"Garden State" (USA 2004) Kritik – So muss ein Debütfilm aussehen

„Aber so ist das Leben. Es ist doch immer noch irgendwo das Leben. Es ist da und manchmal tut es scheiß weh. Und am Ende ist es alles was wir haben.“

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Serien und Filme sind zwei grundverschiedene Dinge. Vor allem sind auch Serien- und Filmschauspieler manchmal völlig entgegengesetzt, obwohl es doch die gleichen Menschen sind. Einige Darsteller schaffen den Sprung in die Filmbranche, andere hängen in ihren Rollen oder im Serienmuster fest. Zum Beispiel Michael C. Hall, der in „Dexter“ und „Six Feed Under“ großartige Leistungen brachte, aber in Filmen sein Können nie zeigen konnte. Die Gegenbeispiele sind wohl Leute wie George Clooney, Johnny Depp und inzwischen auch Bryan Cranston. Dann wäre da noch jemand, den inzwischen jeder kennt, doch als richtig ernsthaften Filmemacher wohl niemand auf der Karte gehabt hätte: Zach Braff. Bekannt und beliebt durch die Erfolgs-Sitcom „Scrubs“, in der er das sympathischen Trottelchen Dr. John Dorian verkörpert hatte. Im Jahre 2004 bewies er die Filmwelt vom Gegenteil und seine ganz eigene Tragikomödie ‚Garden State‘ zählt zu den schönsten und melancholischsten Indie-Filmen überhaupt.

Andrew ist ein erfolgloser Schauspieler, der schon seit Jahren nicht mehr Zuhause war. Nun muss er das allerdings tun, denn seine querschnittsgelähmte Mutter ist in der Badewanne kürzlich ertrunken. In der ehemaligen Heimat angekommen trifft er seine alten Freunde wieder, darunter auch Totengräber Mark und Andrew lernt in einer Arztpraxis die eigenwillige Sam kennen. In der begrenzten Besuchszeit kommen er und Sam sich immer näher und erleben die Zeit ihres Leben, doch der Flug zurück rückt ebenfalls immer näher…

Unterlegt wird ‚Garden State‘ mit Lieder von Bands wie Coldplay oder The Shins, die immer genau ins Bild passen und den Ton des Films genau unterstreichen. Jede Szene steht für sich und wird zu etwas besonderem gemacht. Dazu trägt natürlich auch die tolle Kameraführung von Lawrence Sher bei, der seine klaren und schönen Bilder immer mit einem kühlen oder warmen Ton unterlegt und sich so den Gefühlen der Protagonisten anpasst.

In seiner ersten Regiearbeit übernahm Zach Braff auch gleich die Hauptrolle. In Filmen wie ‚Deine Ex – Mein Alptraum‘ oder ‚Der letzte Kuss‘ konnte Braff noch nicht unbedingt voll überzeugen, was allerdings auch am Drehbuch lag. Das ist hier nun anders. Als emotionsloser Schauspieler Andrew Largeman kann er seinen facettenreichen Charakter mit viel Gefühl ausspielen und in jedem Moment voll und ganz überzeugen. An Braffs Seite sehen wir die tolle Natalie Portman als Sam. Portman ist eine vielschichtige Schauspielerin, das hat sie inzwischen oft genug bewiesen, und auch hier zeigt sie wieder starke Leistung und macht ihre Figur genauso sympathisch wie liebenswert und einzigartig. In den Nebenrollen sind Schauspieler wie Peter Sarsgaard, Jim Parson und Ian Holm besetzt und können in ihren recht kleinen Rollen viele Akzente setzen und den Cast fein abrunden.

Zach Braff hat in der Serie „Scrubs“ schon unter Beweis gestellt, dass er nicht nur Humor hat, sondern auch die emotionalen Momente beherrscht. Wer hätte jedoch gedacht, dass in ihm dazu noch ein Autor, Regie und ein viel besserer Schauspieler steckt, als wir von ihm bisher gedacht haben? Die wenigsten. Wir wurden wieder aber wieder einmal eines besseren belehrt. Zum Glück kann man sagen. Allein die Charakterzeichnung von ‚Garden State‘ ist schon eine ganz besondere. Andrew kann keine Emotionen in seinem Leben zulassen, das liegt an den Medikamenten, die sein Vater, ein Psychologe, ihm seit dem neunten Lebensjahr verschreibt. Er treibt freudlos und ohne wirklichen Halt durch sein Leben. Als Schauspieler zündet er nicht und der Job in einem vietnamesischen Restaurant als Kellner ist auch nicht das Wahre. Von seiner Familie hat er sich auch schon abgewendet und sein Zimmer ist so steril in weißen Tönen unterlegt, wie Andrews Innenleben selbst. Doch die alten Zeiten holen ihn wieder ein. Er muss zurück, sich seinem Vater stellen und zur Beerdigung seiner Mutter, die ihn kein Stück berührt, egal wie zwanghaft er es versucht. Seine alten Freunde sind nicht weggekommen und haben sich charakterlich kaum verändert. Mit seinem Vater kann er nicht reden, Gefühle nicht entfalten und sich selber einfach nicht finden. Bis er notorische Lügnerin Sam kennenlernt, die langsam seine innere Eisplatte zerbricht und ihm endlich wieder zu Emotionen und Nähe verhilft. Doch die Zeit ist eingeschränkt und Andrew muss in sein altes Leben zurück.

Zach Braff entfaltet eine wundervolle und ganz eigene Geschichte über das Leben und darüber, was man aus diesem machen kann. Ein Film über die Liebe und über den Abschied, über das, was wirklich zählt und über Entscheidungen, die die Zukunft für immer verändern. Welchen Weg sollte man einschlagen und was ist der beste und ehrlichste Umgang mit sich selbst? ‚Garden State‘ erzählt uns von echten Gefühlen, versucht, die Vergangenheit zu bewältigen und einen endgültigen Schritt in eine neue Zeit zu setzen. Veränderungen sind der wichtigste Knackpunkt von allem. Veränderungen, die fast zu spät gekommen sind, denn Andrew war selbst nur noch eine Nebenfigur in seiner eigenen Welt. So inszenierte Braff hier einen Film mit zartem, unaufdringlichem Humor, extrem viel Gefühl und voller skurriler Charaktere wie Einfälle. ‚Garden State‘ ist ungewöhnlich und doch so sympathisch und frei. Einfach ungebunden, herzlich und so wahr. Gefühlskino zum lachen und weinen. Immer und immer wieder. Berührend und direkt aus dem Leben gegriffen, voller Kreativität, Tragik, Zynismus und ganz eigenem Charme. Ein einzigartiger und toller Film, ohne jegliche falsche Moral.

Fazit: ‚Garden State‘ ist eine der großen Indie-Perlen, die man einfach gesehen und gefühlt haben muss. Kein Film, der uns unnötig belehren und unbedingt etwas erzwingen will und kein Film, der gerne etwas Eigenständiges wäre und in Wahrheit nur eine leere Hülle ist. Ein liebenswertes Erstlingswerk mit tollen Darstellern, schönen Bildern, vielen tollen Ideen und Braffs sensibler Regiearbeit. ‚Garden State‘ öffnet die Herzen.

Bewertung: 9/10 Sternen