"Going Clear" (US 2015) Kritik – Dysfunktionale Beziehungen als Geschäftsmodell

Autor: Levin Günther

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„Dianetics, Hayakawa noted, was neither science nor fiction, but something else: “fictional science.”“

Diese Kritik zu der Scientology-Dokumentation ist besonders. Wenn man nämlich weiß, wie die „Kirche“ mit Mitgliedern, Ex-Mitgliedern und Kritikern umgeht, wird man auf einmal hellhörig und aufmerksam bei dem, was man schreibt. Darauf wird später noch weiter eingegangen. Die Produktion dieser Dokumentation hat der Freund aller Serienfans übernommen: HBO. Im Voraus haben sie sich mit 160 Anwälten ausgerüstet, die alles prüfen und sich gegen einen Sturm von Klagen vorbereiten sollten, was gar nicht so dumm ist, weil die Organisation eben jene Taktik schon einmal benutzt hat, um das Steueramt der Vereinigten Staaten von Amerika in die Knie zu zwingen. Brisanz gehört schon zur Natur der Sache und auch wenn Vorsicht augenscheinlich geboten ist, sollte man nicht fürchten, eine Meinung zu haben und sie zu vertreten.

Bei der Kritik zur letzten HBO-Dokumentation namens „Cobain: Montage of Heck“ wurde abgewägt, was eine gute Dokumentation ausmache. Neutralität oder Zielstrebigkeit? Die Darbietung einer Wahl oder die Manipulation, bzw. das Schubsen des Zuschauers zu einem Standpunkt? Schien die Antwort damals noch Ersteres zu sein, muss man dies nach der Sichtung von „Going Clear“ überdenken. Diese Dokumentation ist nicht neutral. Sie zeigt nicht ein paar Minuten die Licht- und dann ein paar Minuten die Schattenseiten von Scientology. Sie ist ganz klarer Gegner des Vereins und der übergeordneten Thematik des Glaubens, siehe auch der Titel des Buches, auf dem die Dokumentation basiert: „Das Gefängnis des Glaubens“. Aber selbst wenn das Werk nicht neutral ausgerichtet ist (was bei der Behandlung einer so skandalreichen Organisation auch nicht erwartet werden kann), kann man ihm eben dies auch nicht vorwerfen, da hinter dem Werk vor allem ein Mann steht, der hier seine Ansichten klar und logisch offenlegt. Nur weil einer ein Dokumentarfilmer ist, hat er ja nun nicht die Pflicht sich seiner Ansichten zu entledigen, damit der Zuschauer eine „wertfreie“ Arbeit ansehen kann. Alex Gibney verfolgt hier eine klare Intention, nämlich die oft nebulös gehaltenen Umkreise der Organisation zu durchleuchten, aber kein persönliches Prestige seiner selbst oder einer anderen Person. Und dadurch verkommt das Werk zu keiner Zeit zur Propaganda – weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Die Dokumentation ist in drei thematische Blöcke aufgeteilt und setzt sich aus neu geführten Interviews mit ehemaligen (ranghohen) Mitgliedern, Originalaufnahmen von Veranstaltungen oder Lehrmaterial oder aus nachgestellten Szenen, die auf den Interviews und Berichten basieren, zusammen. Der erste Akt lässt die Interviewten (teilweise gar Nahestehende von L. Ron Hubbard) erläutern, wieso sie den Kontakt zu der Sekte suchten, was sie verlockend fanden – und spannen so eine elegante Brücke zum Zuschauer, der die Chance bekommt, Verständnis aufzubringen. Die ehemaligen Mitglieder wurden gelockt, mit dem Erfüllen von Wünschen. Wer stand noch nie vor einer Lebensaufgabe, vor der man sich lieber gedrückt hätte? Wer war noch nicht so verzweifelt, dass man nicht wissen wollte, wie man etwas erreicht, solange man es überhaupt erreicht? Solche alltäglichen und natürlichen Zweige greift sich die Sekte und verspricht Besserung. Vor allem für Menschen im Show-Business scheint das erfolgreich zu funktionieren – Tom Cruise und John Travolta sind wohl nur die bekanntesten Beispiele. Und letzterer fordert in einem Interview: „Nenn mir eine andere Gruppe, deren Hauptziel „Glück“ ist.“ Der Normaldenkende weiß, dass das gar nicht mal so schwierig ist. Aber viel interessanter als die tausenden Antworten ist der Zustand, in dem Travolta steht, um diesen Satz auszusprechen und ihn zu vertreten. Es ist ein Zustand der Weltfremde.

Der zweite thematische Block setzt sich mit dem Gründer L. Ron Hubbard und der Lehre der Kirche an sich auseinander und zeigt mit Fakten und viel, viel Originalmaterial, dass der Mann vor allem eigene Ziele verfolgte (Geld und Heilung seiner Psyche) und sich mit der Zeit vollkommen in dem Kult verrannte und zum radikalen und paranoiden Kontrollsüchtigen verkam. Der Titel der Dokumentation bezieht sich dabei auf eines der Ziele, das man als Mitglied in dieser Organisation verfolgt. „To go clear“ bedeutet, dass man all seine traumatischen Erlebnisse aus dem aktuellen und vorherigen Leben vernichtet und dadurch zu einem besseren Menschen wird (höherer IQ, bessere Augen, etc). Das sind so Dinge, die man noch mit einem Lächeln als Schwachfug abwinken kann, aber dann kommt der dritte thematische Block und der setzt sich mit der skandalösen und verachtenden Maschinerie auseinander, die die Organisation zu verdammt gefährlich macht und gelinde gesagt eine Schande ist. Manipulation, Gehirnwäsche, Zwang und Drohungen führen zur Entwürdigung des Wesens. Soweit, bis die Mitglieder ihre Bestrafungen aus irgendeinem Grund als gerechtfertigt ansehen. Wer weiß, was mit Theon Graufreud in der Serie „Game of Thrones“ passiert, der kann sich ein ungefähres Bild von den Vorgängen machen.

