"Godzilla" (JP/US 2014) Kritik – Ein Herz für Monster

Autor: Jan Görner

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„Es wird uns alle in die Steinzeit schicken!“

Selten lässt sich ein Kult genau datieren. Doch im Falle von „Godzilla“ begann alles am 01. März 1954 als die Besatzung des japanischen Fischerbootes „Glücklicher Drache V“ unweit des Bikini-Atolls in das Einflussgebiet eines US-amerikanischen Nuklearwaffentests tags zuvor geriet. Menschen und Boot wurden schwer verstrahlt. Ein Besatzungsmitglied starb noch im selben Jahr, weitere sechs an den Spätfolgen. In Japan, das immer noch mit dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki zu kämpfen hatte, löste der Fall eine Welle der Empörung aus, die sich schließlich in Ishirô Hondas Überraschugserfolg „Godzilla“ niederschlug. Mit der eilig heruntergekurbelten Fortsetzung zum Vorjahreshit „Godzilla kehrt zurück“ wurde schließlich ein Franchise begründet. Anders jedoch als in Hondas allegorischer Aufarbeitung des japanischen Traumas stand ab sofort trashiger Spaß im Vordergrund. In „Godzilla kehrt zurück“ tritt der König der Monster gegen einen verseuchten Saurier an, das menschliche Drama, welches in der für den US-Markt nachbearbeiteten Version mit Raymond Burr („Perry Mason“) noch deutlich mehr raumgreifender war, verkam nach und nach zur Staffage. Angesprochen auf das desaströse Sequel erklärte Regisseur Honda (der nichts mit „Godzilla kehrt zurück“ zu tun hatte) etwas naiv, dass er nie an eine Fortsetzung geglaubt habe. Schließlich war er davon ausgegangen dass mit „Godzilla“ auch die Atomtests aufhören würden. Nun, 60 Jahre nach seinem ersten Auftritt scheint die Thematik das Kino aber noch immer nicht losgelassen zu haben. Auch wenn in Gareth Edwards („Monsters“) US-Neuauflage „Godzilla“ die friedliche Nutzung der Kernenergie im Zentrum steht, ist das verstrahlte Urviech so aktuell wie eh und je.

1999: Als es im japanischen Janjira zu einem Super-GAU im örtlichen Kernkraftwerk kommt, verliert Ingenieur Joe Brody (Bryan Cranston) nicht nur seine Frau (Carson Bolde), sondern auch seinen Glauben an die Behörden. Denn entgegen der offiziellen Darstellung glaubt Brody nicht, dass der Zwischenfall von einem Erdbeben verursacht wurde. Als 15 Jahre später die gleichen Vorzeichen auftauchen wie seinerzeit in Janjira, tut sich Brody mit seinem entfremdeten Sohn, dem Sprengstoffexperten Ford (Aaron Taylor-Johnson) zusammen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch sie erwarten nicht, weile Bedrohung 1999 geweckt wurde…

Wenn Roland Emmerichs Ungeheuergurke „Godzilla“ von 1998 etwas positives zuzuschreiben ist, dann ihr geniales Marketing. Werbebanner wie „Sein Auge ist so groß wie diese Plakatwand“ hoben auf das Geheimnis um das neue Monsterdesign ab und lockten Neugierige in die Kinosäle. Ähnlich verhält es sich auch mit der 2014er Version, denn wer gerne bemängelt, dass die Trailer heutzutage oft den ganzen Film vorweg nehmen, der dürfte bei „Godzilla“ diesmal nichts zu meckern haben. Zumindest die ersten Vorschauen vermitteln einen gezielt manipulierten Eindruck vom Gesamtgeschehen. Über lange Phasen stehen die Menschen, allen voran Taylor-Johnsons Figur im Mittelpunkt.

Drehbuchautor Max Borenstein lässt dabei einige Bemühungen erkennen, die zeitlichen Abläufe in „Godzilla“ in einen sinnstifenden Rahmen zu betten. So sind Identifikationsfigur Ford und sein Vater nicht zufällig zugegeben wenn der Streifen von Verschwörungsthriller auf Monster-Action umschaltet. Vielmehr haben sie nachvollziehbare Beweggründe für ihre Aktionen. Dies ist in Zeiten von Plothole-Festen a la „Star Trek Into Darkness“ oder „Man of Steel“ leider schon etwas erwähnenswertes. Dennoch scheinen sich beide Welten oft parallel zu bewegen und wenig Schnittmengen zu haben. Regisseur Edwards inszeniert Godzilla dabei ganz wie eine Urgewalt und lässt es sich auch nicht nehmen den an Katastrophen nicht armen Bilderschatz der vergangen 13 Jahre zu plündern. Von Fukushima über (natürlich) 9/11 bis zum verheerenden Tsunami im Indischen Ozean von 2004 ist alles dabei. So erfahren wir den Ausgang von Godzillas erstem Auftritt auch mehr nebenbei aus einem Fernsehbeitrag. Dies bleibt symptomatisch, denn allzu oft kommt man sich in „Godzilla“ als Zuschauer vor. Wenn sich dann aber Mensch und Ungeheuer doch einmal auf Augenhöhe begegnen, gehört es zu den Gänsehautmomenten des Streifens. Mehr davon wäre wünschenswert gewesen, denn größtenteils fühlt sich das 3D-Spektakel an wie ein Bandenkrieg auf dem Ameisenhaufen. Optisch kann „Godzilla“ in jedem Fall beim Monsterdesign punkten. Der neue Look versteht sich als Verneigung vor dem japanischen Original und kann doch eine eigene Duftmarke setzen.

Edwards inszeniert die 200 Meter große Echse aber interessanterweise über zwei Akte als unsichtbare Bedrohung. Ähnlich wie in seinem betörenden Erstling „Monsters“ bürstet der Brite das Genre zumindest leicht gegen den Strich, auch wenn die Anforderungen an ein 160-Millionen-Dollar-Projekt ihn zu Kompromissen zwingen. So muss das Finale natürlich doch eine durchplante Zerstörungsorgie sein. Aber ähnlich wie in „Monsters“ hat auch „Godzilla“ ein Herz, nicht nur für sein menschliches Personal, sondern auch für seine Monster.

Sozialkritische Töne darf „Godzilla“ auch anschlagen. Wenn das Militär in einem Verzweiflungsakt plant Atomwaffen gegen die Riesenechse einzusetzen, darf Ken Watanabe als klassischer Mahnakademiker die Taschenuhr seines Großvaters zücken, die dieser beim Bombenabwurf auf Hiroshima bei sich führte. Subtil ist das nicht, aber es funktioniert dennoch. Auch wenn augenscheinlich ist, dass die Bürger in Uniform insgesamt sehr viel positiver dargestellt werden als der kopflose Haufen in Emmerichs Version. Solche Werbung lässt sich das Militär auch gerne einiges kosten. Insgesamt thematisiert Edwards aber auch nur wieder die Hybris des Menschen angesichts der Schöpfungskraft der Natur. Das ist altbekannt, aber es stört auch nicht.

„Godzilla“ ist nicht das Stück Überwältigungskino geworden, das ein weniger investierter Regisseur als Gareth Edwards vermutlich abgeliefert hätte. Der neue Ansatz ist dankenswert, doch leider plätschert die recht ideenarme Story nach einem Stakkatoauftakt nur noch vor sich hin. Das menschliche Element ist vorhersehbar und Elisabeth Olsen in ihrer Funktion als Fallhöhe für Taylor-Johnsons Figur verschenkt.