"Gangs of New York" (USA 2002) Kritik – Amerika wurde in den Straßen geboren

„Wenn man einen König ermordet, dann erdolcht man ihn nicht in einer finsteren Ecke. Man tut es da, wo der gesamte Hofstaat ihm beim Sterben zusehen kann.“

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Im Jahre 2002 durfte die Filmwelt den Anfang einer großen Zusammenarbeit erleben, die die Welt noch einige Male begeistert hat und auch begeistern wird. Die Rede ist von Regisseur Martin Scorsese und dem Schauspieler Leonardo DiCaprio. Heute zählen beide zu den bedeutendsten Akteuren in ihren Bereichen, Scorsese natürlich auch schon im Jahre 2002, denn mit Filmen wie „Taxi Driver“ und „GoodFellas“ machte er sich schon zur Legende, bei DiCaprio war das jedoch ein bisschen anders. Die Meisterleistung in „Gilbert Grape“ lag schon einige Jahre zurück und DiCaprio eignete sich ein Schönling-Image an, welches ihn durch die Filme „Romeo & Julia“ und „Titanic“ angeheftet wurde. Eines an dieser Stelle vorweg, natürlich ist das kein Geheimnis mehr, wie mein vorhergehender Satz schon klarstellte: DiCaprio warf sein Image ab und zwar mit beeindruckender Wucht. Allerdings muss man auch sagen, dass ihre erste Zusammenarbeit „Gangs of New York auch“ gleichzeitig ihre schwächste war und nachfolgenden Werken wie „Departed“ oder „Shutter Island“ nicht das Wasser reichen kann, aber dennoch ein starker Film ist und bleibt.

Der Ausgangspunkt der Geschichte findet im Jahre 1846 statt, in dem ein gnadenloser Bandenkrieg in den Five Points tobte. William Cutting, bekannt als The Butcher, führte seine Bande, die Natives, im Kampf gegen die Dead Rabbits zum blutigen Sieg, in dem er den Anführer Priest umbrachte. Ein Zeitsprung von 16 Jahre folgt und wir finden uns im September des Jahres 1862 wieder, in dem Amsterdam, der Sohn von Priest, zurück in die Five Points kehrt und nur ein Ziel vor Augen hat: Rache an The Butcher, dem Mörder seines Vaters. Er muss feststellen, dass sich nicht unbedingt viel verändert hat, denn die Einheimischen und die irischen Einwanderer, die immer noch ganz besonders von The Butcher gehasst werden, stehen sich nach wie vor feindlich gegenüber. Amsterdam trifft alte Freunde wieder und muss irgendwie in die Gang von Butcher kommen, damit er das Vertrauen gewinnen kann und sich bei seinen Männern an die Spitze arbeiten kann. Durch die Bekanntschaft mit Diebin Jenny Everdeane gerät Amsterdams falsche Identität bei Butcher ins Wanken. Ein neuer Krieg scheint bevorzustehen, ein allesentscheidender Kampf, bei dem Amsterdam dieses Mal in der erste Reihe stehen muss…

„Gangs of New York“ ist Scorseses opulentester Film, der sich durch seine gewaltigen Schauwerte sofort in die erste Liga katapultieren kann. Hier stimmt einfach alles. Das Amerika in der Mitte des 19 Jahrhundert wird mit viel Liebe zum Detail extrem atmosphärisch aufgebaut und die aufgezogenen Kulissen sind nicht nur authentisch, sondern auch einfach fantastisch. Kameramann Michael Ballhaus fängt diese realistischen Aufmachungen mit seiner hervorragenden Führung ein und weiß dabei mit kraftvollen Bildern zu überzeugen, die dem Zuschauer einfach in diese Epoche ziehen. Den Score dazu gibt es dann noch von Meisterkomponist Howard Shore, der immer grandiose Arbeiten abliefert, und auch „Gangs of New York“ mit seiner starken Komposition untermalt und die Atmosphäre ebenso verdichtet. Natürlich darf man auch den wundervollen U2 Song The Hands That Built America nicht vergessen, der ebenfalls genau ins Bild passt, allerdings erst im Abspann zur Geltung kommt.

