"Gilmore Girls" Staffel 1 (USA, 2000) Kritik – Eine bessere Welt

Autor: Sebastian Groß

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„This is not a herbal tea morning, this is a coffee morning.“

Es gibt Serien, die gelten als geschlechtsuniversell. Gerade im aktuellen Serien-Boom wird wenig Zeit darauf verwendet, eine Serie einer weiblichen oder männlichen Zuschauerschaft einzuordnen. Doch noch immer gibt es sie, die episodenhaften, narrativen Produkte der verschiedenen Sender, die sofort mit einem Geschlecht assoziiert werden. Eine Frau schaut „Spartacus: Blood and Sand“?! Da schnellt so manch eine Augenbraue in die Höhe. Ja, die Gender-Schublade wird gerne und oft (sowie vorschnell) geöffnet. Auch meine Brauen schießen fast schon instinktiv in die Höhe, wenn mir ein Freund erzählt, dass er gerne „Desperate Housewives“ oder „Eine himmlische Familie“ sieht. Zum Kanon dieser „Frauenserien“ gehört zweifelsohne auch „Gilmore Girls“, die es insgesamt auf sieben Staffel und eine große wie internationale Fangemeinde brachte.

Lorelai, 32, lebt mit ihrer 16jährigen Tochter Rory in Stars Hollow, einen verschlafen-gemütlichen Nest irgendwo in Connecticut. Da Rory eine sehr begabte Schülerin ist, will sie ihre Mutter auf eine Privatschule schicken, damit das Töchterchen ihren Trau erfüllen und in Harvard studieren kann. Doch dafür fehlt allerdings das nötige Geld. Dies bekommt das Mutter-Tochter-Duo schließlich bei Lorelais vermögenden wie spießigen Eltern. Doch als Gegenleistung müssen Lorelai und Rory jeden Freitagabend zum Essen kommen. Vor allem für Lorelai, die ihre Eltern einst im Streit verließ und lernen musste auf eigenen Beinen zu stehen, ein großes Opfer. Aber auf die Gilmore Girls warten noch ganz andere Probleme.

„Gilmore Girls“ spielt mit den Träumen und Hoffnungen seiner Zuschauer an eine bessere Welt. Der Handlungsort Stars Hollow ist ein Hort der Lebensfreude: Kein Schmutz, eine hübsches, amerikanisches Straßenbild und überall verschiedenen Typen von Einwohnern, deren Macken allesamt liebenswürdig sind. Dazu kommt noch die zentrale Mutter-Tochter-Beziehung, die mit ihrem gegenseitigen Verständnis eine Idylle generiert, die jede andere familiäre Beziehung wie einen schlechten Witz erscheinen lässt. Eingekreist wird dies alles durch den Kontrast, der immer dann entsteht wenn die „Gilmore Girls“ zu Gast bei den Eltern, bzw. Großeltern sind. Freigeister treffen dann auf Konservativsten und die Drehbuchautoren schreiben sich die Finger wund, denn geredet wird viel und gerne. Dass ein Script zu einer Episode oftmals doppelt so lang war, wie das Drehbuch einer anderen Serie überrascht nicht, denn Serienschöpfer Amy Sherman-Palladino nutzt Verbalität konsequent und ungehemmt. Es wird wirklich über alles gesprochen und dies gerne ausgiebig. Dank eines überaus ansehnlichen Sprachwitzes, (welcher sich nur komplett in der nicht synchronisierten Fassung entfaltet) ist dies aber vielleicht sogar die größte Stärke der „Gilmore Girls“. Auch wenn somit das erklärte Ziel oftmals erst nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht wird.

Das zweite Standbein der Serie sind (wäre hätte es gedacht?) die beiden Titelheldinnen. Lauren Graham die drei Jahre nach Serienstart noch Analverkehr mit Billy Bob Thornton in der Anarcho-Komödie „Bad Santa“ von Terry Zwigoff („Ghost World“) hatte, entwickelte sich mit ihrer Rolle als junge, energetische Jungglucke einer Teenagertochter zum Sinnbild für einen gesellschaftlich attraktiven Muttertypus. Ihr gegenüber steht Alexis Bedel („Sin City“) alias Rory, die hier ihre erste, wirkliche Schauspielerfahrung sammelte, was leider deutlich spürbar ist. Zu versteinert wirkt ihr Spiel, vor allem dann, wenn Graham als ihr Zugpferd nicht an ihrer Seite ist. Die Rolle der Rory ist aber auch relativ undankbar: Hochbegabt, attraktiv und charmant. Wer bei Rorys Charakterbild immer noch glaubt, die Serie würde den Anspruch verfolgen, ein wahres wie ernsthaftes Weltbild zu verfolgen, muss wahrlich ein gutgläubiger Ultra-Optimist sein. Was ihr fehlt sind echte Macken und Kanten. Etwas, was sie vielleicht im Laufe der nächsten Staffel noch erhalten wird und somit aus dem Dunstkreis elend belangloser Perfektion herauskommt.

Wie „Sex and the City“ entwirft „Gilmore Girls“ eine Traumwelt, in der sich jeder verlieren kann der will. Die Erdung einer auf Authentizität ausgelegten Serie wie „Girls“ fehlt hier völlig. Das kann man der Serie von Amy Sherman-Palladino aber gewiss nicht vorwerfen. Ihr Fokus zentriert sich auf eine andere Mechanik. „Gilmore Girls“ spricht alltägliche Probleme zwar an, deren Lösung ist aber im Grunde nur der Aufhänger für diverse Irrungen und Wirrungen innerhalb eines eher humoristischen Konsens mit gut funktionierender Seifenopfer-Mentalität. Es erinnert ein wenig an die gute, alte Zeit der Screwball-Comedys mit Doris Day. Und zumindest die erste Staffel leidet unter ähnlichen Problemen, denn auch wenn Emanzipation und Girlpower zelebriert werden, so ist das höchste, definierte Ziel für Rory und Lorelai doch einen Mann fürs Leben zu finden. Aber zumindest die Suche danach folgt eigenen Regularien, die mit Selbstbestimmung und Erquicklichkeit verfolgt werden.