"Guardians of the Galaxy": (USA 2014) Kritik – Mit ausgestrecktem Mittelfinger gegen den Superhelden-Einheitsbrei

Autor: Stefan Geisler

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„I am Groot.“

Als bekannt wurde, dass Disney im Zuge der Marvel-„Phase 2“ die Guardians of the Galaxy auf die Leinwand bringen würde, war das Erstaunen groß. Außer Hardcore-Comic-Nerds hatte bis dato wohl kaum einer von diesen durchgeknallten Weltraum-Kopfgeldjägern gehört. Was versprach sich ein profitorientiertes Unternehmen wie Disney davon, diesen absoluten No-Names einen eigenen Film zu spendieren? Mit James Gunn („Super – Shut Up Crime!“) wurde zudem ein radikaler Indie-Filmemacher sowohl für die Ausarbeitung des Drehbuchs, als auch für den Regieposten verpflichtet, der auf den ersten Blick so gar nicht in das eng gestrickte Disney-Korsett passen wollte, schließlich waren dessen bisherige Arbeiten weder besonders massentauglich, noch konnten sie an den Kinokassen überzeugen. Letztendlich hat es sich für den Mäusekonzern jedoch bezahlt gemacht das Risiko einzugehen, denn Gunns „Guardians of the Galaxy“ triumphierte nicht nur an den Kinokassen, sondern gehört durch seine unverbrauchte Note zu dem Besten, was Disney/Marvel bisher in die Lichtspielhäuser gebracht hat.

Der heimatlose Tagelöhner Peter Quill (Chris Prat) erledigt als „Star-Lord“ Aufträge für zahlungswillige Geschäftsmänner. Diesmal soll er ein altes Relikt für einen Antiquitätensammler auftreiben. Leider haben es auch andere Parteien auf das Artefakt abgesehen haben und so landet Peter Quill plötzlich zwischen den Fronten eines intergalaktischen Konflikts. Inzwischen sind auch einige Kopfgeldjäger scharf auf den „Star-Lord“: Neben Rocket Racoon (Bradley Cooper) und dessen Baummenschen-Bodyguard Groot (Vin Diesel) hat es auch die geheimnisvolle Assassine Gamora (Zoe Saldana) auf den großmäuligen Taugenichts abgesehen…

Superhelden im Disneyland: Bereits kurze Zeit nachdem sich Disney den Comicgiganten Marvel einverleibte, zeigte sich, wie gut diese beiden Konzerne miteinander harmonierten. Das Bild des ewig korrekten Superhelden, der aus edlen, uneigennützigen Motiven die Menschheit in Endlosschleife vor dem Untergang bewahrt, passte nur allzu gut zum biederen Mäusekonzern, der schon seit über 80 Jahren weichgespülte Film- und Fernsehunterhaltung in die heimischen Wohnzimmer liefert. Zudem haben sich Comic-Adaption inzwischen nicht nur fest im Markt etabliert, sondern sind nach wie vor eine millionenschwere Gewinn-Oase der kriselnden Filmindustrie. Den Verantwortlichen ist natürlich bewusst, wie schnell es zu einer Übersättigung des Marktes kommen kann, denn bei all den Spinnenmännern, maskierten Rächern und kantenlosen Weltrettern, die sich inzwischen Jahr für Jahr ins Kino drängeln, verschwimmt auch beim comic-affinsten Kinobesucher irgendwann alles zu einem untrennbaren Superhelden-Einheitsbrei.

Bisher konnte Disney die Marvel-Produktionen durch die Verpflichtung talentierter Regisseure zwar weitestgehend frisch halten, dennoch wird man sich auch dort Gedanken darüber machen, wie lange mit Comic-Blockbustern noch das große Geld zu scheffeln ist. Es müssen Trennpfeiler her, die die Disney-Marvel-Produktionen gezielt von anderen Comic-Adaptionen abheben und dem Konsumenten nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Dementsprechend kann Marvels „Guardians of the Galaxy“ durchaus als Experiment gesehen werden, als bewusste Grenzüberschreitung – natürlich nur im Rahmen des Disney-Möglichen.

Für solche Auslotung der Grenzen ist James Gunns „Guardians of the Galaxy“ ein äußerst dankbares Opfer, denn die Fallhöhe des Projekts ist deutlich geringer als bei ähnlich budgetierten Comic-Adaptionen. Die Guardians of the Galaxy sind außerhalb von Amerika ein unbeschriebenes Blatt und selbst im Heimatland der Superhelden-Mär gehört die interstellare Kampftruppe längst nicht zu den beliebtesten Vertretern ihrer Art. Hätten sich die Weltraum-Wächter als Totalausfall erwiesen, hätte man wohl problemlos die Reißleine ziehen können. Vielleicht fühlt sich der Film gerade deshalb so an, als würde er eigentlich nicht in das Marvel-Universum gehören, denn anders als bisherige Disney/Marvel-Filme sind die Verbindungspunkte zu anderen Produktionen äußerst rar gesetzt. Ein Glück für Regisseur James Gunn, denn dieser muss nicht ständig Augenmerk darauf legen, ob sich der Film organisch in das Marvel-Gesamtgefüge eingliedert, was dem Regisseur deutlich mehr Platz für eigene Ideen lässt. So erschafft Gunn in knapp zwei Stunden Filmerlebnis einen eigenen Minikosmos, der zwar irgendwie in Verbindung mit dem bisherigen Universum steht, aber dem Zuschauer endlich einmal völlig fremde Seiten einer längst bekannten Welt eröffnet.

Eigentlich sind die Guardians mehr Schurken und Außenseiter, als strahlende Superhelden: Gnadenlose Krieger, verschlagene Schurken und waffenvernarrte Psychopathen bilden das Grundgerüst dieser Zweckgemeinschaft. Selbst die Motivation der einzelnen Charaktere wirkt nicht gerade heroisch, denn wer als treibende Kraft hinter seinen Aktionen Wünsche wie Reichtum, Ruhm und Rache zu stehen hat, der dürfte es nach genreüblichen Maßstäben wohl allerhöchstens zum Syth-Lord bringen.

Apropos „Star Wars“: Natürlich sieht man „Guardians of the Galaxy“ deutlich an, wo dessen Wurzeln liegen, denn die opulenten Weltraumgefechte und das detailverliebte Figurendesign lassen das Herz eines jeden Science-Fiction-Fans höher schlagen. Man kann nur hoffen, dass auch J.J. Abrams eine Karte für die Guardians löst, denn dieses Weltraum-Spektakel fühlt sich deutlich mehr nach „Star Wars“ an, als der verlängerte Wurmfortsatz der originalen „Star Wars“-Trilogie aka. „Star Wars“ Episode I-III.

Fazit: Mehr „Star Wars“ als Marvel: James Gunns bringt Abwechslung in das Marvel-Universum und serviert uns mit „Guardians of the Galaxy“ einen unorthodoxen Superheldenfilm und wohl einen der unterhaltsamsten Sci-Fi-Blockbuster der letzten Jahre.