"German Angst" (DE 2014) Kritik – Wenn es Nacht wird in Berlin

Autor: Pascal Reis

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„Ich bin Jesus und du der Teufel.“

Soll noch ein versnobt-ignoranter Feuilletonist proklamieren, dass der deutsche Genre-Film nicht ambitiös genug wäre. Gut, sind wir mal ehrlich, die kräftige Schelte, die das unter teutonischer Flagge produzierte Horror- und Action-Kino in den letzten Jahren weitreichend kassiert hat, war keinesfalls unbegründet, all die Negativkritik aber brachte unweigerlich den destruktiven Nebeneffekt mit sich, dass die deutsche Filmkultur in ihrem öffentlichen Ansehen zusehends Federn lassen musste: „Ich gucke keine deutschen Filme, die taugen ohnehin nichts mehr“, heißt es da unsinnigerweise wiederholt. Wer sich aber einmal die Mühe gemacht hat und einen Blick unter die bieder normierte Oberfläche wagte, wird sie auch heute noch erspähen können, die Qualitäten der deutschen Filmkunst. Und mit „German Angst“ schafft es dieser Tage auch ein Werk in die DVD- und Blu-ray-Regale, das es sich redlich verdient hat, mit umfangreicher Aufmerksamkeit honoriert zu werden, selbst wenn nicht alles im goldenen Glanz erstrahlt, was auf dem Papier noch stehende Ovationen versprach.

Wobei, nein, „German Angst“ ist kein anbiederndes, nach salbungsvollem Schulterklopfen gierendes Opus, das sich im tosenden Applaus seines Publikums suhlen möchte, sind mit Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall doch drei geerdet-passionierte Filmemacher zugegen, die nicht nur ihrer inbrünstigen Liebe zum Horror, sondern umfassend zum Medium selbst Ausdruck zu verleihen wissen. „German Angst“, der die genre-affinen Geeks im Vorfeld selbstverständlich schon ordentlich nervös zu machen wusste, gelingt es bisweilen auch in wirklich beachtlicher Fason, einen konkurrenzfähigen Fingerzeig zu landen, der beweist, zu welch Leistungen der deutsche Filmmarkt doch noch in der Lage zu sein scheint. Aber mit den Ambitionen ist das ja immer so eine knifflige Sache – Nur weil man sich erkennbar Mühe gegeben hat, weil Gallonen von Leidenschaft in das eigene Handwerk geflossen sind, muss das Resultat der Arbeit ja letzten Endes auch nicht gänzlich befriedigen. Mit „German Angst“ ist das ähnlich, obgleich der den Umständen entsprechende Zuspruch überwiegt.

Beginnen darf Multitalent Jörg Buttgereit mit seiner gut 25-minütigen Episode „Final Girl“. Von den Dächern Berlins geht es in ein verranztes Appartement, in dem ein 14-jähriges Mädchen mit ihrem dreibeinigen Meerschweinchen Mucki haust. Wie Buttgereit es hier von der Aufblende an gelingt, das sicheres Gespür für den Moment aufrechtzuhalten, ist schon beachtlich: Erst nur lässt er die Kamera verselbstständigt fungieren, tastet mit ihr die divergierenden Texturen von Mensch und Tier im Close-up ab, bis er uns einen tristen Einblick in die von der Außenwelt beinahe gänzlich abgeschottete Wohnung gibt. Dreck, Schimmel und Kalk dominieren, und im Nebenzimmer des Mädchens liegt ihr Vater in Unterwäsche ans Bett gefesselt. Peng. Dass es in „Final Girl“ nun unweigerlich auch mal ans Eingemachte gehen wird, macht die rostige Geflügelschere, die Freigang aus der Besteckschublade gewährt bekommt, eindeutig. Buttgereit aber konzentriert sich auf Impressionen, saugt das durch die Räumlichkeit mäandernde Unbehagen auf, akzentuiert es mit dem dröhnend-industriellen Klangteppich, macht den Zuschauer zu einem Gefangenen der wabernden Audiovisualität.

Das geht doch schon mal zünftig los, wird man sich denken, doch die zweite Episode „Make a Wish“ von Mikal Kosakowski ernüchtert rigoros. Was beginnt, wie eine mit den Elementen der Phantastik ausgebaute Rache-Phantasie, schlägt zum Ende hin in ein ganz und gar enervierendes Bruchstück um. Im Mittelpunkt stehen zwei taubstumme Immigranten, die von einer Bande Neo-Nazis aufgemischt werden. Als das polnische Mädchen ein rotes Amulett aus der Jackentasche zieht, kommt es zum Körperwechsel zwischen ihrem Lover und dem Anführer der Glatzen – Das hat auch schon damals ihre Großmutter vor den einmarschierenden Nationalsozialisten gerettet. Danach wird dann erst mal deftig ausgeteilt und gefoltert, bis sich Kosakowski für eine törichte Pointe entscheidet, die in der Vorab-Konzeption sicher als entlarvende Reflexion über unsere Wahrnehmung von fiktionaler Gewalt verstanden wollte, im Endeffekt aber nur genau die Oberlehrerphonetik hinter der Kamera heraushängen lässt, die Michael Haneke fälschlicherweise so oft unterstellt wird. Nachdem sich „Final Girl“ gerade durch seinen elliptischen Gestus auszeichnete, ist alles, was „Make a Wish“ kredenzt, nur quälende Selbstüberschätzung.

Das letzte Wort gebührt dann Andreas Marshall, der mit „Alraune“ einiges von dem wieder ins Reine rückt, was Mikal Kosakowski mit gebrochenen Knochen und brennenden Leibern radikal gegen die Wand gefahren hatte. Den Aspekt, dass „Alraune“ inhaltlich vielleicht nicht sonderlich spannend geraten ist, neutralisiert die ungemein ästhetische Aufmachung wieder. Eden (Milton Welsh) wird Teil eines mystischen Geheimbundes, der sich durch den Saft der Alraune so richtig in pulsierende Lüsternheit bringt – natürlich hat dieser drogeninduizierten Sinnesrausch auch seine Schattenseiten. Andreas Marshall liefert mit „Alraune“ einen weiteren Grund dafür, vielmehr in der Szene geschätzt zu werden, sein sich über circa 40 Minuten erstreckender kaleidoskopischer Fiebertraum ist stilistisch herausragend gelöst und liest sich in seiner kontrastreichen Farbdramaturgie nicht nur als Reminiszenz an die malerische Gialli-Ära, in seinem Schattenspiel wartet auch der surreale Expressionismus der Nachkriegszeit. „Alraune“ ist damit übrigens auch der einzige Film im blutverkrusteten Tryptichon, bei dem der Gedanke nicht vergebens wäre, daraus einen abendfüllenden Spielfilm zu bauen.

Fazit: Wäre der furchtbare Mittelteil anders, weitsichtiger gelöst worden, könnte sich „German Angst“ zweifelsohne eines noch dickeren Lobes erfreuen. Im Großen und Ganzen beweist die dreifache Anthologie allerdings definitiv, dass das deutsche Genre-Kino noch einiges an Klasse in petto trägt und in Zukunft unbedingt gefördert werden sollte – Potenzial, Arbeitseifer, Fachkompetenz und Hingabe sind zu genüge vorhanden! Und beim nächsten Mal würde dann auch die Chance bestehen, dass eine solch ergebene Liebeserklärung ein durchgängiges Hochgefühl generiert.

„German Angst“ ist ab dem 14. Mai im Handel erhältlich.