“Hänsel und Gretel: Hexenjäger" (USA 2013) Kritik – Die Gebrüder Grimm Reloaded

Autor: Philippe Paturel

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„Some people will say that not all witches are evil, that their powers could be used for good. I say burn them all!“

Das Schicksal der Geschwister Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) scheint vorherbestimmt. Eines Nachts müssen sie gemeinsam mit ihrem Vater von zu Hause weglaufen, denn etwas Böses bahnt sich an. Tief in die Wälder fliehen sie, bis die beiden Kinder ohne Worte von ihrem Vater zurückgelassen werden. Verängstigt und verloren irren Hänsel und Gretel durch die Wälder, bis sie auf eine Hütte treffen, die nur aus Süßigkeiten zu bestehen scheint. Doch schnell erweist sich das zuckersüße Haus als teuflische Falle einer finsteren Hexe. Doch mit vereinten Kräften kann das Geschwisterpaar den Fängen der Hexe entkommen und ab diesem Moment haben die Beiden nur noch ein Ziel vor Augen: Die Welt vom fiesen Hexenpack säubern…

Jeder kennt es, das düstere Märchen um die Geschwister Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern ausgesetzt, hilflos durch den Wald irren und in die Fänge einer bösartigen Hexe geraten. Umso gerechtfertigter ist es, einer Verfilmung dieses klassischen Marchenstoffes mit großer Skepsis entgegenzublicken, denn schon lange stehen Märchen-Adaptionen unter keinem guten Stern mehr. Egal ob nun Terry Gilliams unsäglicher „The Brothers Grimm“ oder die noch schlimmeren „Red Riding Hood“ und „Das Rotkäpchen-Ultimatum“, der momentan grassierende Modernisierungswahn in Hollywood verschandelt regelrecht die beliebten Märchen von Grimm und Co. Auch wenn „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ in dieser Aufzählung mit Sicherheit keine Ausnahme darstellt, ist Tommy Wirkolas („Dead Snow“) Märchen-Adaption glücklicherweise keine komplette Bruchlandung wie beispielsweise letztes Jahr „Snow White and the Huntsman“. Das Drehbuch zu „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ ist zwar unleugbar nicht viel besser als das der genannten Adaptionen, der Einfachheit des Drehbuchs ist es aber auch zu verdanken, dass sich Tommy Wirkola voll austoben kann. An dieser Stelle wäre wohl bei jedem anderen Regisseur ganz großer Mist herauskommen, doch dank Wirkolas ungebändigter Kreativität gestaltet sich der gerade mal 88-minütige Märchen-Fun-Splatter aber als enorm kurzweilig, unterhaltsam und einfallsreich. Das ist zumindest insofern ausreichend als dass Genre-Afficionados nicht langweilig werden dürfte.

„Reichlich übertrieben“ ist in diesem Hexengemetzel sowieso das Stichwort. Da macht Tommy Wirkola auch keinen Halt davor, Hänsel unter Blutzucker leiden zu lassen (gegen den er sich immer wieder eine Spritze setzen muss), die beiden Recken mit hochmodernen Waffen auszustatten, die Eröffnungssequenz ähnlich komplex wie die des neuesten James Bond „Skyfall“ zu gestalten und die Leinwand vor lauter Action, Blut und Körperteilen zum überquellen zu bringen. Der hohe Hexen-Body-Count versteht sich im Laufe des Films von selbst und genau das sorgt zeitweise für ungemein gute Laune. Und trotzdem kann bei weitem nicht von gelungener Fantasy-Unterhaltung die Rede sein.

Das Ärgerlichste an dieser Märchen-Adaption ist, dass Tommy Wirkola sich zwar in Horror-Gefilden bewegt, es ihm aber nie daran gelegen ist, dem Zuschauer wahrlich das Fürchten zu lehren . Diesem Stoff, der sicherlich auch abseits des hohen Gorefaktors für Horror-Stimmung hätte sorgen können, nimmt er durch mies gestaltete Hexenvisagen, die für unfreiwillig komische Momente sorgen, jedweden Furcht-Faktor. Alles dient einzig dem Zweck, sich auf der großen Leinwand blutig auszutoben. Dementsprechend schafft es Wirkola auch zu keiner Sekunde, dass der Zuschauer sich für die titelgebenden Helden der Geschichte interessiert. Hänsel und Gretel bleiben bis auf wenige Momente einzig und allein durch ihre Kunstkniffe im Hexentöten in Erinnerung.

Fazit: Die Story ist unter aller Kanone, die Hexen sehen schrecklich aus, und trotzdem kann Tommy Wirkolas erste Arbeit im Auftrag Hollywoods teilweise sehr unterhaltsam sein. Um wirklich Spaß an „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ zu haben, ist ein Mindestmaß an Interesse für skurrilen Märchenstoff allerdings unabdingbar. Splatter-Freund sollte man zudem auch sein, um Renners und Artertons blutigem Feldzug etwas abgewinnen zu können. Kunstblut und zerteilte Körper dürften dieses Jahr nämlich kaum ein weiteres Mal in diesen Mengen dem Zuschauer um die Ohren fliegen.