"Gone Baby Gone" (USA 2007) Kritik – Ben Affleck beweist sein wahres Talent

„Kinder vergeben. Kinder urteilen nicht. Kinder halten die andere Wange hin. Und? Was kriegen sie dafür?“

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Was haben die Filme „Phantoms“, „Pearl Harbor“, „Armageddon“ und „Daredevil“ allesamt gemeinsam? Richtig. In allen vier Fällen spielt Ben Affleck die vermeidliche Hauptrolle und hat sich in keinem der genannten Werken von seiner besseren Seite, die durchaus vorhanden ist, gezeigt. Das führte schlussendlich dazu, dass ihm nach der Jahrtausendwende der verzichtbare Ruf angehängt wurde, ein schlechter Akteur zu seiner, der sich nur mit schauspielerischer Unbeweglichkeit und peinlichen Aussetzern durch die Filme schlägt und seinen Rollen keinerlei Tiefe verleihen kann, weil nicht nur seine mimischen Fähigkeiten äußerst begrenzt sind, sondern auch die eigene Körpersprache keinen Hehl daraus macht, dass Affleck sich nie als beeindruckender Charakter-Darsteller behaupten wird. Heute ist die Filmwelt jedoch um einiges schlauer und hat die wahre Stärke von Ben Affleck erkannt: Die Regie und das Schreiben. Den Oscar für eine Drehbucharbeit konnte er schon 1997, zusammen mit seinem Kumpel Matt Damon, für „Good Will Hunting“ entgegennehmen. Der wirklich eindrucksvolle Karrierestartschuss für Affleck kam allerdings erst im Jahre 2007, in dem er sein Thriller-Drama „Gone Baby Gone“ in die Kino brachte und der Welt bewies, zu welchen Großtaten er wirklich in der Lage ist.

Boston ist sicher nicht der Ort in Amerika, in dem man auf den grauen Straßen der Arbeiterviertel immer mit einem wohlwollenden und freundlichen Lächeln begrüßt wird. Die Polizisten sind nicht immer auf der Seite des Gesetzes und lassen die Trennlinien zwischen Ordnung und Verbrechen nur zu gerne verwischen und die unzähligen Gangster kennen keine Gnade mit den Leuten, sei es Freund oder Fremder, die nicht durchgehend nach ihrer Pfeife tanzen. Im groben Dorchester arbeiten Patrick Kenzie und Angela Gennaro als Privatdetektive und verdienen so ihr Geld. Allerdings sind die beiden auf privat ein Paar, was die Vorgänge und Methoden der Amateurermittler nicht immer unberührt lässt. Als plötzlich die vierjährige Amanda spurlos aus einer Wohnung verschwindet und der Entführer auch keinerlei Anzeichen auf ein verlangtes Lösegeld macht, übernehmen Patrick und Angela, nachdem Amandas Tante Beatrice darauf gepocht hat, den Fall. Zusammen mit den beiden Detectives Broussard und Poole machen sich Patrick und Angela auf die Suche nach dem verschwundenen Kind und dringen dabei nicht nur immer tiefer in die dreckigen Machenschaften der Bostoner Unterwelt ein, sondern bekommen es auch mit dem Polizeichef Jack Doyle zu tun, der wenig von den Privatdetektiven hält…

Den Cast, den Ben Affleck für seinen Erstling zusammentrommeln konnte, ist schon eine vielschichtige Hausnummer für sich. In der Hauptrolle griff der Regisseur auf den Schauspieler zurück, der ihm wohl am nächsten steht: Sein Bruder Casey Affleck. Und wer nach seiner beeindruckenden Darstellung in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ immer noch am Können von Casey Affleck gezweifelt hat, der wird nun in der Rolle des Patrick Kenzie endgültig eines Besseren belehrt. Sein Auftritt ist so zerbrechlich wie kraftvoll und jeder Blick auf die tristen Straßen Dorchesters offenbart eine ganz eigene Emotion in seinen Augen, die in ihrer grandiosen Präzision immer auf den Punkt ist und den Zuschauer mitreißt und mitfühlen lässt. Neben Affleck glänzt Ed Harris als Detective Broussard und zeigt sich wieder von seiner temperamentvollen Seite, die sich in den schauspielerischen Höhepunkten mit einer eindringlichen Wucht entladen kann, wie sie nur Harris aufkochen lässt. Michelle Monaghan als Amanda, Morgan Freeman als Jack Doyle und Amy Ryan als Helene können da nicht mithalten, was auch auf die eingeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten zurückzuführen ist, dafür weiß das Trio dennoch in seinen Szenen vollkommen zu überzeugen.

