"Habemus Papam" (FR/IT 2011) Kritik – Michel Piccoli wird zum neuen Papst

„Ich habe ein Zuwendungsdefizit, aber ich weiß nicht was das sein soll.“

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Stirbt ein Papst, hält die Welt die Luft an. Nicht nur auf Grund der schweren Trauer um das verstorbene Oberhaupt, sondern auch aus Vorfreude und Ewartung an der bevorstehenden Neuwahl. Inzwischen werden auf dieser Wahl sogar schon Unmengen von Geld gewettet und in die Richtung des Glücksspiel gedrückt. Aber auch der Papst selbst hat heute einen völlig anderen Stand als vor hunderten von Jahren, was natürlich verständlich ist. Das soll allerdings nicht heißen, dass die katholische Kirche mit der Zeit geht und alles etwas lockerer sieht, Respekt und Anerkennung des Heiligen Vaters sind das oberste Gebot, aber der Papst wird bei seinen öffentlichen Auftritten vom sämtlichen Nationen gefeiert wie ein Superstar, der eine Konzerttour durchs Land macht. Der beliebte Papst wird schon längst von den Gläubigen als cool betitelt und Ausrufe wie beim Fußball überkamen uns 2005, als wir T-Shirts und Banner sahen, auf denen „Wir sind Papst!“ standen. Rundum das Thema Konklave dreht sich auch Nanni Morrettis neuste Tragikomödie ‚Habemus Papam‘ aus dem Jahre 2011.

Der Papst ist tot. Lang lebe der Papst! Wenn der weiße Rausch dem Himmel entgegen steigt, dann sind die Erwartungen auf den neuen Papst unhaltbar. Doch was ist, wenn der neue Papst gar nicht Papst sein will? Kardinal Melville ist so ein Fall und wird ganz panisch in Anbetracht seiner neuen Position. Er hat Angst sich der ganzen Welt zu zeigen und beschließt deshalb, zu fliehen und in der Stadt umherzuirren. Der Vatikan sucht nach Lösungen, Melville nach sich selbst und die Welt wartet…

Als Kardinal Melville, der zum Papst erklärt wird, sehen wir einen der ganz großen europäischen Schauspieler: Michel Piccoli. Durch Filme wie ‚Die Verachtung‘, ‚Das große Fressen‘ oder ‚Belle de jour‘ machte er sich zum Star. Auch im stolzen Alter von 86 Jahren hat Piccoli noch nichts gelernt und versteht es nach wie vor seinen Charakter toll zu verkörpern und keine Wünschen offen zulassen. Piccoli passt nicht nur optisch in die Rolle, sondern strahlt auch das Charisma eines echten Papstes aus. Regisseur Nanni Morretti spielt ebenfalls mit und stellt den Professore Brezzi gut dar, der den zweifelnden Kardinälen durch die schwere Zeit hilft. Auch die kleinen Nebenrollen der verschiedenen Päpste wie Brummer oder Gregori sind mit Ulrich von Dobschütz und Renato Scarpa fein besetzt.

