"Der Ghostwriter" (FR/DE/GB 2010) Kritik – Gefährliche Wahrheiten

„Ihnen ist doch klar, wie ernst die Sache ist, oder?“

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Im Jahr 2010 gab es reichlich Trubel um Roman Polanskis Person. Nur leider nicht im positiven Sinne. Die Vergangenheit holte ihn wieder ein und es wurde ordentlich getrocknete Erde aufgewirbelt. Nachdem er am Züricher Bahnhof auf Grund eines internationalen Haftbefehls aus den 70er Jahren geschnappt wurde und gerade mitten in den Dreharbeiten zu der Romanverfilmung ‚Der Ghostwriter‘ steckte, hieß es für ihn Hausarrest mit elektronischer Fessel. Polanski war also gezwungen, seinen Film von zu Hause aus, quasi seinem vertrauten Gefängnis, fertigzustellen. Das Ergebnis ist ein exzellenter Film, in dem Polanski wieder mal sein ganzes Können im Thriller-Genre auffahren kann.

Paweł Edelman, inzwischen Stammkameramann von Polanski, beweist wie schon von ihm gewohnt, absolut hervorragende Arbeit, die immer wieder eine tolle Atmosphäre entstehen lässt. Seine Bilder zeichnen sich durch ihre unterkühlte Finsternis und feine Eleganz aus. Visuell zählt ‚Der Ghostwriter‘ so schon mit Sicherheit zu den besten Filmen von Polanski. Der unaufdringliche Score von Alexandre Desplat, der dazu auch noch an längst vergangene Zeit erinnert, ist ebenfalls überaus gelungen und umklammert die düsteren Aufnahmen durchgehend treu.

Ewan McGregor kriegt hier wieder die Chance, sein großes Talent unter Beweis zu stellen. Sein Charakter, der nur als Ghostwriter bekannt ist, wird von ihm mit viel Sympathie, Charme und der typisch englischen Hochnäsigkeit ausgefüllt. McGregors Schauspiel kommt ohne jegliche Gefühlsausbrüche aus und konzentriert sich voll und ganz auf die feine Gestik und Mimik, die er mit Bravour ausspielt. Pierce Brosnan als Ex Premierminister Adam Lang hält sich zwar mit seinem Schauspiel dezent im Hintergrund, füllt seinen wichtigen Charakter aber durchgehend überzeugend aus. Olivia Williams als zwielichtig erscheinende Ehefrau Ruth Lang bringt wohl die stärkste Leistung des Films und klaut nicht nur durch ihre Präsenz jedem die Show, sondern spielt ihre Facetten dazu noch grandios aus. Auch Kim Cattrell, James Belushi und vor allem der tolle Tom Wilkinson können in ihren Rollen aufblühen und geben dem Film in ihren Szenen das gewisse Etwas.

Nachdem der erste Ghostwriter des ehemaligen Premierminister Adam Lang bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen ist, soll nun ein neuer Mann her und die Memoiren fertigstellen. In England findet sich ein Ghostwriter und der muss sich auf den Weg zum abgelegenen Anwesen des Langs auf Martha’s Vineyard begeben. Hier lebt nicht nur Adam Lang, sondern auch seine Frau und Beraterin Amelie Bly. Abgeschottet von der Außenwelt will der Ghostwriter seiner Arbeit nachgehen, doch irgendetwas scheint hier nicht zustimmen und ein dunkles Geheimnis liegt sowohl auf dem Buchmanuskript als auch auf den Langs selber.

Roman Polanski hat sich in seiner Laufbahn noch nie den Gesetzen des schnöden Unterhaltungskinos gebeugt und zieht immer wieder seine ganz eigene Art durch. So geht es ihm in ‚Der Ghostwriter‘ auch zu keiner Sekunde darum, den Zuschauer mit einem Höhepunkt nach dem anderen in den Sitz zu pressen und einer belanglosen Spannungskurve zu folgen, sondern viel mehr um einen ruhigen, aber dennoch packenden Erzählton, den er auch durchgehend einhält und dadurch mit Sicherheit für viele Zuschauer zu schleppend erscheinen wird.