Ben Affleck ist zwar in Kalifornien geboren, doch seine Jugend lebte der Hollywoodstar in den Straßen Bostons aus. Dass er diesen Fleck Erde nicht nur sehr gern hat, sondern auch überaus liebt, beweist er zum ersten Mal in „Gone Baby Gone“, um dann in seiner zweiten, ebenfalls überaus gelungenen, Regiearbeit „The Town“ noch eine Schippe daraufzupacken. In „The Town“ verdeutlicht uns Affleck, in dem wir uns im schroffen Arbeiterviertel Charlestown wiederfinden, wie die Stadt ohne Gnade funktioniert und welchen Stellenwert Bankraub dort hat, denn in Charlestown sind diese Überfälle schon eine Art Gewerbe, welches familiär von Vater zu Sohn immer weitergeleitet wird. Aber bleiben wir bei „Gone Baby Gone“ und stellen fest, dass die authentischen Aufnahmen Dorchesters dank der hervorragenden Kameraarbeit von John Toll den düsteren wie farblosen Anstrich bekommen, den sie durchaus nötig haben, aber dabei nie in den Bereich der Überstilisierung abdriften, um uns unbedingt ein äußerst dreckiges wie abgründiges Bild des Viertels darzustellen. Vielmehr lässt sich, trotz der schlechten sozialen Umstände und der Kriminalität, immer wieder die eigentliche Zuneigung Afflecks herauslesen, die die Atmosphäre natürlich umso dichter offenbart.

„Da wo ich herkomme, nimmt man Geheimnisse mit ins Grab.“

Wer nun also einen actiongeladenen Thriller ohne Verschnaufpause erwartet, der ist mit „Gone Baby Gone“ durchaus schlecht beraten. Ben Affleck zieht uns das White-Trash-Milieu von Dorchester und verdeutlicht dabei nicht nur die Problematiken innerhalb dieser oft zerbrochenen Familien, sondern entfaltet auch die brüchigen Verhältnisse in Bezug auf die Polizeiarbeit und der Verbrechensbekämpfung. Mit dem Thema der Kindesentführung und dem Missbrauch spricht Affleck ein äußerst aktuelles an und will den Zuschauer dabei zu keiner Zeit mit einem verzerrten Realitätsbild einlullen, um ihn letztlich noch an das Gute in der Welt glauben zu lassen, sondern zeichnet ein überaus authentisches und durchgehend ernstes Porträt dieser furchtbaren Vorfälle und den zermürbenden Ermittlungsarbeiten. Die große Stärke von „Gone Baby Gone“ entfaltet sich dann in der Charakterzeichnung und den moralischen Sichtweisen von jeder einzelnen Figur, die im Laufe der Geschichte immer wieder ins Wanken gerät und Kurzschlussreaktionen mit der emotionalen Zerrissenheit verbindet. „Gone Baby Gone“ entwirft ein unvorhersehbares, intelligentes und ebenso eindringliches Netz aus ethischen Werten, den gesetzlichen Richtlinien und der menschlichen Ambivalenz, die den Tiefgang des Filmes immer weiter ausbaut und dem Zuschauer die Fragen stellt, wie er selber in einer solchen Situation gehandelt hätte und aus welchem Blickwinkel er das Geschehene betrachten will.

Fazit: Mit „Gone Baby Gone“ hat Ben Affleck seine starke Regiekarriere eingeleitet, die er nicht nur mit „The Town“ überzeugend fortgesetzt hat, sondern auch zuletzt mit „Argo“ gekonnt fortführte. „Gone Baby Gone“ besticht durch eine packende Atmosphäre, hervorragenden Schauspielern, einem starken Drehbuch und der grandiosen Inszenierung Afflecks, die das schwierige Thema genau richtig anpackt und sich nicht nur um die schrecklichen Taten selbst kümmert, sondern auch die Menschen durchleuchtet, die in dieses Verbrechen gewickelt wurden. Ein emotionales, authentisches und ebenso nachdenklich stimmendes Charakter-Drama, welches zu keiner Zeit mit großen Effekten oder stumpfem Geballer überzeugen will, sondern den Schwerpunkt auf den Tiefgang legt und dabei auch voll punktet.