Schauspielerisch ist also wie erwähnt Leonardo DiCaprio der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auch wenn es viele Kinogänger und Kritiker in diesen Jahren nicht wahrhaben wollten und DiCaprio eben auf den glattes Image reduziert wurde. Doch DiCaprio leistet als Amsterdam durchgehend Großes und kann die Facetten seines von Rache durchtriebenen Charakters stark ausspielen, wenn auch nicht in der Brillanz, wie man es inzwischen von ihm gewohnt sein darf. Dann wäre da Cameron Diaz als Diebin Jenny Everdeane, vollkommen fehlbesetzt. Diaz ist einfach keine Charakterdarstellerin und wirklich ernsten Rolle nie ganz gewachsen, das macht sich nun neben DiCaprio und ganz besonders Day-Lewis extrem bemerkbar. Und da kommen wir zum allesüberschattenden Highlight im Cast von „Gangs of New York“: Daniel Day-Lewis. Einer der besten Darsteller unserer Zeit, der mit seiner Mimik fast jeden ohne Probleme ausstechen kann. Als durchtrieben, blutrünstiger, gnadenloser und doch mit Gefühlen bepackter Butcher liefert er eine seiner größten Darstellungen ab, die in einer unvergesslichen Dynamik vorgetragen wird, das es genauso Spaß macht ihm zuzusehen, wie sein Charakter angsteinflößend ist. Dazu gibt es in den Nebenrollen noch Mimen wie Liam Neeson, Henry Thomas, Jim Broadbent, John C. Reilly und Brendan Gleeson zu sehen.

Man muss „Gangs of New York“ vorwerfen, das man ihm deutlich ansieht, dass die Version eindeutig nicht die ist, die Scorsese für den Film eigentlich geplant hat. Man darf hier also wirklich auf einen Director’s Cut hoffen, denn der würde eindeutig Sinn ergeben. Bemerkbar macht sich das dadurch, dass die Geschichte für einen Scorsese, trotz 160 Minuten Länge, einfach zu gerade und strickt abläuft. Nebenfiguren verlieren an Wert und werden ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr beachtet, die Hauptcharaktere werden natürlich nicht außer Augen gelassen, doch die nötige Tiefe und emotionale Bandbreite will auch nicht immer richtig aufkommen. Sieht man von diesen Mängeln jedoch ab, dann bleibt „Gangs of New York“ aber in jedem Fall ein kraftstrotzendes Epos, welches sich um die fundamentalen Dinge dieser historischen Zeit dreht. Hier geht es um Liebe, Hass, Freundschaft, Korruption, Gewalt, politische Veränderungen, Bürgerkrieg und den schwerwiegenden Verrat. Scorsese inszeniert einen dreckigen, brutalen, brachialen und kompromisslosen Kampf, der die raue Rohheit dieser Zeit ohne Scheu darstellt und das Blut haltlos vergießt. „Gangs of New York“ wird zum pochenden und brodelnden Überlebenskampf, der in seiner ganzen Bildgewalt den Zuschauer erdrückt und dabei einfach nur ein Erlebnis ist, wenn auch kein weiteres Meisterwerk im Schaffen von Scorsese.

Fazit: Wer von „Gangs of New York“ legendäre Filmgeschichte wie „Taxi Driver“ erwartet, der wird enttäuscht. „Gangs of New York“ lässt den Zuschauer deutlich das Einmischen der Produktionsfirma spüren, denn die Nebenstränge sind nicht ausgereift genug und die Tiefe selbst fehlt immer wieder. Dafür bekommt man ein brachiales und extrem kraftvolles Epos um die Entstehung und Geburt von Amerika. Die fantastischen Schauspieler, vor allem Day-Lewis, die beeindruckende Ausstattung wie Optik und der hervorragende Score lassen die etwas schwächelnde Inszenierung von Scorsese abfedern und „Gangs of New York“ in jedem Fall zu einem sehenswerten Werk machen, auch wenn man weiterhin auf einen Directors Cut hoffen muss.

Bewertung: 7/10 Sternen