"Grossstadtklein" (D 2013) Kritik – Romantische Stangenware à la Schweiger

Autor: Stefan Geisler

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„Manchmal weiß ich echt nicht, was du willst“

Til Schweiger hat momentan die deutsche Film- und Fernsehlandschaft im Griff wie kein Zweiter. Wenn der nuschelnde Keinohrhase nicht gerade einen „Tatort“ in die Luft sprengt, kocht er vergnügt mit seinen Töchtern „Kokowääh“ oder fungiert als menschliches Schutzschild in „Schutzengel“ und dem deutschen Publikum gefällt es. Doch selbst wenn Schweiger mal nicht vor der Kamera in Erscheinung tritt, ist sein Einfluss auf das filmische Endprodukt deutlich spürbar. Tobias Wiemanns Leinwanddebüt „Grossstadtklein“ ist so ein Fall: Obwohl Til Schweiger lediglich als Produzent an dem Projekt beteiligt war, erinnert die romantische Komödie so stark an die letzten Schweiger-Filme, dass man jede Sekunde damit rechnet, Til doch noch im letzten Moment um die Ecke kommen zu sehen. Doch „Grossstadtklein“ scheitert nicht nur an den typischen Problemen momentaner Schweiger-Filme, so zum Beispiel die penetrant kitschige musikalische Untermalung, die einem die 98 Minuten Laufzeit vorkommen lassen wie einen überlangen Musikclip, sondern auch an eklatanten Drehbuchschwächen. Selbst ein größtenteils spielfreudiger Cast unter Führung von Jacob Matschenz („3 Zimmer/Küche/Bad“) kann in einem solchen Fall höchstens noch Schadensbegrenzung betreiben.

Gemeinsam mit seinen Freunden Ronny (Kostja Ullman) und Marcel (Pit Bukowski) verbringt Ole (Jacob Matschenz) eine wilde Jugend auf dem Land. Kein Wässerchen kann die Freundschaft der Schwalben-Bande trügen und an Morgen denkt man irgendwann einmal. Leider sehen Oles Eltern dessen Zukunftspläne nicht ganz so locker und beschaffen ihm kurzerhand ein Praktikumsplatz in Berlin. Ole versteht die Welt nicht mehr, warum soll er von zu Hause weg? Untergebracht wird er kurzerhand bei seinem Cousin Rokko (Klaas Heufer-Umlauf), der gar nicht erfreut ist, plötzlich einen Untermieter zu haben. Trotz der anfänglichen Bedenken fügt sich Ole recht schnell in sein neues Lebensumfeld ein, besonders angetan hat es ihm die kesse Fritzi (Jytte-Merle Böhrnsen), die offensichtlich auch Gefallen an dem Jungen vom Lande gefunden hat.

Großstadfeeling vs. Dorfleben: Ein nicht enden wollendes Füllhorn an Klischees, Vorurteilen und Streitigkeiten und damit wie gemacht für Literaten und Drehbuchschreiber, um diese augenzwinkernd in ihre Werke einzubauen. Denn während dem Großstädter jedermann außerhalb des eigenen städtischen Habitats als verblödeter Hinterwäldler erscheint, sieht der Mann vom Lande die Großstadt als Sündenpfuhl und Hort des Verbrechens. Doch Regisseur und Drehbuchschreiber Tobias Wiemann scheitert nicht nur vollständig daran, diese Klischees gekonnt zu persiflieren, sondern schafft es gar nicht erst, glaubhafte Szenerien zu kreieren. Besonders wenn sich Tobias Wiemann daran macht, ein Bild des Berliner Kiezlebens und deren Bewohner wiederzugeben, dürfte jeder waschechte Großstädter nur bestürzt den Kopf schütteln.

Wie schon in anderen Schweiger-Produktionen, versucht man auch in „Grossstadtklein“ wieder „emotionale Momente“ durch den Einsatz eines schmalzigen Soundtracks und unbeholfener Schnittcollagen künstlich zu generieren. Diese plumpe Methode wird jedoch an einigen Stellen dermaßen überstrapaziert, dass man sich vorkommt, als wäre man statt in einem Spielfilm gerade in einem nicht enden wollenden Musikclip gelandet. Im Generellen ist der Einsatz eines stimmungsverstärkenden Soundtracks natürlich nichts negatives, wenn jedoch permanent auf die soundtechnische Tränendrüse gedrückt wird und die Protagonisten alle paar Minuten bedeutungsschwanger ins Leere blicken, fällt es einem als Zuschauer schwer, die wirklich bedeutsamen Augenblicke vom bisherigen emotionalen Gefühlsbrei zu separieren.

Doch nicht nur das emotionale Fingerspitzengefühl, auch das Drehbuch lässt zu wünschen übrig, denn dieses gleicht einer Blaupause für romantische Komödien. Natürlich lässt sich bereits nach der ersten Begegnung zwischen Dorfjunge Ole und Großstadtdiva Fritzi erahnen, wie sich die Beziehung entwickeln wird. So darf natürlich vor einem in Pastellfarben getauchten Happy-End der erwartbare Zwist der beiden Turteltauben nicht fehlen, „Fremdknutschen“ (Oh Schreck!) inklusive. Statt sein Spielchen mit dem Klischee zu treiben, ist Tobias Wiemanns Spielfilmdebüt „Grossstadtklein“ selber so in Genrekonventionen festgefahren, dass man bereits nach dem Trailer die komplette Handlung vorausahnen kann.

Fazit: Um in Deutschland eine erfolgreiche romantische Komödie zu fabrizieren, braucht es augenscheinlich nicht viel, Tobias Wiemanns Berlin-Romanze „Grossstadtklein“ ist dafür das beste Beispiel. Wenn schon ein Drehbuch nach Schema F, ein schmalziger Soundtrack und ein Publikumsmagnet à la Klaas Heufer-Umlauf genug sind, um die Massen ins Kino zu locken, dann weiß man, warum das deutsche Kino schon seit Jahren ein Dasein im kreativen Vakuum fristet.