"Gone in 60 Seconds – Die Blechpiraten“ (USA 1974) Kritik – H.B. Halicki lässt die Reifen qualmen

Autor: Pascal Reis

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„So viele schlechte Menschen gibt es doch gar nicht!“

Es ist der Coup ihres Lebens: Für einen südamerikanischen Auftraggeber soll Maindrian Pace, ein exzellenter Autodieb, der für die Öffentlichkeit nur als Versicherungsdetektiv bekannt ist, zusammen mit seinem Team ganze 48 Luxusautos ihren Besitzern entledigen. Dass die Männer ihr verbrecherisches Handwerk verstehen, lässt sich unschwer daran erkennen, dass zu Anfang ein Auto nach dem anderen ohne große Schwierigkeiten gestohlen werden kann, bis sie allerdings auf einen Ford Mustang aus dem Jahre 1973 stoßen, der den Raubzug komplettieren soll. „Eleanor“, so der Deckname des Traumwagens, bereitet Pace so einige Sorgen, denn von nun an kleben die Cops an seiner Heckstange und die wollen erst dann ruhen, wenn die Bande endgültig gestoppt ist. Eine halsbrecherische Verfolgungsjagd beginnt…

Wenn es um Automobile und ihre unterschiedlichen Attribute geht, dann befindet man sich überwiegend in einem männlichen Interessenkosmos, auch wenn man der Frauenwelt natürlich nicht absprechen möchte, dass dort auch die ein oder andere Dame vorzufinden ist, die dem Schnurren eines flotten Sportwagens stundenlang lauschen könnte. In diesen autophilen Kreisen wird die Farbe des neuen Vehikels genauso exzessiv debattiert, wie auch die Pferdestärken von immenser, prahlerischer Bedeutung sind. Aber auch die Desinteressierten werden zugeben müssen, dass es schon ein ganz besonderes Gefühl ist, wenn man sich zum ersten Mal hinter das Steuer eines Autos setzt, die Zündung betätigt, den Gang einlegt und ohne jede Aufsicht auf das Gas treten darf. Die Eigenverantwortung darf mit motorisierter Freiheit assoziiert werden, doch gleichermaßen schwingt in dieser Unabhängigkeit auch immer ein Funke Kontrollverlust mit, der schnell nach hinten losgehen könnte – Und den unerfahrenen Steuermann um den nächsten Laternenpfahl wickelt.

Wer also nicht unbedingt nach dem obligatorischen „No Risk, No Fun“-Motto verkehrt, der findet seine neue Heimat in der 30er-Zone und kann dafür im heimischen Kino die Reifen mal so richtig durchdrehen lassen – Klingt immerhin nach einem Kompromiss. Denn wenn es ein Film wirklich richtig macht und den Autoliebhabern aus aller Welt ein kinematopharisches Andenken übergeben möchte, der schafft es auch genau die Dynamik auf den Zuschauer zu übertragen, die der Stuntfahrer inmitten einer abenteuerlichen Szene ebenfalls verspürt. Man denke da nur an die legendär gefilmten Verfolgungsjagden aus dem unsterblichen Klassiker „Bullitt“, in dem Steve McQueen in seinem grünen Mustang jede noch so riskante Schneise meisterte. Aber auch das 70er Jahre Prunkstück „Fluchtpunkt San Francisco“ muss genannt werden, denn nie war der amerikanische Traum so direkt an ein Generationsgefühl gebunden und konnte im Rausch des unaufhaltsam durch die Staaten heizenden Dodge Challenger sein symbolische (Ablass-)Ventil finden.

