"Die geliebten Schwestern" (DE/CH/AT 2014) Kritik – Eine von Wortschwallen rhythmisierte Liebschaft

Autor: Pascal Reis

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„Ich glaube, dass wir beide, Charlotte, Sie und ich, noch zu Lebzeiten eine andere Welt erleben werden.“

Tituliert als einer der letzten, wenn nicht sogar DER letzte, Avantgardisten der deutschen Film- und Fernsehlandschaft, hat sich der Münchener Autorenfilmer Dominik Graf dadurch ausgezeichnet, Genre-Filme zu modellieren, die die inhärenten Grenzen ihrer selbst aber wenig Beachtung spendierten und das jeweilige Sujet so mit gekonnt kalibrierten stilistischen Schach- und Winkelzügen abstrahierten. Dass es da einem grundsätzlich ziemlich interessanten Umstand gleichkommt, Dominik Graf in das opulente Zeitalter der Weimarer Klassik zu versetzen, scheint einer müßigen Bestätigung nachzueifern. „Die geliebten Schwestern“, der im Jahre 2014 im Rahmen der Berlinale noch im Rennen um den Goldenen Bären aufgeführt wurde, ist in der filmischen Präsentation einer von Moralin und Sittenstrenge getränkten Epoche ebenfalls die reflektorische Abstraktion eines Genres, welches sich hauptsächlich durch seine klaffende Biederkeit artikuliert: Der auf historischen Personal basierenden Geschichtsstunde. Und dieser Gestus des intendierten Verzerren, Verschieben und Verdrängen vitalisiert „Die geliebten Schwestern“ in vielerlei Hinsicht.

Das beginnt schon mit den bunten Orts- und Zeitangaben, die in gar verspielter Manier ins Bild flattern und sodann voneinander abgestoßen in verschiedene Richtung wieder davon eilen. Man könnte angesichts dieser unbefangenen Orientierungsmethodik beinahe in den Glauben geraten, Dominik Graf versuche schon in den Ansätzen seiner Erzählstrukturen- und Tableaus der in kinotauglich aufbereiteten Regularien eingefrorenen Historizität aus der blockierenden Eisschicht freizulegen und mit parodistischen Mitteln so zu veranschaulichen, dass auch der Historienfilm natürlich Gegenstand schierem Fantasierens sein kann. „Die geliebten Schwestern“, und das gesteht sich der Film letzten Endes auch selber mit erhobenen Hauptes ein, warum auch nicht, ist gebaut auf den Fundamenten der Spekulation und somit weniger darauf bedacht, den Zuschauer mit lexikalischem Wissen zu mästen, sondern die Liebe, die Leidenschaft, das Leben, als symphonischen Wortreigen von geschliffen-verschnörkelter Rhetorik darzubieten, der ein beschwingter Hang zum Fabulieren an jeder Silbe attestiert werden kann.

Die durch das zeitgenössische Ambiente mäanderten Monologe respektive Dialoge verschmelzen im Gleichtakt der Inszenierung, Dominik Graf faszinierte es, einen Film über Worte zu drehen, über geschwungene, verzierte, metaphorisch unterbaute, aber auch deutliche Worte, die Friedrich Schiller (Florian Stetter) in seinem Liebesdreieck mit Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) und Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) selbstverständlich nutzt, um der neuen Ekstase lustvollen Ausdruck zu verleihen: Eigentlich war Schiller von seiner Liebesunfähigkeit überzeugt, seine von der Gesellschaft selbstredend missachtete Ménage à trois aber hat ihn neuen Mut schöpfen lassen; Mut, um der starren gesellschaftlichen Etikette die Stirn zu bieten und das tiefe Verlangen die gesunde Ratio wohl wissend außer Gefecht setzen zu lassen. Die Tage der Aufklärung und der Anpassung rücken näher und näher, doch das Dreigespann sieht sich ebenso konfliktgeladenen Gefühlswelten und Verhältnissen ausgeliefert. Graf selbst schleust uns als leicht flanierendes Navigationsgerät durch die Liebeleien und bietet in der Korrespondenz eine Urform des heutigen Social-Media-Betriebes auf.

Damit Dritte keinen Verdacht schöpfen, chiffrieren unsere Liebenden ihren Briefvekehr mit diagonalen Strichen, mit geometrischen Grundflächen und lassen ihrer Zuneigung unter verdeckter Hand freien Lauf. „Die geliebten Schwestern“ oszilliert als beinahe dreistündiges Epos zwischen essayistischer und doch fiktionaler Sinnlichkeit umher und weiß, die engen Maschen des historischen Films aufzulockern, den Spuren einer freigeistigen Definition auf Schritt und Tritt zu folgen, wie auch Friedrich Schiller im Film einmal richtiggehend feststellt, dass die Literatur Inkonsequenzen gut vertragen kann, um sich zur eigenständigen Materie zu formen. Vielleicht gehört es irgendwie doch dazu, es lässt aber gerne mal sauer aufstoßen, dass auch „Die geliebten Schwestern“ zuweilen artifiziellen Geschmack auf der Zunge hinterlässt. Vielleicht kommt er doch nicht so ungebunden daher, wie man gerne der Meinung sein würde, was die Schauspieler somit als Schauspieler enttarnt, die einen salbungsvollen Text nur reibungslos aufsagen, anstatt ihn Buchstaben für Buchstaben, Satzzeichen für Satzzeichen, in sich aufzunehmen. Nichtsdestotrotz hat Dominik Graf erneut einen mindestens äußerst sehenswerten Film geschaffen.