Kritik: Liberace (USA 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„I want to be everything to you, Scott. I want to be father, brother, lover, best friend.“

Gestern Nacht wurden die Emmys, Amerikas bedeutendster Fernsehpreis, verliehen und in den Kategorien der Mini-Serien und Fernsehfilme gab es einen klaren Gewinner, Steven Soderberghs Biopic über den legendären Show-Pianisten Liberace (Michael Douglas), der seine Homosexualität zeitlebens verheimlichte und zahlreiche Beziehungen mit jüngeren Männern einging. Einer von ihnen war Scott Thorson (Matt Damon), den Liberace nicht nur adoptierte, sondern sogar mithilfe von Schönheitsoperationen in sein jüngeres Ebenbild verwandeln wollte.

Früher gehörte es zum guten Ton jedes Jahr einen Soderbergh-Film im Kino zu sehen und in manchen Jahren wurde uns diese Möglichkeit sogar zweimal geschenkt. Nun ist es wieder soweit, wenn auch durch glückliche Fügung, denn eigentlich sollte „Side Effects“, der bereits im April in unseren Kinos lief, der „offiziell“ letzte Soderbergh-Film sein, wobei sich der Regisseur das TV-Hintertürchen offen hielt und darauf hinwies für Serien und Fernsehfilme weiterhin auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Die Verfilmung der Liberace-Biografie „Behind the Candelabra“ sollte sogar ursprünglich fürs Kino produziert werden, nur wollte kein Studio dieses Wagnis eingehen, was Soderbergh in Interviews mit homophoben Ansichten der Studios begründete. Nicht unglaubwürdig, denn der fertige Film, der letztendlich ein schützendes Dach beim Edel-Sender HBO fand, besitzt so gar nicht die gewollt vermittelnde Beharrlichkeit eines „Brokeback Mountain“. Viel eher zelebriert Soderbergh den Show-Charakter seines Milieus, scheut nicht den Pomp, das Funkeln, die nackte Haut und den heißen Sex.

Trotzdem und typisch für Soderbergh stürzt er sich nicht gedankenlos in diese Welt. Die von ihm unter Pseudonym selbst geführte Kamera mit ihren gewohnt statischen, sehr digitalen Bildern ist weniger ausladend als Liberaces Leben. Die fantastische Ausstattung, die Lichter und Kostüme behalten durch die äußerst konzentrierte Ästhetik ein Stück ihrer Künstlichkeit. Kein filmischer Raum in „Liberace“ kommt mit bloßem Realismus aus. Wie Liberaces Image bleibt auch seine Welt stets illusorisch und gebrochen.

Wir werden es wohl der äußerst prominenten Besetzung zu verdanken haben, dass der HBO-Film zu uns in die Kinos kommt und abgesehen von Soderberghs straffer und konzentrierter Regie ist es auch das Casting, das „Liberace“ über den Durchschnitt gewöhnlicher Biopic-Dutzendware hinweg hievt. Zwar glänzt das Drehbuch von Richard LaGravenese mit pointierten Dialogen und klugen Charakterisierungen ohne ein Gramm Fett zu viel, doch den schematischen Biopic-Klischees kann auch „Liberace“ nicht entgehen, wobei es zwischenzeitlich sogar den Anschein macht, dass sich der Film in seiner ausgestellten Vorhersehbarkeit ziemlich geil findet. Letztendlich erzählt auch „Liberace“ eine Geschichte wie wir sie schon oft gesehen haben, trotz herrlich hohem Ausschlag auf dem Schwulen-Barometer.

Die wirklichen Überraschungen gibt es wie bereits erwähnt bei der Besetzung zu erleben, die bis in die kleinste Nebenrolle schlicht zum Niederknien ist. Gestandene Fernsehstars treffen auf Kinolegenden. „Singin‘ in the Rain“-Tomboy Debbie Reynolds als Liberaces Mutter trifft auf Rob Lowe als mimikkomprimierten Schönheitschirurgen, der so grandios ist, dass er ein eigenes Spin-Off verdient hätte. Doch letztendlich dreht sich alles um Liberace und seine schwierige Beziehung zum Landei Scott Thorson. Matt Damon und Michael Douglas passen perfekt zusammen. Die Chemie stimmt. Besonders Douglas gelingt die schwierige Gratwanderung innerhalb Liberaces effeminierter „Tuckigkeit“ glaubhaft zu bleiben. Matt Damons überaus zurückgenommenes Spiel sorgt zusammen mit Douglas bereits für ein Ungleichgewicht, das nicht nur die Unmöglichkeit dieser Beziehung widerspiegelt, sondern auch ihre Anziehungskraft klar macht.

Interessanterweise strapaziert Soderberghs Film Liberaces Gefangenschaft „in the closet“ nicht übermäßig. Zwar gibt es eindrucksvolle Momente unausgelebter Energien, z.B. in einem Sex-Shop oder beim Tod der Mutter. „Jetzt bin ich frei.“ Doch viel eher interessiert sich der Film für die anderen Stolpersteine in Liberaces Beziehung wie dem enormen Altersunterschied, Scotts Drogenkonsum und Geldnöte sowie Liberaces Sexsucht. Trotz seines historischen Settings ist die größte Überraschung an „Liberace“, dass er Homosexualität nur am Rande problematisiert und sich einer Vielzahl anderer Konflikte widmet, die ebenso Teil einer heterosexuellen Beziehung sein könnten und obwohl im Kern eine konventionelle Rise-and-Fall-Story erzählt wird, zeigt Soderberghs Film deutlich, was ein kluges Drehbuch und ein gutes Casting für einen großen Unterschied machen können. Bis zu einem gewissen Grad können sich die Kinofilme des Jahres glücklich schätzen, dass „Liberace“ „nur“ ein Fernsehfilm geworden ist. Nicht nur das Drehbuch und die Regie, besonders Ikone Michael Douglas hätten große Oscar-Chancen gehabt. So wurden es „wenigstens“ ein paar Emmys und wir können uns freuen Soderberghs Nicht-Kino-Film im Kino sehen zu dürfen. Dieses Privileg wird zunehmend seltener werden so wie seine Filme im allgemeinen seltener werden (oder gar völlig ausbleiben). Umso tragischer, wo er doch gerade angefangen hat mit „Magic Mike“, „Side Effects“ und „Liberace“ sexy Filme zu drehen. Dann hoffentlich bis zum nächsten, „letzten“ Film des Steven Soderbergh…