"Der große Trip" (USA 2014) Kritik – Selbstfindung im episodischen Gedankenrausch

Autor: Pascal Reis

null

„God is a ruthless bitch.“

Schon wieder lockt er, der Ruf der Wildnis. Im Falle von „Der große Trip – Wild“ ist dieser Antrieb, hinaus in die Natur zu schreiten, über Pfade zu waten, die nur wenige Menschen zuvor betreten haben, intrinsisch motiviert: Die unendlichen Weiten des Pacific Crest Trail fungieren im neuen Film von Jean-Marc Vallée als genügsame Klammer der Selbstverwirklichung. Aber dieses Genre vom strauchelnden Individuum, das sich durch die Wälder, eisigen Schnee und spröde Wüsten kämpfen, scheint ohnehin ein äußerst interessantes zu sein – Und profitable Anlaufstelle, wenn man sich den Abenteuern realer Persönlichkeiten annehmen möchte. Mit „Into the Wild“ verfilmte Sean Penn die idealistische und ebenso tragische Geschichte von Christopher McCandless, John Curran nahm sich mit „Spuren“ der beeindruckenden Geschichte von Robyn Davidson an,die 1975 eine unglaubliche Strecke von 3.200 Kilometern zu Fuß zurücklegte. McCandless und Davidson trafen sich in ihrer Abneigung gegenüber der modernen Gesellschaft, Cheryl Strayed ging es da anders.

In ihrem Roman „Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“, natürlich ein Bestseller, schrieb Strayed ihre Erfahrungen nieder und verdeutlichte, dass es nicht ihr Umfeld war, mit dem sie haderte, sondern mit der Person, zu der sie nach und nach geworden ist. Die einzige Möglichkeit, um sich selbst wieder ein Stück weit zu akzeptieren, sah sie in der Überquerung des über 1.000 Meilen langen Pacific Crest Trail: Von der mexikanischen Grenze, entlang der US-Westküste bis rauf nach Kanada. Nachdem Cheryl Strayeds Mutter Bobbi (hier gespielt von der tollen Laura Dern) in kürzester Zeit ihrem Krebsleiden erlagt, bricht für Cheryl eine Welt zusammen, was nicht nur die 7-jährige Ehe mit Paul (Thomas Sadoski) zerbrechen lässt, sondern auch ihre Existenz in nymphomanische Züge und exzessiven Heroin-Konsum entgleiten lassen. Was an dieser Stelle aber noch gar nicht klargestellt wurde: Gespielt wird Cheryl Strayed von einer famosen Reese Witherspoon, der es gelingt, die fordernde Palette an Emotionen mit nachdrücklicher Authentizität auszuarbeiten.

Man wusste es schon früh, dass Reese Witherspoon eine tolle Schauspielerin ist, nun aber, mit „Der große Trip – Wild“, den ihre Produktionsfirma finanzierte, hat sie eine künstlerische Reife erlangt, die sie zu den wirklich Großen in der Branche aufsteigen lässt: Die Furchen der Trauer auf ihrer Seele, die Verzweiflung in ihren Augen, das verschmitzte Lächeln, welches sich in ihren Grübchen entlädt, Witherspoon ist dieser Rolle gewachsen und Jean-Marc Vallée darf sich glücklich schätzen, nach Matthew McConaughey und Jared Leto, die beide einen Oscar für ihre Performance in „Dallas Buyers Club“ ergattern konnte, eine derart talentierte Darstellerin an vorderster Front aufzubieten. Was schnell auffällt: „Der große Trip – Wild“ ist ein bescheidener Film; einer, der sich nicht in den pittoresken Landschaftpanoramen suhlt, der sich aber auch nicht anschickt, Yves Bélangers Kamera jenen sklavisch nachzueifern, sondern die Expedition von Cheryl Stryed als Marsch an den Rand (und darüber hinaus) der Zivilisation versteht, noch mehr aber in das Innenleben seiner Protagonistin.

Metaphorisch ist da ihr Rucksack zu betrachten, von anderen Pilgern scherzhaft „Monster“ genannt, den sie mit Unmengen an unnützem Kram vollstopft und einen wahren Kampf ausfechten muss, um ihn überhaupt stemmen zu können. „Der große Trip – Wild“ kanalisiert diesen wenig subtilen Umstand aber nicht in eine eindeutige Bahn: Weder Traumata noch die Bewältigung dieser wiegen schwerer, es hält sich die Waage, Nick Hornby und Vallée suchen den Zwischenraum, die Überleitung, die Assoziation, die es selbstverständlich auch unumgänglich macht, idyllische Einstellungen ruckartig durch Erinnerungen und Halluzinationen zu unterbrechen. Zu Beginn erfolgt das nur in der Ellipse des Schnitts, „Der große Trip – Wild“ setzt das Mosaik nach und nach zusammen, bleibt volatil, lässt das Frönen der Theatralik und Melodramatik nie Rechnung tragen, hier besitzt der Gedankenrausch höchste Priorität, zusammengehalten von einer aufopferungsvollen Reese Witherspoon und dem motivisch eingesetzten „El Condor Pasa“ von Simon & Garfunkel. Definitiv ein Film, der sich seine Zweitsichtung verdient hat und auch dann durchaus noch Chancen hat, zu wachsen.