"Der große Gatsby” (AU/USA 2013) Kritik – DiCaprio als einsamer Multimillionär

Autor: Philippe Paturel

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„Gatsby? What Gatsby?”

F. Scott Fitzgeralds Romanklassiker „Der große Gatsby” ist einer der bedeutendsten Erzählungen der letzten 100 Jahre. Das düstere Märchen handelt von den Einwohnern einer erdichteten Stadt namens West Egg auf Long Island. In den Fokus der Erzählung rücken dabei drei Menschen: Jay Gatsby (Leonard DiCaprio), ein junger Multimillionär, der auf seinem riesigen Anwesen alle paar Tage Partys schmeißt, Nick Carraway (Tobey Maguire), ein Aktienhändler, der in ein kleines Haus neben Gatsbys Grundstück einzieht und sehr bald der beste Freund des Multimillionärs wird und die wunderschöne Daisy Buchanan (Carey Mulligan), Gatsbys ehemalige Geliebte und Nicks Cousine, die inzwischen allerdings mit einem anderen gut betuchten Bürger New Yorks verheiratet ist.

Nach den ersten Trailern hatte ich geglaubt, dass Baz Luhrmann der Filmwelt mit Bravour zeigen würde, wie ein Roman verfilmt werden muss. Es ist wichtig, eine ganz eigene Vision einer Vorlage zu haben und seine Vision von „Der große Gatsby“ setzt Luhrmann inszenatorisch auch konsequent um. Wie bereits „Romeo + Julia“ und „Moulin Rouge“ ist auch die Verfilmung von Fitzgeralds Dreiecksbeziehung das Hirngespinst eines Regieexzentrikers. Wer also bereits Luhrmanns frühere Filme für gewöhnungsbedürftig hielt, der wird auch hier nur schwer Zugang finden, zumal es Luhrmann nur zu selten daran gelegen ist, wirklich tief in die Gefühlswelt der Charaktere und die Eigenheiten der Goldenen Zwanziger einzutauchen.

Damit wären wir auch schon beim großen Schwachpunkt von „Der große Gatsby“ anno 2013: Luhrmann möchte der Geschichte unbedingt einen modernen Anstrich verpassen, was ja generell lobenswert ist, denn schließlich ist das auch Joe Wright letztes Jahr mit seiner „Anna Karenina“-Verfilmung gelungen. Doch wo Joe Wright im Laufe der Geschichte immer tiefer in die Gedankenwelt der Charaktere eingestiegen ist und Konflikte für den Zuschauer wirklich nachvollziehbar waren, so sind die Motivationen und Gefühle in „Der große Gatsby“ doch zumeist sehr oberflächlich. Da werden zwar die wichtigsten Stationen von Fitzgeralds Roman abgefahren, was es aber wirklich für Gatsby bedeutet, in Einsamkeit zu leben, das vermag Luhrmann leider nicht genauer auszuführen. Da muss dann auch die Erklärung herhalten, dass Gatsby seine fetten Partys nur schmeißt, um damit für ein paar Stunden seine Einsamkeit zu verdrängen.

Mit solchen Plattitüden hat der Film immer wieder zu kämpfen, was auch daran liegt, dass er der Fülle an Figuren und Themen einfach nicht gerecht wird. So wird zwar ersichtlich, dass Tom Buchanan, Daisys Ehemann, einer der angesehensten Bürger New Yorks ist, nur warum er so angesehen ist, bleibt ebenso offen wie die Frage, warum Luhrmann denn so dringend das Mysterium um die Person Gatsby lösen möchte. Andererseits werden die großen Themen der Goldenen Zwanziger nur mit Samthandschuhen angefasst. Zwar gibt es einen äußerst amüsanten Alkoholexzess zu bestaunen, doch auch die dort eingeführte Nebenhandlung wird im späteren Verlauf nur immer wieder mal angedeutet. Wirkliches Interesse an der Tatsache, dass Tom Buchanan mit einer anderen fremdgeht, besteht nicht, auch wenn diese am Ende noch eine zentrale Rolle spielt.

Sehenswert dürfte „Der große Gatsby“ also allerhöchstens für die Luhrmann-Fans unter uns sein. Die verrückte Kameraarbeit, die übertrieben pompöse Inszenierung, die frechen CGI-Effekte, all das kennt man bereits aus „Moulin Rouge“. Wer diesen Film mochte, der wird sich auch bei „Der große Gatsby“ nicht langweilen. Doch am Ende dürfte auch für Luhrmann-Fans „Der große Gatsby“ aufgrund der inhaltlichen und dramaturgischen Patzer eine kleine Enttäuschung sein. Schaffte Luhrmann es bisher immer die Liebe bis aufs Innigste zu zelebrieren, eine Welt zu kreieren, der man sich nicht entziehen kann, so gelingt ihm dies hier kaum. So zwiespältig wie der Film selbst ist dementsprechend auch das Schauspiel. In den großartigen Szenen können die Darsteller ihr volles Potential entfalten. Doch besonders Leonardo DiCaprio wirkt wie zuletzt in „Django Unchained“ komplett unterfordert, denn mehr als ein banaler Betrüger darf sein Gatsby nicht sein. Das soll nicht heißen, dass DiCaprio überhaupt nicht sein Können zeigen darf. Manche Szenen, wie das erste Widersehen von Gatsby und Daisy, sind geradezu emotional überwältigend. So auch die erste halbe Stunde, in der der Zuschauer direkt in eine von Gatsbys ausufernden Partys geworfen wird. Doch sind solche Szenen, in denen Schauspiel, Inszenierung, Musik und Humor/Drama perfekt miteinander harmonieren, zu rar gesät und ehe man sich versieht, geht es Luhrmann schon wieder um etwas ganz anderes. 

Fazit: „Der große Gatsby” ist opulent bebildertes Kino wie es nur Baz Luhrmann auf die große Leinwand zaubern kann, doch trotz dieser Opulenz springt die Magie nur selten auf den Zuschauer über. Luhrmann wirkt unentschlossen und interessiert sich leider kaum für die Gefühle der Figuren, wodurch vor allem die Konflikte der gesellschaftlichen Schichten, vorwiegend die Einsamkeit Gatsbys, reine Andeutung bleiben. Bei einem Epos dieses Ausmaßes erwarte ich einfach, dass der Innenwelt der Figuren mehr Zuneigung geschenkt wird und dass einige davon nicht nur als Zierde dienen. Stattdessen versucht Luhrmann, jede vorangegangene Szene in Sachen inszenatorischer Finesse zu übertrumpfen. Wie es sich in den Goldenen Zwanzigern wirklich gelebt hat, davon kriegt man jedoch nur im Ansatz einen Eindruck.