Mit H.B. Halickis „Gone in 60 Seconds“, früher auch unter dem mehr als passenden Verleihtitel „Die Blechpiraten“ zu erhalten, verhält es sich recht ähnlich: Denn genau wie in den beiden genannten Klassikern sind die Verfolgungsjagden ein Genuss – auch für die, die sonst nicht viel mit Autos und ihren Eigenschaften anfangen können. Nur fehlt es „Gone in 60 Seconds“ dafür an Substanz; das Positive daran ist jedoch, dass Temponarr Halicki gar keinen Wert auf einen substantiellen Ansatz legt und seinen Car-Crash-Kult einfach durchgehend auf seine rauschende Karren konzentriert; und genau das war der richtige Schritt, einfach weil die Figuren hier bloße Abziehbildchen bleiben und nur den Geschossen dazu dienen, richtig auf Touren zu kommen, während in anderen Filmen gerne invertierte Mittel verwendet werden. Nein, wer sich „Gone in 60 Seconds“ anschauen möchte, der sucht die Freude am Geschwindigkeitsfieber.

Wenn man sich dann einmal den Cast und die Crew ansieht, die an „Gone in 60 Seconds“ beteiligt war, dann fällt auf, dass H.B. Halickis nicht nur als Regisseur tätig war, sondern auch das Drehbuch verfasst hat (Was wohl keine große Probleme bereiten haben dürfte), den Film produzierte und dazu noch die Hauptrolle verkörperte, was natürlich gleichzeitig bedeutete, dass er auch noch so riskante Stunts eigenständig ausgeführt hat. Ein Eifer, der ihn im Jahre 1989 bei den Dreharbeiten zur geplanten Fortsetzung von „Gone in 60 Seconds“ das Leben kostete und das Projekt auch mit in die ewigen Jagdgründe nahm. Angepriesen wurde sein filmisches Gedenkstück „Gone in 60 Seconds“ damals allerdings dadurch, dass hier beinahe 100 Autos geschrottet wurden und die letzte Verfolgungsjagd tatsächlich ganze 40 (!) Minuten andauerte. Was aus dieser Zerstörungs- und Bleifußorgie resultiert, ist platter, unheimlich platter, aber eine ebenso unterhaltsame Spaßgranate, die ihren selbstgesetzten Zielen absolut gerecht wird.

Hätte H.B. Halicki hier auch nur in einer Sekunde versucht, einen Funken Ernsthaftigkeit in das Geschehen zu bringen, dann hätte er – im wahrsten Sinne des Wortes – jeden Unterhaltungsfaktor schlagartig gen Null gedrückt. In „Gone in 60 Seconds“ kommt es einfach nicht die Menschen an, die fungieren, wie gesagt, nur als Gaspedaltreter und Lenkradschwenker. Die wahren Stars sind die dicken Schlitten; vom edlen Ford Mustang bis zum protzigen Rolls Royce brettert alles über die kalifornischen Straßen und der Zuschauer, ob Autofreak oder nicht, hat ohne Wenn und Aber Freude an dem bunten Treiben. Vor allem die bereits erwähnte finale Verfolgungsjagd, die sich beinahe über 40 Minuten erstreckt, weiß da so viel humoristischen Pepp und rasendes Tempo zu verkuppeln, dass nicht eine Minute hier zu viel oder deplatziert erscheint. „Gone in 60 Seconds“ ist gemacht von Menschen mit Benzin im Blut, für Menschen mit Lust auf jede Menge launige Car-Crash-Action.

Fazit: Platzende, quietschende und wankende Reifen; herbe Dellen in der Karosserie, Massenkarambolagen und krächzende wie herrlich schnurrende Motoren, dirigiert von gnadenlosen Bleifüßen und Adrenalinjunkies: „Gone in 60 Seconds“ ist Kino für das Auge, nicht fürs Hirn. Car-Crash-Legende H.B. Halicki zeigt in seinem Opus magnum, wie man den Unterhaltungsfaktor über 90 Minuten hochhält und nicht nur Autofreaks ein herzhaftes Lächeln auf die Lippen zaubert. „Gone In 60 Seconds“ ist Spaß pur, ohne jeden Funken Tiefgang, aber so temporeich, dass man hier ohne Frage von einer echten 70s-B-Movie-Perle sprechen darf.