"Guilty of Romance" (JP 2011) Kritik – Pervers, aber frei

„Sicherlich werde ich kein Mittel scheuen, um sie zu pervertieren, um in ihr all die falschen moralischen Prinzipien zu zerstören, umzustoßen, mit denen man sie vielleicht schon verdummt hat; ich will sie in zwei Unterrichtsphasen ebenso ruchlos machen, wie ich es bin … ebenso gottlos … ebenso verderbt.“ (aus „Die Philosophie im Boudoir“)

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Wie manch anderer Regisseur ist inzwischen auch der japanische Exzentriker Sion Sono vollkommen der Arbeitssucht verfallen. Dass dabei nicht nur Grenzen sprengende Meisterwerke wie „Love Exposure“ herauskommen müssen, hat zuletzt sein Fehltritt „Cold Fish“, der ohne Weiteres zu den schlechtesten und peinlichsten Filmen der letzten Jahre gezählt werden darf, bewiesen. In „Guilty of Romance“ findet Sono nun glücklicherweise rechtzeitig den Weg zurück auf die Bahn und stellt uns eine perverse Odyssee über sexuelles Verlangen, gesellschaftlichen Umschwung und unterdrückte Triebe vor, und bringt damit seine Hass-Trilogie zu einem mehr als zufriedenstellenden Abschluss.

Izumis Alltag ist von Arbeit und Perfektion geprägt. Tag ein Tag aus kocht sie für ihren Mann, kauft ihm genau diese eine Seife und legt für ihn die Hausschuhe aufs Haar genau zurecht. Nur soll sie wirklich bis an das Ende ihrer Tage dieser Gewohnheit folgen? „Guilty of Romance“ schildert den Ausbruch aus einem Alltag wie diesem, die Flucht vor gesellschaftlichen Konventionen. Geplagt von ihrer Einsamkeit, da ihr Mann kaum zu Hause ist, nimmt Izumi eine Stelle in einem Supermarkt an und macht dort Bekanntschaft mit einer Universitätsdozentin. Was diese Frau jedoch in ihrer Freizeit treibt, das kann Izumi anfangs nicht ganz glauben. Die Neugierde obsiegt trotzdem und so gerät Izumi mitten in einen Mordfall und erfährt einen Selbstfindungstrip, wie man ihn im Kino noch nie erlebt hat: Sexistisch bis zum Umfallen, schweinisch und bestialisch, und, wie von Sono nicht anders zu erwarten, ausnahmslos überspitzt und grotesk inszeniert. Aus einem Rausch von Farben und skurrilen Gestalten wie aus einer anderen Welt entsprungen, wird „Guilty of Romance“ zu einer Ballade des Schmerzes, welche sich ganz besonders am Ende voll entlädt. Ob sich Izumi letztendlich selbst gefunden oder ihr Leben zerstört hat, das muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Viele Fragen bleiben offen, das prachtvolle Tokio wird zum Schauplatz für Sexploitation und man erlebt mal wieder einen Sono, wie man ihn zu lieben gelernt hat.

Was man Sono vorwerfen kann, ist das krampfhafte Ankämpfen gegen die cineastische Etikette. Er lässt es sich einfach nicht nehmen, alles möglichst speziell und anders zu erzählen. Gleichzeitig ist er ein total Kopierverrückter. Ob Kafkas „Das Schloss“, Zitate aus „Die Philosophie im Boudoir“ oder eben ewige Kameraeinstellungen wie man sie aus Noés Publikumsspaltern kennt, Sono scheint es eine wahre Freude zu bereiten, sich bei anderen Künstlern zu bedienen. Und doch muss man ihm eines lassen: Seine Selbstfindungskur bleibt einzigartig und die Einflüsse anderer weiss er gut für sich zu nutzen. So ist „Guilty of Romance“ am Ende ein absolut gelungener Film, der sich gekonnt mit der menschlichen Lust und der Sehnsucht nach einem aufregenderen Leben auseinandersetzt. Äußerst provokant, aber immer auf den Punkt gebracht, mit sehr gut ausgearbeiteten Charakteren und einer unersetzlichen Atmosphäre, welche die Möglichkeiten der Kunst auf die Spitze treibt. Und mal ehrlich, wer kann schon einer Würstchenverkäuferin wie Izumi widerstehen. Ein Schlingel, dieser Sono.