"Grand Budapest Hotel" (USA/DE 2014) Kritik – Wes Anderson und der verlorene Kontinent

Autor: Jan Görner

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„Somthing’s missing. I don’t know what it contains, I don’t know what it represents. I don’t know what it is but there are traces and shatters of it everywhere.“

Was ist nicht schon alles über Wes Anderson gesagt worden. Die einen halten den Regisseur für einen der patentesten Kinopoeten unserer Tage, einen vernarrten Cinephilen. Die anderen vermuten in ihm einen prätentiösen Blender, allzu oft will man den gebürtigen Texaner beim beherzten Griff in die filmische Mottenkiste erwischt haben. Eines jedoch hört man so gut wie nie über Anderson, nämlich dass er ein Vordenker sei. Viel zu tief wurzelt seine Attitüde, sein dandyhaftes Äußeres in einer Liebe für das Abseitige, Randständige und Anachronistische. Ähnlich geht es auch der Hauptfigur Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes) in Andersons inzwischen achtem Spielfilm. Auch Gustave, Concierge mit Leib und Seele, scheint ein wenig aus der Zeit gefallen, wirkt durchaus wunderlich und ist doch ehrlich loyal. Er ist die Seele dieser üppig inszenierten Eloge auf einen Kontinent wie es ihn in Wirklichkeit nie gab: Willkommen im „Grand Budapest Hotel“.

Malerisch auf einem Berg über der pittoresken Kleinstadt Nebelsbad in der Republik Zubrowka liegt das einst prächtige Grand Hotel Budapest. Doch der Laden hat schon bessere Tage gesehen, nur eine Handvoll Dauergäste lebt 1968 noch in der im sozialistischen Stil nachverschandelten Unterkunft. Unter ihnen ein Schriftsteller (Jude Law), der eines Tages unverhofft auf den geheimnisvollen Besitzer des Hotels Zero Moustafa (F. Murray Abraham), dem einst reichsten Mann Zubrowkas, trifft. Beim Abendessen erzählt ihm Moustafa, wie er einst als blutjunger Kriegsflüchtling (Tony Revolori) vom überaus pflichtbewussten Monsieur Gustave unter die Fittiche genommen wurde. Doch als eine überaus betagte und wohlhabende Gönnerin Gustaves (Tilda Swinton) auf einmal stirbt, soll dieser ein unbezahlbares Gemälde erben, sehr zum Missfallen des Sohns der Verstorbenen (Adrian Brody). Schnell gerät der vermeintliche Erbschleicher unter Mordverdacht. Und dann bricht auch noch Krieg aus.

Beinahe wie die Rückseite eines Groschenromans liest sich die Inhaltsangabe von „Grand Budapest Hotel“. Diese Verunsicherung weiß Anderson jedoch sogleich mit seinem optischen Signet zu konterkarieren. Ab der ersten Minute besteht kein Zweifel, dass sich der Zuschauer wieder in der schrägen Zuckerbäckerwelt des Mittvierzigers befindet. Auch Andersons neuster Film atmet wie erwartet wieder die einmalige Melanche aus tiefster Melancholie und verspielter Freude. Und hinter all der Fassade des alten Europa verbirgt sich dann doch wieder die Geschichte einer Gruppe von Einzelgängern, die irgendwie auch die Geschichte von Wes Anderson selber ist.

Nein, ein großer Geschichtenerzähler ist an Anderson wohl nicht verloren gegangen. Umso ausgeprägter ist das Gespür für die Charaktere, welche die Anderson’sche Realität bevölkern. Diese ist angesiedelt im fiktiven Staat Zubrowka, einer kleinen Gebirgsrepublik, die deutliche Anklänge an die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie vernehmen lässt und gleichzeitig märchenhaft und einengend-hektisch wirkt. Der von Ralph Fiennes dargestellte Monsieur Gustave seinerseits ist nicht nur Champagnerkenner und Vollblutconcierge, ihm scheint auch das Gespür innezuwohnen, dass Sitte und Standesbewusstsein das einzige zvilisatorische Mittel gegen die heraufziehende Barbarei des Totalitarismus in Europa sind. Fiennes gelingt es diese noble Torheit derart überzeugt darzustellen, dass man dem eitlen Gustave beinahe Glauben schenken möchte. Doch natürlich muss eine solch pathetisch-romantische Weltsicht der Gewalt weichen, Gustave stellt sich als ehernes Relikt heraus. Inspiriert wurde der Regisseur durch die Schriften des bedingungslosen Pazifisten Stefan Zweig, dessen Biographie sich hier im Anderson-Kosmos zu spiegeln scheint.

Und so ist auch der Abgesang auf eine Welt, die es so nie gegeben hat, nicht ganz das, was er zu sein scheint. Mit der üblichen Leichtfüßigkeit, die selbst horrende Gewaltausbrüche wegzuzwinkern vermag, ergeht sich Anderson auch in „Grand Budapest Hotel“ in seiner entzückenden Ideenflut. So nahe hat ein Wes-Anderson-Film sich noch nie an die Genregrenzen eines Action-Abenteuers gewagt. Mit seiner fintenreichen Handlung und (für Anderson-Verhältnisse) schnellen Schnitten, wirkt „Grand Budapest Hotel“ geradezu rasant. Prächtig ausgestattet und mit einem unvergleichlichen Starensemble (nebst einigen deutschen Gesichtern) macht Anderson genau das, was seine Fans von ihm erwarten. Neue Anhänger wird ihm dies jedoch auf längere Sicht nicht bringen.