Nanni Morreti ist einer der italienischen Regisseure, die bis jetzt eine feine und wirklich qualitative Karriere vorzuweisen haben. Mit ‚Das Zimmer meines Sohnes‘ konnte er 2001 sogar die goldene Palme Cannes erobern, die inzwischen einen viel größeren Wert hat, als der Oscar. Auch ‚Der Italiener‘ von 2006 zählt zu den besten italienischen Filmen und begeisterte das Publikum auf verschiedensten Festivals. Als sich dann ankündigte, dass Morreti seinen nächsten Film über die Wahl des Papstes und die „Folgen“ drehen möchte, wurde wieder eine interessante Basis gelegt. Morreti machte keinen Hehl daraus und erklärte in aller Deutlichkeit, dass er weder ein religiöser Mensch ist, noch an Gott glaubt. Wer aber nun denkt, Morreti würde sich dem Thema ohne jegliches Taktgefühl oder Rücksicht auf die Kirche nähern, der täuscht sich gewaltig. ‚Habemus Papam‘ beginnt mit einigen Originalbildern vom Tod eines Papstes und schneidet den Film dann direkt in den Trauermarsch der Kardinäle. Daraufhin gewährt uns Morreti den Einblick in das Wahlverfahren, in die Vorgänge und die inneren Wünsche der Kardinäle, von denen keiner Papst werden möchte. Schwarzer Rauch wird zu weißem Rauch und es musste schließlich jemanden von den über hundert Kardinälen treffen und dort begegnen wir unserer Hauptfigur Kardinal Melville, der im ersten Augenblick gar nicht weiß, was er sagen soll und sichtlich überfordert ist. Doch das Gefühl geht nicht und Melville kann sich einfach nicht mit der Situation abfinden und hat schreckliches Muffensausen davor, auf den Balkon zutreten und sich der jubelnden Menge vorzustellen. Er sieht sich gezwungen zu flüchten und in der Stadt unterzutauchen. Irgendwie muss er zu sich finden, einen klaren Kopf bekommen und sich seinen neuen Pflichten endlich stellen. Doch in ‚Habemus Papam‘ kommt alles ein bisschen anders und Morreti zeigt sich nicht nur aufgeschlossen für das ihm doch recht fremde Thema, sondern arbeitet mit dem schlimmsten Fall.

‚Habemus Papam‘ ist auch für nicht religiöse Menschen ohne Probleme zu empfehlen. Morreti, der selbst nicht gläubig ist, nimmt sich dem Thema nie mit blasphemischer Spitzzüngigkeit an, sondern setzt auf den leichten Humor, der zwar nicht zu den großen Brüllern verhilft, aber immer ein sympathisches Lächeln hervorruft. Und da sind wir auch beim richtigen Wort: sympathisch. Morreti versteht es, seinen Film auf keine Sichtweise festzulegen und stellt die Kirche und ihre Anhänger viel mehr als Menschen dar, als fanatische Kardinäle, die keine Fehler zulassen können und jegliches Fehlverhalten bestrafen. ‚Habemus Papam‘ verkommt zu keiner Sekunde zu einem strengen Tischgebet mit gefalteten Händen, sondern wird zu einer freien Komödie, die manchmal nicht das Gleichgewicht zwischen den komödiantischen Passage und den überzogenen hält. Ein symbolisches Volleyballspiel der Kardinäle ist an und für sich sicher ein netter Gedanke, nur in der Umsetzung und in Anbetracht mit dem gesamten Film vollkommen fehl am Platz. Was Morreti gut darstellte, ist die Verzweiflung und Angst, die ein solcher Mann durchmachen muss, wenn ihm von jetzt auf gleich eine der größten Lasten und Bürden auf die Schultern gelegt wird. Man kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, man kann es versuchen, doch am Ende muss man sich ihr immer stellen und selber entscheiden, welchen Weg man nun einschlägt. ‚Habemus Papam‘ ist eine respektvolle und leichte Komödie mit schönem ernsten Grundgerüst, welche manchmal zwar nicht richtig weiß in welche Richtung es gehen soll, aber wunderbar die Fehlbarkeit und Verwirrung dieser Situation offenbart und mit einem Ende auffahren kann, welches so nicht zu erwarten war.

Fazit: ‚Habemus Papam‘ ist genau der richtige Film, den man sich zwischendurch angucken kann, ohne das er einen zu sehr beschäftigt oder verblöden will. Michel Piccoli ist nach wie vor ein toller Schauspieler, die Musik ist mehr als passend und auch Morrettis Inszenierung weiß zu überzeugen, wenn sie auch manchmal etwas zu viel will. Ein wirklich schöner und leichter Film mit ernsten Grundton.

Bewertung: 7/10 Sternen