Zudem nimmt sich Gibney im dritten Block des Films noch die Zeit, um über das Gefängnis des Glaubens zu sprechen. Der Glauben ist eine schwierige Angelegenheit, weil er so menschlich ist. Das Unbekannte, das Unkontrollierbare macht dem Menschen Angst, weil er in einem Zustand der Paranoia für unsere Auslöschung sorgen könnte. Deshalb ist es so gemütlich, an ein übergeordnetes Wesen zu glauben, dass das Unkontrollierbare kontrolliert und uns bewacht. Es ist Emotionalität in seiner reinen Form und siegt dabei vollkommen über Rationalität. Ganz einfach, weil Gefühle uns eher bewusst sind, als Gedanken. Weil wir, wenn wir Schlechtes denken, nicht so beeinflusst werden, wie wenn wir uns schlecht fühlen. Dadurch wird deutlich, dass Scientology nicht der Erfinder von Manipulation durch Glauben ist. Der Verein ist bei Weitem auch nicht der einzige, der das tut. Atheisten wie Bill Maher sagen immer wieder, das alle Religionen gleichermaßen Schwachsinn seien. Nun, wenn Scientology unbedingt als Religion angesehen werden will, dann schubst es sich selbst in einen Bereich, der ihnen selbst zwar finanziell hilft, aber nicht was ihre Stellung angeht. Etwas, was der Film (zumindest nach Außen hin) nicht behandelt, ist wie weit die Macht der Organisation eigentlich reicht. Wenn ein Jerry Seinfeld nämlich sagt, dass die Kirche seiner Karriere behilflich war, dann nimmt das „Eyes Wide Shut“-Ausmaße an und wird noch gruseliger, als es ohnehin schon ist.

Selbstverständlich ließ die Reaktion der Organisation nicht lange auf sich warten. Während von dem Regisseur gewünschten Personen der Kirche niemand für ein Interview zur Verfügung stand (aus welchen Gründen auch immer), hat die Organisation nicht damit hinter dem Berg gehalten, was sie von der Dokumentation, den Beteiligten und sogar Filmkritikern, die die Doku positiv bewertet haben (hups), denken. Drohungen und Beleidigungen wurden verstreut, das Werk als Propaganda abgetan und die ehemaligen Mitglieder auf der Website der Kirche als angebliche Psychopathen, geldgierige Lügner und weiteres bezeichnet. Man muss gestehen, dass es einfach ist, die Kirche als Bösewicht zu inszenieren und anzusehen und die Dokumentation dafür zu kritisieren, derart einseitig vorzugehen. Tut man das jedoch, hat man den Gedanken nicht bis zum Ende geführt. Alex Gibney nimmt nämlich von Anfang bis Ende Abstand davon, die vielen Mitglieder zu kritisieren. Er sieht sie als Opfer an. Er kritisiert lediglich die Kirche und die Zuständigen und Promis, die sie ermöglichen und ihre Vorgehensweisen. Vor allem als deutscher Zuschauer kann man sich den ein oder anderen Vergleich nur schwer verkneifen, bis ein Interviewter sich selbst eines Nazi-Vergleiches bedient, was die Selbstdarstellung, die Symbole und die Reden über einen „Krieg“ angeht.

Man muss gestehen, dass die Dokumentation beeindruckend ist, was ihren Detailgehalt, ihren Aufbau und den allgemeinen Eindruck angeht. Und so viel Lob wie Alex Gibney auch verdient hat; das absurdeste und filmreifste hat wieder einmal die Realität selbst geschrieben. Denn natürlich hat man das Recht, über die Dokumentation zu glauben, was man will. Man kann sie als subjektiven Humbug oder als geplante Rufschädigung ansehen. Aber wenn eine kritisierte Institution so reagiert, wie Scientology es getan hat, wenn Kritiker gezwungen werden sollen, negative Kommentare über die Dokumentation zu veröffentlichen, wenn ehemalige Mitglieder um das Wohlergehen ihrer Familienmitglieder bangen und in die Paranoia getrieben werden. Wenn von der Kirche wie ein bockiges Kind im Rundumschlag gegen alles und jeden gehetzt wird, der eine andere Meinung vertritt. Dann muss da irgendwas faul sein, dann schießt die Kirche sich selbst ins Bein und bejaht quasi unfreiwillig all das, was Alex Gibney und HBO hier in 120 Minuten darlegen. Diese Realität erhöht die Signifikanz des Werkes und ihren Effekt auf den Zuschauer noch um ein Vielfaches und macht aus „Going Clear“ ein sehr gutes und sehr wichtiges Werk. Wichtig, nicht etwa, weil allzu viele Menschen betroffen sind, sondern wichtig, weil jeder Mensch ohne Menschenrechte einer zu viel ist. Es betrübt zu wissen, dass keines der Scientology-Mitglieder dieses Werk zu sehen bekommen wird, denn wie ein ehemaliges Mitglied sagt, bekomme man während der Mitgliedschaft nicht eine kritische Sache zu hören. Man ist in einer anderen Welt, nur leider nicht im Traum und leider nicht freiwillig.