Das konstante Spannungslevel wird also durchgehend eingehalten, einzelne Szenen erweisen sich dann aber doch als kleine, aber klare Höhepunkte. Zum Beispiel wenn der Ghostwriter das Auto für Besucher nimmt und er der schon eingespeicherte Route im Navigationsgerät folgt und immer tiefer in die dunklen Machenschaften der Langs eintaucht. Oder auch, wenn er am Hafen von zwei dunklen Gestalten gejagt wird und ihm keine klare Fluchtmöglichkeit geboten wird. Polit-Thriller ist an dieser Stelle auch wieder ein weitgefächerter Begriff. Natürlich geht es hier um Politik an und für sich, doch die Politik spielt hier nicht die Hauptrolle, sondern bildet das klare Grundgerüst auf dem der Film seinen Halt findet.

Unser Ghostwriter nimmt das gut bezahlte Angebot natürlich an und schlagartig beginnen seine Sorgen. In der abgelegenen Behausung der Langs gerät er immer tiefer in einen Strudel aus dreckigen Intrigen und bitteren Vergangenheits- und Gegenwartlügen, die auch den Ghostwriter einfangen werden und auf seine Weise bestrafen. Durch Zufälle und durchdachte Schritte schafft er es, das Puzzle zusammenzufügen und die Wahrheit aufzudecken, doch bringt sich damit in noch größere Lebensgefahr, als er sich vorgestellt hat.

Der Film konzentriert sich voll und ganz auf die Auswirkungen der Politik. Sowohl auf die Beteiligten und Drahtzieher, als auch auf die Außenstehenden und Unschuldigen. Die Machtabläufe hinter den Kulissen werden dargestellt, winzige Aussagen können alles vollkommen aus den Fugen geraten lassen. Beziehungen untereinander sind brüchig und werden immer wieder in einem neuen Licht eröffnet. Vor allem die Bindung vom Ghostwriter zu Ruth und Adam setzt immer wieder andere Sichtweisen frei und eröffnet immer wieder neue trügerische Fassaden.

Polanskis Inszenierung besticht durch den altmodisch angehauchten Touch, den man so heutzutage gar nicht mehr, oder nur sehr selten so genießen darf. Dabei verzichtet er natürlich auf unnötige Effektehascherei. Das verregnete und dunkle Gesicht der Insel, die düsteren Nächte, die leichte und aufgezwungene Paranoia der Ghostwriters, weisen auch die Grundstimmung des Filmes auf, der immer von einem pessimistischen Hauch begleitet wird.

Wer also einen Film mit viel Action und unaufhaltsamer Hetzjagd erwartet, der wird hier mehr als nur enttäuscht werden und sich wegen des Tempos einfach nur Langweilen. Das wäre äußert schaden, denn wenn man dem Film seine Zeit gibt und die Möglichkeit sich voll zu entfalten, dann bekommt man hier nicht nur einen hochspannenden Thriller serviert, sondern auch einen intelligenten Film mit grandiosem Finale. Ein Film für Zwischendurch ist es zwar sicher nicht und man muss sich eben Zeit für ihn nehmen, doch wer sie sich nimmt, der wird auch in jedem Punkt belohnt.

Fazit: ‚Der Ghostwriter‘ baut Polanskis fantastische Karriere um ein weiteres stilles Meisterwerk mit seiner unverkennbaren Qualitätshandschrift aus. Die tollen Darsteller, die brillante Optik, der feine Soundtrack, sowie Polanskis vorzügliche Inszenierung machen den Film nicht nur zu einer Glanzleistung der jüngeren Filmgeschichte, sondern auch zu einem klaren Genre-Höhepunkt.

Bewertung: 9/10 Sternen