"Gilbert Grape" (USA 1993) Kritik – Irgendwo im Nirgendwo

„An manchen Tagen wünscht man sich, er würde überleben… und an manchen nicht.“

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Es gibt einfach zu viele Filme, die bei ihrem Kinostart oder in dem Jahr, in dem sie auf die Menschheit losgelassen werden, nicht beachtet werden. Entweder weil sie nicht interessant erscheinen, weil sie nicht den Nerv der Zeit treffen, oder eben weil sie einfach nichts Ansprechendes mit sich bringen. Keine Explosionen, keine beliebten Filmhelden, keine Mainstreamtauglichkeit, die die Zuschauer unbeschwert durch den Abend führt und nach dem Ende des Filmes bloß nicht weiter beschäftigten darf. Dementsprechend schwer haben es Regisseure, die sich dem Massenpublikum nicht hingeben wollen und ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Der schwedische Filmemacher Lasse Hallström ist so ein Fall. Mit Filmen wie „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Schiffsmeldung“ oder „Power of Love“ hat er sicher keine Blockbuster inszeniert, sondern auf seine ruhige Art bestanden, die ihm zwar immer neue Fans eingebracht hat, aber ihn selbst nie in die Nähe der großen Bekanntheit. Dringt man jedoch etwas genauer in Hallströms Karriere ein, dann trifft man im Jahre 1993 auf die Romanverfilmung „Gilbert Grape“, die bis heute nicht den nötigen Schub bekommen hat, um der breiten Masse endlich bekannt zu werden, obwohl er es mehr als nur verdient hätte.

Der Film spielt in Iwoa, genauer gesagt, in der öden Kleinstadt Endora. Hier lebt Gilbert mit seiner Familie und versucht die langweiligen Tage irgendwie rumzubekommen, denn viele Möglichkeiten zur Unterhaltung gibt es hier sicher nicht. Dazu wird Gilbert täglich von seinem geistig zurückgebliebenen Bruder Arnie eingespannt, der jede Aufmerksamkeit braucht. Dann wären da auch noch die ständigen Reibereien mit der jüngeren Schwester Ellen und das Problem mit der extrem übergewichtigen Mutter, die seit dem Selbstmord ihres Mannes das Haus nicht mehr verlassen hat und nur noch auf der Couch sitzt. Als eines Tages jedoch Becky mit ihrer Großmutter in Endora strandet, weil ihr Wohnwagen eine Panne hat, scheint frischer Wind in das Leben von Gilbert zu kommen und die Eintönigkeit darf endlich durcheinanderkommen. Gilbert ist sofort interessiert an Beckys Art, doch er darf seine Verantwortungen und Pflichten nicht vergessen, die ihm sein Dasein immer weiter erschweren…

Man muss sich Endora als eine dieser gewöhnlichen Provinz-Käffer tief im Kern des Staates vorstellen. Jeder kennt jeden, es gibt nur zwei Einkaufsmöglichkeiten und die Freizeitaktivitäten beschränken sich so ziemlich auf das Minimum. Genauso wird uns der Film von Kameramann Sven Nykvist auch vorgestellt, der das verschlafene Nest in ruhige und unauffällige Bilder verpackt, dafür aber die amerikanischen Weiten in wunderbaren Aufnahmen festhält und dabei immer den träumerischen Touch bewahrt, der die Endlosigkeit dieses Landes einfach darstellt, gerade in Verbindung mit dem ruhigen Soundtrack, der sich immer wie ein sanfter Schleier auf die Szenen legt und die verknüpfte Atmosphäre aus Gewöhnlichkeit und Schönheit toll unterstreicht.

