Die größten Schauspieler aller Zeiten N°2 Edward Norton – Zwiegespalten. Namenlos. Neo-Nazi.

– „Schlaflosigkeit vernebelt die Realität. Alles ist weit weg. Alles ist eine Kopie einer Kopie einer Kopie.“ (Fight Club)
– „Es ist schwer zurückzublicken und die Wahrheit zu erkennen, über Menschen, die man liebt.“ (American History X)

Edward Nortons Projekte sind für die Filmwelt das, was Tage für uns sind: Manche, die wir durchleben, sind grandios, andere verlaufen ereignislos und wieder andere absolut miserabel. Wirft man einen Blick auf Nortons Filmographie, dann wird deutlich: Das sieht ganz ähnlich aus. Die Frage ist: wieso? Er ist einer der eindringlichsten Schauspieler unserer Zeit, besitzt ein unheimliches Talent und verkörpert seine Figuren stets überragend. Seine Rollenwahl ist dafür viel zu willkürlich.

Seine Karriere begann schließlich so steil wie nur irgendwie möglich. Die erste Filmrolle 1996 bekam er an der Seite von Alteisen Richard Gere in dem Thriller „Zwielicht“ zugesprochen, in dem er einen jungen Häftling mit gespaltener Persönlichkeit darstellt. Diese Figurbeschreibung macht schon deutlich, dass sie jemand verkörpern muss, der ihr den nötigen Charakter verleihen kann. Vielschichtig, stark und mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Beobachtet man Norton schließlich bei seiner Arbeit, merkt man, dass der Neuling genau das schafft. Da wirkt sogar der alte Hase Gere irgendwie verloren. Über zwölf Nominierungen brachte ihm seine erste Rolle ein – darunter bereits eine für den Oscar- und sogar einen Golden Globe für die beste Nebenrolle durfte er sich ins Regal stellen. Was folgte, waren zwei Jahre und drei Filme, die alle keinen großen Durchbruch schafften, in denen Norton jeweils eine Nebenrolle spielte und die heute nicht als großartige Filme gefeiert werden. Doch vier Streifen in zwei Jahren, das macht deutlich, dass sich die Filmwelt nach seinem Auftritt in „Zwielicht“ um das junge Talent nur so rissen. 1998 winkte dann seine erste Hauptrolle: „American History X“.

Als weißer Skinhead Derek Vinyard verwandelte sich Norton erschreckend realistisch in einen geläuterten Neo-Nazi – wofür ihn die Filmwelt bis heute feiert. War er noch zwei Jahre zuvor als minderjähriger Häftling geehrt worden, stand er nun mit Glatze, Bart und nacktem Oberkörper vor der Kamera um mimte einen aggressiven, rassistischen und von Hass getriebenen Nazi – ein großer Kontrast, der seine Wandlungsfähigkeit deutlich macht. Aus seinem Frankstein-Blick in „American History X“ strahlt jedenfalls noch heute seine Eindringlichkeit. Die Folge waren erneut zahlreiche Nominierungen sowie eine für den Oscar alsbeste Hauptrolle – und dabei hatte er noch gar nicht richtig aufgedreht.

Seinen bisherigen schauspielerischen Höhepunkt errreicht Norton in David Finchers „Fight Club“ nach dem Roman von Chuck Palahniuk. Als namenloser Protagonist spielt er an der Seite von Brad Pitt in einem der größten Klassiker aller Zeiten mit – dafür lernte er extra ein wenig Boxen und Taekwondo. „Fight Club“ steht heute in der IMDB unter den besten Filmen aller Zeiten auf Platz vier. In Erinnerung bleibt sein Kampf mit sich selbst im Büro seines Chefs.

Nachdem „Fight Club“ 1999 abgedreht war, konnte Norton an seine bisherigen Erfolge nicht wieder anknüpfen. In gewisser Weise wurde sein Talent nie wieder so genutzt, wie in den Jahren zuvor, stattdessen spielt er in Filmen wie „Red Dragon“, der zwar kommerziell erfolgreich war, aber heute nicht als guter Film gilt, und „Der unglaubliche Hulk“ mit. Für seine Fans sind lediglich „Der Illusionist“, „25 Stunden“ und eventuell „The Italien Job“ interessant – denn auch wenn er in seinem letzten Film 2010 „Stone“ an der Seite von Robert De Niro und Mila Jovovich zu sehen ist, so floppte der Film sowohl an der Kinokasse als auch bei den Kritikern.

Sein Privatleben hing Edward Norton dagegen nie an die große Glocke. Er ist stets darauf bedacht, seinen Status als erfolgreicher Schauspieler klein zu halten, und sagt über sich selbst „Sollte ich irgendwann mal gezwungen sein, die U-Bahn nicht mehr benutzen zu können, bekomme ich bestimmt einen Herzinfarkt.“. Er hat eine private Fluglizenz und ist darüber hinaus Mitglied mehrerer Umweltschutz-Organisationen und beteiligt an Projekten für regenerative Energien. Er fällt in der Presse im Großen und Ganzen nicht auf – weder positiv, noch negativ. Seinen Einfluss als Schauspieler macht er sich zu Nutze, um sich Organisationen zu widmen, bleibt ansonsten jedoch unauffällig.

Seine nächsten Projekte heißen „Moonrise Kingdom“ und der vierte Teil der Bourne-Reihe „Legacy“, die seinen Ruf als das, was er ist, hoffentlich wieder herstellen können: einen der größten Schauspieler aller Zeiten. Ich für meinen Teil hoffe inständig, dass er an seine früheren Erfolge irgendwann wieder anknüpfen kann. Er hat ja noch genug Zeit dafür und die Hoffnung stirbt zuletzt. Möge seine Filmauswahl in Zukunft weiser ausfallen. Oder ist sein Managar gar Schuld an seiner willkürlichen Rollenwahl?