"God Bless America" (USA 2011) Kritik – Probleme sind da, um erschossen zu werden

Autor: Pascal Reis

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„I didn’t kill her because I couldn’t have her. I killed her because she wasn’t nice.“

Würde uns ein Fremder auf der Straße begegnen, den Zeigefinger selbstbewusst in unsere Richtung erheben und uns mit felsenfester Überzeugung vorwerfen, dass wir uns viel zu gerne in unserer von Abscheu angetriebenen Feindschaft gegenüber den Medien, der Politik und der abgestumpften Gesellschaft im Allgemeinen verrennen, so hätte dieser Jemand in so gut wie jedem Fall Recht. Es ist nun mal kein Geheimnis mehr, dass wir in einer beschlagenen Ära angekommen sind, in der die Dümmsten und Lautesten immer evidenter in den Fokus gerückt werden. Und ja, es sind immer die Menschen bei der breiten Masse am beliebtesten, die ohne Skrupel agieren, die keinen Wert auf Anstand legen, keine Rücksicht auf Verluste nehmen und die widerlichsten Attribute des Menschen hochleben lassen, während Benachteiligte und Schwache für unsere Unterhaltung zuständig sind und dabei gedemütigt und verspottet werden, Hauptsache der Konsument darf sich auf der Couch amüsieren und den Verantwortlichen für dieses beschränkte Format werden die großen Scheine in die Kasse gespült.

„God Bless America“ hat in seiner Ausgangslage keinesfalls Unrecht und wir können uns wohl zu Anfang noch ein Stück weit mit dem Normalo Frank identifizieren, der die Nase endgültig gestrichen voll hat und sich dieser endlosen Idiotie nicht mehr hingeben möchte. Bobcat Goldthwait begeht allerdings im weiteren Verlauf mehrere elementare Fehler, die „God Bless America“ und die – eigentlich plausiblen – Ambitionen in desaströsem Ausmaß ruiniert. Goldthwait verkalkuliert sich in seiner offenen Visualisierung der eigenen Rachephantasie gehörig, drängt dabei die satirischen Anforderungen komplett aus dem Film und beschränkt sich letztlich auf den brodelnden Hass. Hass auf Kinder die schreien, Hass auf Menschen die Wörter wie „Man“ in ihren Satzbau einbauen oder Menschen, die moderne Musik mögen. Folge dieses unbändigen Hasses? Ganz einfach: Jeder wird getötet. Peng. Und wenn sich dann auch mal mehrere Zielscheiben gleichzeitig zur Verfügung stellen, dann wird die Pistole weggesteckt von der himmlischen AK-47 geträumt.

Die Problematik dieser Umsetzung, nämlich die, dass Goldthwait immer den kürzesten Weg zur nächsten Konfrontation sucht und kein Interesse daran aufzeigt, eine mögliche Antwort zu geben, wie man diese Probleme auch mit anderen Mitteln aus der Welt schaffen kann, mündet genau in dem Bereich, den der Film eigentlich ankreiden möchte: Die zeitgenössische Oberflächlichkeit. Letzten Ende sind der Film und seine Protagonisten nicht besser als die Niveaulosigkeit und die Individuen, die er eigentlich zur Schlachtbank führen möchte. Hinter dem kritischen Vorschlaghammer erwartet den Zuschauer nur noch gähnenden Leere. Von der großen Kontroverse ist keine Spur und alles was „God Bless America“ dem Zuschauer serviert, hat man in anderen Werken schon (besser) gesehen.

Umso passender ist es doch, dass der Film genau dann einen Rückzieher macht, wenn er tatsächlich etwas reversiblen Schwung in das Geschehen bringen könnte und dem Zuschauer – im wahrsten Sinne des Wortes – die Tür vor der Nase zuschlägt. Gemeint ist damit die Beziehung zwischen dem ungleichen Killerpärchen Frank und Roxy, die sich dann doch der Konservativität geschlagen geben müssen und jeder noch so kleine Zwischenton, der vielleicht doch einen Hauch von sexueller Spannung mit sich bringen könnte, wird den Beiden strikt untersagt. Hier geht es schließlich nicht um Zwischenmenschlichkeit, sondern darum, die simpelsten, sprich die Angriffsflächen, die wir über all die Jahre ebenfalls hassen gelernt haben, zu eliminieren. Selbstreflexionen über die Handlungen der Protagonisten sind da nicht erwünscht. Wieso auch? Unseren Lieblingsbuhmännern wird doch der Schädel weggeschossen. Wird schon richtig sein.

Die Endaussage von „God Bless America“ ist dann genauso katastrophal am Thema vorbei, wie auch der gesamte Film in seinem faschistischen wie infantilen Auftritt. Wo das psychopathische Verhalten des Paares durchgehend legitimiert wird, siegt dann die Sinnlosigkeit des Blutvergießens. Und weiter? Rein gar nichts weiter. Wir sind eben Opfer unserer Zeit und müssen damit leben, dass wir von sämtlichen Talkshows und anderem Schwachsinn in unseren Grundfesten erschüttert und gerichtet werden, denn eine andere Hilfestellung scheint es nicht zu geben und die Wurzel allen Übels werden wir wohl nie zu Gesicht bekommen. Ist klar. Umschalten und den Sender wechseln wäre vielleicht auch mal machbar. Krawall, der uns am Ende nicht weiterbringt, genau der regiert und offenbart, dass „God Bless America“ in jeglicher Hinsicht vollkommen unbrauchbar ist, ob nun als zynische Rachephantasie oder als kritische Zeitgeistsatire.