Viel wichtiger sind jedoch die Darstellerleistungen, denn auf die stützt sich „Gilbert Grape“ durchgehend. An der ersten Stelle hätten wir Hauptdarsteller Johnny Depp, der zu dieser Zeit noch am Anfang seiner Karriere stand und das Rebellenimage hegte und pflegte. Was Depp als eingeklammerter Gilbert Grape leistet ist grandios, denn er weiß jede Facette, von sympathisch bis unsympathisch, stark auszuspielen und in jedem Moment vollkommen zu überzeugen. Noch besser ist allerdings der 18 jährige Leonardo DiCaprio als geistig behinderter Arnie, denn was DiCaprio hier zeigt, ist schlichtweg phänomenal und kann jeder noch brillanten Leistung anderer großen Schauspieler ohne Scham in die Augen blicken. DiCaprio wird eins mit seiner Figur, zerreißt dem Zuschauer das Herz, während er sein eigenes verschenkt. Eine Vorstellung, die man nicht vergessen wird und gleichermaßen zu DiCaprios größten Leistungen zählt. Depp und DiCaprio reißen alles an sich und Schauspieler wie John C. Reilly, Juliette Lewis oder Darlene Cates werden trotz guter Performances zu Randfiguren.

„Können wir uns nicht einmal wie eine normale Familie benehmen?“

Wir alle haben Probleme, jede Familie trägt ihr schweres Kreuz und doch möchten wir nicht selten aus allen Zwängen fliehen und einfach nur ein sorgenfreies, vielleicht auch ganz anderes Leben genießen. Das geht auch Hauptfigur Gilbert Grape so, dessen ältester Bruder einfach abgehauen ist, sein Vater hat sich im Keller des Hauses erhängt, seine kleine Schwester steckt in der schwierigen Phase der Pubertät, sein Bruder ist geistig zurückgeblieben und beansprucht die meiste Zeit für sich und seine Mutter ist krankhaft fettleibig. Probleme und eine Familiensituation, die man niemandem wünscht, doch irgendwie muss Gilbert sie akzeptieren und mit ihr umgehen, auch wenn er am liebsten alles stehen und liegen lassen würde. Aus diesem schweren Familienporträt zeichnet Regisseur Lasse Hallström ein sensibles und ebenso bewegendes Drama, das sich nicht nur um die Akzeptanz der Umstände dreht, sondern auch um die Toleranz von anderen Menschen und die Wirkung der Liebe in einer festgefahrenen Gegebenheit. „Gilbert Grape“ wird zu einem Spiegelbild der Seele einer etwas anderen amerikanischen Familie und mit seiner gefühlvollen und gleichermaßen schmerzhaften Erzählweise bekommen wir diese Menschen vorgestellt, auf die Hallström zu keiner Sekunde mit dem Finger zeigt, sondern sie immer mit Respekt behandelt und die nötige Sympathie einschenkt, die den Charakteren ihre fühlbare und verständliche Menschlichkeit lässt. Als Zuschauer werden wir irgendwo zwischen herzzereißender Bestandsaufnahme und liebenswerten Hoffnungen auf Veränderungen platziert. Und auch wenn es natürlich nicht immer leicht ist, es ist doch immer das Leben und damit muss man sich einfach abfinden, genau wie uns „Gilbert Grape“ zwischen Schmunzeln und berührenden Augenblicken verdeutlicht, was Zusammenhalt und der wahre Wert des Lebens bedeutet.

Fazit: „Gilbert Grape“ lässt sich mit vielen Worten beschreiben: mitleidserregend, sympathisch, ehrlich, bitter, traurig, wunderschön, zart, leise und einzigartig. Ohne sich in einer Szene auch nur im Ansatz zu überschlagen, bekommen wir von Lasse Hallström einen Film zum Lächeln und zum Weinen, zum Nachdenken und zum Fühlen. „Gilbert Grape“ zeigt uns die Probleme und Gedanken der Familie offen, genau wie die Fehler und die Annahme und wird dabei von einem hervorragenden Leonardo DiCaprio, so wie einem tollen Johnny Depp durchgehend getragen. Dazu gibt es noch schöne Aufnahmen der amerikanischen Landschaft und einen ruhigen Score, der den Film endgültig zu einer Besonderheit macht, die jede Aufmerksamkeit verdient hat und einfach gesehen werden muss.

Bewertung: 9/10 Sternen