Kritik: In der Glut des Südens (USA 1978)

Autor: Conrad Mildner

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„Nobody’s perfect. There was never a perfect person around. You just have half-angel and half-devil in you.“

Bill aus Chicago hat sich in einer Stahlfabrik mit einem Vorarbeiter angelegt und diesen bei einem Kampf getötet. Zusammen mit seiner Geliebten Abby, die sich als seine Schwester ausgibt, und deren kleiner Schwester Linda flüchten sie nach Texas. Dort reihen sie sich in die Scharen von Erntehelfern auf den riesigen Weizenfeldern eines wohlhabenden Farmers ein. Bill belauscht ein Gespräch und erfährt, dass der Farmer nur noch ein Jahr zu leben hat. Bill ist nicht entgangen, dass der Farmer ein Auge auf Abby geworfen hat, und so ermutigt er sie, diesen zu heiraten.

Es ist die Geschichte eines kurzen Aufstiegs, aufgebaut auf einer Lüge, die gleichzeitig der Untergang ist. Es ist ein Melodram ohne spektakulären Plot und ohne klar erkennbare Spannung. Trotzdem befolgt dieser Film mit zynischer Konsequenz die Regeln des Genres. Denn es trifft immer das Schlimmste ein.

Teilweise erinnert „In der Glut des Südens“ an Malicks Erstling „Badlands“. Beide Filme haben ein tiefen pessimistischen Grundton. „Days of Heaven“ wird dagegen sogar nihilistisch. Denn was hier falsch oder richtig sein soll, ist unerklärlich. Ein Urteil kann man sich genauso wenig über die Protagonisten erlauben. Hier nutzt Malick die Regeln des Melodrams gekonnt für sich, indem er die Determination der Figuren zum Thema erhebt. Einen Sinn im Leben, ein Ziel, eine Funktion sucht hier jede der Figuren, die Armen wie die Reichen. „Days of Heaven“ schaffte, es im Gegensatz zu „Badlands“, mich wirklich zu berühren. Das liegt zum einen an der zarten und desillusionierten Erzählerstimme des Mädchens, an Brooke Adams, aber am meisten an Sam Shepard. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass er ein Schauspieler dermaßen großartiger Schauspieler sein kann. Der Farmer ist keine besonders auffällige Rolle, ähnelt mehr dem passiven Zuschauer und doch ist er Dreh- und Angelpunkt der Handlung, bei dem man die Sehnsucht, das Leid und die Furcht vor dem Tod am meisten spürt, obwohl er nicht einmal davon spricht.

Zu Malicks bestem Werk wird der Film allerdings erst durch die Kamera Nestor Almendros. Die Entscheidung der beiden Filmemacher, die Außenszenen nur während der Magic Hour zu drehen, war ein Genie-Streich. Zum einen unterstreicht das Zwielicht den schmalen Grat zwischen Leben und Tod, Licht und Dunkelheit. Auf der anderen Seite betont das warme tiefstehende Licht auch die innere Kälte der Figuren, die wie dunkele Flecken mit langen Schatten durch die goldenen Kornfelder wandern. Jede Einstellung ist etwas besonderes, auch wenn sie gar nicht danach aussieht. Die Topografie, die Weite, das riesige Farmerhaus winzig am Horizont, das im Wind wehende Korn, die erschreckenden Bilder der Heuschrecken.

Malick benötigte zwei Jahre für den Schnitt und noch heute ernähren sich Filmemacher von seiner Meloballade, u.a. P.T. Anderson für „There Will Be Blood“. „Days of Heaven“ ist das schönste, poetischste und gleichzeitig pessimistischste Melodram aller Zeiten.