"Ghost Dog" (USA 1999) Kritik – Der Weg des Samurai

„Nichts zählt so sehr wie der gegenwärtige Augenblick.“

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Es gibt diese Regisseure immer wieder. Diese Filmemacher, die die Welt zu gerne in zwei Teile spalten. Man kann mit ihnen etwas anfangen, oder erlebt die schlimmsten filmischen Stunden. Bekannte Regisseure, die immer wieder für Furore sorgen und das Publikum in verschiedene Ecke drängen, wären wohl Leute wie David Lynch, Lars von Trier, Gaspar Noé oder Michael Haneke. Doch auch der unabhängige Jim Jarmusch zählt zu dieser speziellen Gattung. Die einen sehen in ihm einen überbewerteten pseudo Intellektuellen, für andere werden seine Filme zu minimalistischen und vielschichtigen Offenbarungen. ‚Ghost Dog‘ von 1999 ist ein treffendes Beispiel, der die Kritiker wie Zuschauer in zwei klare Gruppen trennt, doch wer Jarmusch verstehen kann und das auch will, erlebt hier eine philosophische Reise durch das Leben eines modernen Samurais.

Ghost Dog erledigt Auftragsmorde für eine kleine Mafia-Bande. Er tut das allerdings nicht nur wegen dem Geld, sondern auch aus Dankbarkeit. Einer der Mafiosos hat ihm in seiner Jugend einmal geholfen und der Ghost Dog steht nun in seiner Schuld. Doch nach einem erfüllten Job, soll nun der Ghost Dog umgebracht werden und nachdem der moderne Samurai sich an der Mafiatruppe gerächt hat, steht er Auge in Auge vor seinem ehemaligen Retter…

Oscar Gewinner Forest Whitaker muss sich längst nicht mehr beweisen und zählt zu den großen Charakterdarstellern unserer Zeit. Er spielt den Samurai Ghost Dog und liefert, wie wir es von ihm inzwischen gewohnt sein dürfen, eine vitale und nachdenkliche Leistung ab, die dem interessanten Charakter vollkommen gerecht wird und toll von ihm ausgefüllt wird. Die weiteren Darsteller fallen gegen Whitakers kraftvolle Ausstrahlung ab, aber auch John Tormey als Louie und Isaac de Bankole als Raymond können in ihren Szenen überzeugen.

Die Samurai sind seit jeher ein breitflächiges und anspruchsvolles Thema in der Filmwelt. Durch Akira Kurusawa wurden sie für jeden Filmfan legendär, doch auch Jean-Pierre Melville nahm sich in ‚Der eiskalte Engel‘ mit Alain Delon der Geschichte eines modernen Samurais an. Dazu Filme wie ‚Last Samurai‘, ‚Yamakas’i oder auch ‚Zataichi‘, die sich dem Thema immer auf vollkommen anderen Wegen näherten und neue, interessante Ansätze boten. Doch wer oder was ist eigentlich ein Samurai? Ein Samurai ist Bestandteil eines Kriegesordens, die streng nach dem Ehrenkodex, das Hagakure, leben und dem Weg des Kriegers (Bushido) folgen. Ihr Leben ist in jedem Moment nach diesen Grundsätzen ausgerichtet und auf diesem unabdingbaren Weg eines Samurais finden wir uns auch in ‚Ghost Dog‘ wieder.

Als klarer Interessenschwerpunkt erweist sich die Charakterzeichnung des Ghost Dog. Auf den ersten Blick erscheint er nicht wie ein Auftragskiller, der dem heiligen Pfad folgt. Viel mehr hat er das Auftreten eines HipHoppers aus der schwarzen Szene. Wir machen uns jedoch mit ihm vertraut, sehen seine schwere Jugend und wie er zu seinem Herren Diener wurde. Er darf ihm unter keinen Umständen widersprechen oder aufmüpfig erscheinen. Der Ghost Dog ist belesen, intelligent und auch sympathisch. Er lebt zurückgezogen auf einem Dach mit sämtlichen Tauben und sein bester Freund spricht nicht einmal seine Sprache. Trotzdem ist das Verständnis immer da. Verständnis für einander, Verständnis für Schritte und Handlungen. Genau wie zwischen dem Zuschauer und dem Samurai. Doch auf der anderen Seite ist er ein Mörder, strickt und ohne Umschweife. Zielstrebig und genau. Als Zuschauer sind wir nun mit den Gefühle zu unserem „Protagonisten“ hin und hergerissen. Identifikationsfigur oder fremder Krieger? Beides. Und trotzdem sind wir immer hinter ihm und lassen keinen Raum zwischen uns. Wir folgen.

In ‚Ghost Dog‘ geht es um Ehre, Respekt, Anerkennung und die Gewalt. Ein abgeschiedener Krieger der Großstadt lehnt sich für die Anerkennung einzelner, unbekannter Gruppen auf, die nicht dem spirituellen und kulturellen Werten entsprechen und eigenen wie unverständlichen Traditionen folgen. Jeder Atemzug gehört dem Kodex und alles läuft auf den Tod hinaus, der die ewige Ruhe und Erlösung gebietet. Man versteht sich, trotz Sprachbarrieren. Man erkennt sich, trotz oberflächlicher Blindheit und man fühlt sich, auch wenn man sich fremd ist. Jim Jarmusch ließ wie immer viel Gesellschaftskritik in seine ausgefeilte Inszenierung fließen und die langen Einstellungen und eingefügten Zitate unterstreichen die ruhige wie detaillierte Erzählweise. Es wird nicht viel gesprochen, doch die wenigen Dialoge sind perfekt auf den Punkt geschliffen und die verknüpften Genreelemente machen ‚Ghost Dog‘, wie jeden weiteren Film von Jarmusch, zu etwas einzigartigem und besonderem, wenn auch klare Geschmackssache. Differenzen und der unantastbare Glaube bestimmten das Bild. Lebe für etwas und stirbt dafür.

Fazit: ‚Ghost Dog‘ ist die ruhige Symphonie aus dem unberührbaren Ehrenkodex und der unausweichlichen Gewalt der Neuzeit. Ein Weg, der vorgegeben ist und nur der Tod steht für die Ungebundenheit. Ein fantastischer Forest Whitaker, die tolle Kameraführung, ein passender Soundtrack von RZA und Jarmuschs unverwechselbare Führung machen ‚Ghost Dog‘ zu einem stimmigen und atmosphärischen Highlight.

Bewertung: 8/10 Sternen