das anzuschauen macht große Freude und gehört zweifelsohne zu den Höhepunkten dieser Staffel von „Game of Thrones“.

Was den aktuell grassierenden Serientrend u.a. ausmacht, dass ist das wonnige durchexerzieren von Schockmomenten. Damit sind keine Jump Scares gemeint, sondern drastische Entwicklungen innerhalb der Serie, einhergehend meist mit dem Ableben eines wichtigen Protagonisten. Was früher undenkbar war, gehört nun zum guten Ton. „Game of Thrones“ war mitnichten eine der ersten Serien, die mit solch „bösen Überraschungen“ aufwartete, doch noch nie wurde das „aussondern beliebter Figuren“ so prominent wie hier betrieben. Auch das zog die Zuschauer in den Bann. Mittlerweile haben diverse andere Formate diese drakonische Veränderungstaktik übernommen, so dass sich langsam eine Art Übersättigung feststellen lässt. Dennoch vertraut „Game of Thrones“ auch weiterhin auf diese Mechanik und erhöht und überspitzt sie, wo es nur geht. Ein billiger Taschenspielertrick, der aber ganz wunderbar funktioniert, denn niemand ist sicher in der von George R. R. Martin ersonnenen Welt. Elegant ist das bei weitem nicht, aber effektiv und äußerst spannungsförderlich, auch wenn Staffel 3 nüchtern betrachtet nicht viel mehr ist, als eine Vorbereitung auf etwas noch Größeres. Es erinnert sogar ein wenig an Marvel, deren Superhelden mit ihren Solofilmen letztlich auch nicht mehr sind als Wegbereitet für das große Zusammentreffen. Schade nur, dass sich Staffel 3 von „Game of Thrones“ somit einer gewissen Entwicklung verwehrt und den unschönen Eindruck eines Produkt zum Zeitschinden einverleibt, der der Serie nicht wirklich gut zu Gesicht steht.

Wenn am 6. April 2014 in den USA die vierte Staffel von „Game of Thrones“ startet, dann ist dies nicht nur eine Fortführung der Erfolgsserie, sondern auch die Chance für die Macher endlich die Welt rund um die beiden Kontinente Essos und Westeros weiterzuentwickeln, mit all ihren Figuren, Parteien und Schauplätzen. Noch eine Staffel die mehr auf der Stelle tritt als wirklich weiterführende Impulse zu generieren, wäre wirklich mehr als bedauerlich. Denn wenn „Game of Thrones“ schon im stagnierenden Zustand immer noch zu fesseln vermag, wie großartig wird es erst dann, wenn sich wirklich etwas bewegt im Kampf um den eisernen Thron?